Gestatten, Walter – Seite 92 – Teil 1 – Freitag, Lea

Buch, Kultur

Täglich wird hier eine Seite einer Geschichte veröffentlicht – sie trägt den Arbeitstitel Gestatten, Walter und untersteht dem alleinigen Copyright von Pascal Wiederkehr. Die Geschichte stammt aus einem Manuskript, welches nur grob überarbeitet wurde, und kann deshalb Fehler in Grammatik und Rechtschreibung aufweisen.

„Waren Hauser und Caminada befreundet?“, fragte Lea aufs Geratewohl. Herr Frisch nickte mehrmals: „Sie waren sogar die besten Freunde, eigentlich eine vierer Gruppe, haben zusammen gelernt, gespielt und Abenteuer erlebt, ausserdem mich ständig zur Weissglut getrieben.“ Vier Freunde? Wer waren die anderen zwei Freunde? „Wissen Sie denn noch die Namen der restlichen Freunde?“ „Natürlich, waren doch alle in meiner Klasse. Das wären der, ähm, Beat Luggisberg und wie hiess der vierte, ach Hirn lass mich nicht im Stich… ach ja… Moritz Wegmüller. Waren alle ständig zusammen, bis irgendwann Beat Luggisberg aus der Gruppe ausgestossen wurde und die vierer Gruppe nur noch aus drei Freunden bestand“, erklärte Herr Frisch und nahm den letzten Schluck Tee aus der kleinen, weissen Porzellantasse. Lea musste gar nicht mehr sagen, sie spürte, dass Herr Frisch weitersprechen wollte – auch ohne ihr zutun. „Ich muss ausholen wenn Sie verstehen wollen was genau passiert ist, damals als Beat seinen Freunden den Rücken kehrte. Ich weiss auch nicht alles und vieles nur aus zweiter Hand. Beat war bei vier Freunden das fünfte Rad am Wagen, blitz gescheit, sag ich Ihnen, der konnte die Fragen beantworten bevor sie überhaupt gestellt waren, irgendwie arrangierten sich Britta, Moritz und Christoph mit ihm, hatten Spass, genossen gemeinsam die Kindheit in vollen Zügen, auch wenn mir Beat manchmal ein wenig unglücklich wirkte. Ich bin kein Psychologe, kennen Sie Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“? Ich besitze jedes Werk Frischs, mein grösster Schatz ist eine signierte Originalausgabe von „Bin oder Die Reise nach Peking“. Beat war, selbstverständlich nur ein stückweit Theo Gantenbein, er sah die Umwelt so wie er sie sehen wollte, er spielte Beat Luggisberg, der vierte, glückliche Freund. Er konnte oder wollte die Wahrheit nicht erkennen, Britta, Moritz, Christoph waren ihm intellektuell unterlegen, hinderten ihn an der Entfaltung und spielten nur aus Mitleid mit ihm. Gut genug für Hilfe bei den Hausaufgaben, oder beim Abschreiben an Prüfungen. Gäbe es Kastalien, Beat wäre damals wohl dort vorgeschlagen worden. Die behütete Welt dieses Bildungsreiches hätte ihm besser getan als die auf Erfolge getrimmte richtige Welt. Nach zwei Jahren der Freundschaft, sechste Klasse, kurz vor der Entscheidung Gymnasium oder Bezirksschule, war bereits im Voraus allen klar wohin der Weg für Beat führen würde, ans Gymnasium, weg von den Freunden. Diese begannen ihn deswegen aufzuziehen, obwohl am Ende auch Britta ans Gymnasium ging, bis am Ende Beat nichts mehr mit den dreien zu tun haben wollte und sich zurück zog.“ Eifrig notierte Lea alles gehörte auf einen Zettel, davon beantwortete aber nichts die Frage warum Beat genau aus der Gruppe ausgeschlossen wurde, Gymnasium hin oder her. „Was ist genau geschehen?“ Herr Frisch sah sie verlegen an, er wollte seine Informationen aus zweiter Hand ungern herausrücken. „Leider kann ich es nicht genau sagen, weil ich es nicht weiss. Man erzählt sich viele Geschichten darüber, damals war es ein kleiner Skandal gewesen. Vier Freunde brachen in der Schule ein, zerstörten Globen, verkratzten die Schultafeln und verursachten in den Toiletten eine grosse Überschwemmung. Hätte sich Luggisbergs Gewissen nicht gemeldet, dann wären die Täter wohl nie gefunden worden. Aufräumen und Realersatz durch die Eltern war die Konsequenz, doch keineswegs die einzige Konsequenz. Als Dankeschön fesselten sie Luggisberg im Wald an einen Baum und liessen ihn eine Nacht alleine zurück. Beschmutzt und durchfroren entdeckten ihn die Spürhunde der Polizei, worauf er den Rest des Jahres in der Nachbarsgemeinde zur Schule ging. Jetzt ist er Professor für Physik an der ETH in Zürich, lebt alleine und besitzt einen Dackel“, sagte Herr Frisch und schloss damit die Ausführungen. Das war doch was, Mord aus Rache? Rächte sich Beat an seinen ehemaligen Freunden? Dann wäre wohl Moritz Wegmüller der nächste. Moment ich sollte nichts überstürzen, es kann auch ein ganz anderer Hintergrund und nur Zufall sein. Lea bedankte sich bei Herr Frisch, er musste sowieso noch weg um einzukaufen. Sie fuhr zurück ins Büro.

Copyright Pascal Wiederkehr

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