Gestatten, Walter – Seite 67 – Teil 1 – Donnerstagvormittag, Lea

Buch, Kultur

Täglich wird hier eine Seite einer Geschichte veröffentlicht – sie trägt den Arbeitstitel Gestatten, Walter und untersteht dem alleinigen Copyright von Pascal Wiederkehr. Die Geschichte stammt aus einem Manuskript, welches nur grob überarbeitet wurde, und kann deshalb Fehler in Grammatik und Rechtschreibung aufweisen.

Was liegt hinter dir, was liegt vor dir? Damals hatte das nie jemanden interessiert, mit elf oder zwölf Jahren wollte man lieber mit Freunden spielen, niemals die Hausaufgaben machen und hatte keinen Blick für die Probleme dieser Welt. Einige waren körperlich oder geistig reifer als andere, einige gut im Sport, andere hatten bessere Noten. Das Leben spielte zwischen Schule, Freunden und Zuhause. Wobei ein wirklich grosser Unterschied zwischen meinem Leben und dem Leben eines Primarschülers besteht nicht, alles dreht sich nur darum bei meinen Arbeitskollegen gut dazustehen und abends müde auf der Couch zu sitzen. So hatte ich mir das während meines Studiums auch nicht vorgestellt, berühmt wollte ich werden, der angesehenste Stern im Medienuniversum und jetzt bin ich eine besseres Boxenluder für die Nachrichten des Staatsfernsehens, das hübsche Aushängeschild als Gegenstück zum stets adretten Nachrichtensprecher Steve. Also eigentlich heiss er Stefan, aber weil er cool ist nennt er sich Steve. Hier geschieht zu wenig, du musst ins Ausland wenn du richtigen Journalismus betreiben willst, raten ehemalige Studienkollegen, Boris der muskulöse Frauenversteher zum Beispiel arbeitete jetzt in England für die Sun und schreibt Schundartikel am Laufband, verdiente dabei aber sehr gut. Im Gegensatz zu mir war er wenigstens zufrieden mit seinem Leben. Da wäre auch noch Ramona zu nennen, die ewige Streberin, alle hatten sie gehasst weil sie ständig Dinge fragte die eigentlich für alle anderen auf der Hand lagen, arbeitet jetzt für den Spiegel in Hamburg und war im Gegensatz zu mir glücklich. Das konnte ich den netten Briefen entnehmen, welche sie mit erschreckender Regelmässigkeit an viele ehemalige Kommilitonen schickte und mich zum Lesen ihrer freudigen Botschaften verdammte. Alle waren glücklich nur ich nicht, naja nicht alle, sagen wir mal die anderen Menschen auf dieser Welt die genug verdienten um sich über ihr Fortbestehen keine Sorgen machen zu müssen. Verrückt ist es doch sowieso, ich mach mir hier meine Gedanken und versau mir den Tag weil mir mein gut bezahlter Job beim Staatsfernsehen irgendwie gegen den Strich geht. In anderen Ländern suchen Menschen auf Müllhalden nach verwertbarem Material um dafür ein paar Groschen rauszuschlagen und nicht verhungern zu müssen. Aber so ist sie, unsere Welt, täglich regen wir uns auf, wenn die Putzfrau nicht richtig Deutsch kann, doch kein einziger Schweizer meldet sich freiwillig für diese Aufgabe. Jeff lässt täglich alle afrikanischen Drogenhändler aufsammeln und in Untersuchungshaft stecken, ausschaffen können wir sie alle nicht, weil alle kollektiv ihr Heimatland vergessen haben, währenddessen wollen die Behörden einen Schüler aus Afrika abschieben der jahrelang bei uns zur Schule gegangen ist und die Schule mit Bestnoten abgeschlossen hat. Ich versinke in meinem eigenen Sumpf aus Mitleid, na toll, dabei wollte ich doch endlich für den heiss erwarteten Bericht recherchieren, den morgigen Hit gleich nach Kate und William, künftige Verheiratete, die ihre Ehe dank den vielen Scheinwerfern die sie beleuchtet nie geniessen können und stattdessen bei geheimen Treffen in der dunkelsten Kammer ihres Schlosses die Liebe zelebrieren müssen. Ganz tolle Aussichten.

Copyright Pascal Wiederkehr

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