Gestatten, Walter – Seite 16 – Teil 1 – Montagvormittag, Walter

Buch, Kultur

Täglich wird hier eine Seite einer Geschichte veröffentlicht – sie trägt den Arbeitstitel Gestatten, Walter und untersteht dem alleinigen Copyright von Pascal Wiederkehr. Die Geschichte stammt aus einem Manuskript, welches nur grob überarbeitet wurde, und kann deshalb Fehler in Grammatik und Rechtschreibung aufweisen.

Da fällt mir etwas ein, Joe Black hat doch hier eine Wohnung die er ganz selten braucht. Vielleicht lässt er mich dort übernachten, wobei nein, der ist wohl immer noch sauer auf mich. Nur weil ich vor einem Jahr zufällig seinen Weg gekreuzt und jemanden früher als geplant aus dem grossen Goldtopf des Lebens gefischt habe. Warum sind alle dauernd so nachtragend? Du hast meinen Sohn getötet, du hast meine Mutter getötet, du hast meinen Vater getötet, meine Schwester, meine Tochter, meinen Bruder, meinen Onkel, meine Grossmutter, meine Tante, meine Cousine, mein Hund, meine Katze, meine Ratte, meinen Dachs – am Ende wollen doch alle nur Rache. Interessant wird es dann wenn der Auftraggeber einen Auftragsmörder engagiert und dann ein Verwandter oder Bekannter des Opfers wiederum denselben Auftragsmörder engagiert um sich zu rächen. Komplizierter hingegen ist es, wenn ein Verwandter oder Bekannter lieber den Auftragsmörder tot sehen will. Hier schaltet sich, ähnlich dem Beichtgeheimnis, Amtsgeheimnis, Arztgeheimnis oder Bankgeheimnis, der Ehrenkodex ein. Der Auftragsmörder bleibt immer im Dunkeln. Der Auftraggeber wird beim Mordverleih keinen willigen Informanten finden. Normalerweise. Wenn nicht, dann hat man ein grösseres Problem. Vielleicht muss wieder jemand sterben, vielleicht stirbt der Auftraggeber, vielleicht der Informant oder niemand. Das letztere geschieht selten. Viel zu selten. Es muss immer jemand sterben sonst ist es doch viel zu langweilig. Der Tod ist immer irgendwo in einer dunklen Ecke, hinter dem Kühlschrank, unter dem Bett. Der Tod kann der Postbote, der Milchmann, der nette Kassierer, das hübsche Model, der Metzger, die Stewardess, die Pilotin, der Lehnsherr, die Gräfin, die zukünftige Gattin eines Prinzen sein. Wohin unser Leben auch führt, der ständige Begleiter ist der Tod. Doch das muss nichts Schlimmes bedeuten, denn manchmal ist der Tod auch faul und oft lässt er uns bis in das hohe Alter in Ruhe. Faul ist er sowieso. Er kommandiert nur andere herum und lässt die Drecksarbeit für ihn erledigen. Er schickt Auftragsmörder, zettelt Kriege an, verwirrt die Psychen der Menschen und lässt sie von Dächern springen, lässt Autofahrer betrunken Kinder überfahren, lässt Menschen vergessen den Gasherd auszuschalten, bringt die Menschen dazu keinen Ausweg mehr zu sehen. So bin ich doch nur ein Bote, sozusagen auserwählt die Arbeit des Todes auszuführen, dessen Pläne in die richtige Richtung zu lenken. Doch das wäre viel zu einfach. Wo wäre dann der Wille des Menschen? Die Macht Entscheidungen zu treffen? Bin ich nur ein Werkzeug oder ein Individuum? Wenn ich es wüsste, dann würde ich wohl niemanden mehr töten, oder? Im Grossen und Ganzen steht es ausser Frage dass ich lieber Gott spiele statt eine Marionette zu sein. Deshalb bin ich wohl halb-halb, halb Werkzeug, halb Individuum. Das ist ja auch nicht schlecht. Besser als nichts zu sein.

Copyright Pascal Wiederkehr

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