Gestatten, Walter – Seite 34 – Teil 1 – Raya und Sakina

Buch, Kultur

Täglich wird hier eine Seite einer Geschichte veröffentlicht – sie trägt den Arbeitstitel Gestatten, Walter und untersteht dem alleinigen Copyright von Pascal Wiederkehr. Die Geschichte stammt aus einem Manuskript, welches nur grob überarbeitet wurde, und kann deshalb Fehler in Grammatik und Rechtschreibung aufweisen.

Raya und Sakina
Aus Walters Tagebuch

Wenige Tage nach dem Waffenstillstand des ersten Weltkriegs am 11. November 1918, in einem Bahnwaggon, im Wald von Compiègne, Frankreich, trugen ägyptische Nationalisten ihren Wunsch zur Unabhängigkeit an General Reginald Wingate, seines Zeichens Administrator von Ägypten und Sudan. Kurz darauf folgten Streiks und Demonstrationen aller Schichten, was zum Stillstand des gewöhnlichen Alltags im Land führte. Das Britische Regierung sandte Alfred Milner aus, um die Lage in der Kolonie zu untersuchen und empfahl den Status als Protektorat aufzuheben. Im Februar 1922 war das Britische Königreich dazu genötigt eine Unabhängigkeit unter gewissen Bedingungen anzubieten, unter anderem blieben die britischen Truppen weiterhin im Land stationiert und somit war die Unabhängigkeit vorläufig als provisorisch anzusehen.

Daran waren zwei Frauen in keiner Weise beteiligt. Raya und Sakina, beide Ägypterinnen nutzten die Gunst der Stunde aus. Die Unruhen hatten im November 1919 auch die Grossstadt Alexandria erfasst und somit war die Polizei mit anderweitig beschäftigt. „Wir können unsere Kriegskasse aufbessern, Sakina“, flüsterte ihr die kleine, gedrungene Raya ins Ohr „draussen herrscht das Chaos und niemand wird uns verdächtigen.“ Sakina beobachtete die bebenden Nasenflügel ihrer Freundin. Ja, sie hatten beinahe nichts zu leben, hier in der Gegend rund um das hübsche Quartier Labban lebten viele, reiche, ungeschützte Frauen und sie gehörten ganz bestimmt nicht zur betuchten Gesellschaft Alexandrias. „Aber wie wollen wir das den anstellen?“, fragte Sakina nervös, sie waren verlorene Seelen in dieser unruhigen Hafenstadt, trotzdem konnte sie sich Verbrechen schlecht vorstellen. Sakina klopfte ihr auf den Rücken und sagte: „Mach dir keine Sorge, befolge meine Anweisungen und die Sache wird für uns ein Leichtes. Wir nehmen ein paar reiche Frauen aus und schaffen sie uns vom Hals.“ Die Frauen kratzten ihr letztes Geld zusammen und mieteten eine freie, kleine, schmucklose Wohnung in Labban. Hier lebten die Schönen und Reichen Alexandrias, bald würden sie weniger schön und weniger reich sein, dachte Sakina voller Vorfreude.

Copyright Pascal Wiederkehr

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