Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 12. Oktober 2017.

Angefangen hatte er mit Musik für Werbespots. Heute gilt der Jazzmusiker Bruno Spoerri als Pionier der elektronischen Musik. Im Oktober tritt der 82-Jährige mehrmals in Zürich auf.

Es war ein kleiner Sieg gegen einen Musikgiganten, doch es hatte sich gelohnt: «Jay Z hat ‹99 Problems› und eins mehr. Es heisst Bruno Spoerri», titelte «SRF.ch» 2015 provokativ. Das Onlineportal des Schweizer Radio und Fernsehens bezog sich dabei auf den bekannten Hip-Hop-Song «99 Problems» von Jay-Z. Für den Song «Versus» kupferte der amerikanische Rapper ein Teil von Spoerris Track «On the Way» ab. Anwälte beider Parteien einigten sich aussergerichtlich und Jay-Z sowie sein Produzent Timbaland traten 50 Prozent der Einnahmen aus «Versus» an Spoerri ab. «Das hat mir ein neues Bad und die Produktion meines Albums ‹Memories› finanziert», erinnert sich Spoerri mit einem Lächeln.

«This edition was made possible through the generous financial help by Mr. Jay-Z.»

 
Einen kleinen Seitenhieb liess er sich nach dem Erfolg von David gegen Goliath nicht nehmen, wie er erzählt. Auf der Rückseite von «Memories» steht fast unscheinbar der Satz: «This edition was made possible through the generous financial help by Mr. Jay-Z.» – Diese Edition wurde durch die grosszügige finanzielle Unterstützung von Herrn Jay-Z ermöglicht.

Jazz war in der Schweiz verpönt
Schon zu Beginn von Spoerris Karriere galt es, Hindernisse zu überwinden. «Jazzmusik war in den 50er- Jahren in der Schweiz verpönt», so der 82-Jährige. Ursprünglich hatte er Klavier gelernt, doch mit 14 Jahren stieg er um aufs Saxofon. «Mein Klavierlehrer spielte auch in einer Jazzgruppe. So bin ich früh zum Jazz gekommen», erzählt Spoerri, der seit 1995 in Hirslanden wohnt. Am Gymnasium war unter den Lehrern schnell klar: Schrieb er schlechte Noten, war der Jazz schuld. Spoerri: «Es gab nur einen Lehrer, der damals gerne Jazz hörte.» Selbst der sei aber im Kollegium unbeliebt gewesen. Nach der Schule blieb Jazz ein Amateurvergnügen. «Als Jazzmusiker konnte man höchstens in einem Tanzorchester spielen, was nicht unbedingt erstrebenswert war», sagt Spoerri. Die Musiker hätten jeden Abend an einem anderen Ort spielen müssen und wenig verdient. Spoerri studierte deshalb Psychologie in Basel, Zürich sowie Freiburg im Breisgau und schloss 1960 ab. «Ich habe mehr Musik gemacht als studiert», sagt Spoerri. Er spielte in den 50er- Jahren in verschiedenen Amateurgruppen. Danach arbeitete er fünf Jahre als Psychologe und Berufsberater, blieb aber der Musik treu.

Erst ab 1965 gelang ihm der Wandel zum Berufsmusiker. Grund dafür: Im Schweizer Fernsehen hatte die Ära der Werbung begonnen. Um Produkte bewerben zu können, brauchte es kurze Werbespots. Während die kurzen Filme in Deutschland oder den USA schon länger Realität waren, hatte man in der Schweiz kaum Ahnung davon, wie man solche produzieren sollte. Es schossen viele kleine Produktionsfirmen aus dem Boden, eine davon engagierte Bruno Spoerri als sogenannten Tongestalter. «Heute würde man wohl Sound Designer sagen», überlegt Spoerri. Kurz zuvor hatte der Künstler für die Landesausstellung 1964 in Lausanne die Musik für Kurzfilme produziert. Da das Berufsprofil neu war, durfte der Wahlzürcher experimentieren. «Durch das Improvisieren bin ich auf elektronische Elemente in meiner Musik gekommen», erklärt der Musiker. «Da wir immer zu wenig Geld hatten, mussten wir irgendetwas Besonderes machen.» Als Technikfan wurde er so fast zufällig zu einem Pionier der elektronischen Musik. Zuerst angestellt und dann selbstständig, arbeitete er über 20 Jahre lang in der Werbebranche, komponierte die Musik von über 500 Werbefilmen. Später kamen Dokumentar- und Spielfilme hinzu, darunter die Musik für «Teddy Bär» von Rolf Lyssy oder «Der Kongress der Pinguine» von Hans-Ulrich Schlumpf.

Mit Jazz Award ausgezeichnet
Obwohl Spoerri als Elektropionier gilt, sieht er sich selbst eher als Jazzmusiker. «In der Schweiz wollen sie einen immer in eine Schublade stecken », antwortet er auf die Frage, als was er sich selbst bezeichnen würde. Erst im Juni wurde ihm der Swiss Jazz Award für sein Lebenswerk verliehen. Trotzdem ist ihm bewusst, dass er mit seinen Berufskollegen damals die Entwicklung zur heutigen elektronischen Musik stark beeinflusst hat. «Wir sind sozusagen schuld, dass es das gibt», sagt Spoerri augenzwinkernd. 1982 war er Mitgründer der Gesellschaft für Computermusik und drei Jahre darauf entstand das Zentrum für Computermusik. Dieses leitete er bis 2000 als Geschäftsführer. Nachfolger des Zentrums ist das Institute for Computer Music and Sound Technology an der Zürcher Hochschule der Künste. 2005 erschien sein Buch «Jazz in der Schweiz», 2010 folgte das Werk zu seiner zweiten Leidenschaft: «Musik aus dem Nichts – Die Geschichte der Elektroakustischen Musik in der Schweiz».

«Ich bin noch am Überlegen, aber ich habe viele halbfertige Stücke.»

Mehrere Konzerte in Zürich
20 bis 30 Alben, so genau hat Spoerri nicht gezählt, hat er in über 50 Jahren produziert. Heute ist der Vollblutmusiker immer noch auf nationalen und internationalen Bühnen präsent. Er spielt in Solokonzerten «Computer- Assisted Jazz» oder im Duo mit dem Perkussionisten Julian Sartorius. Als Saxofonist tritt er vor allem mit den Pianisten Roger Girod und Dave Ruosch sowie mit der Sängerin Christina Jaccard auf.

Im Oktober wird Spoerri mehrmals in der Lebewohlfabrik im Seefeld zu hören sein. «Bei diesen Auftritten werde ich vor allem Jazz spielen », erklärt Spoerri. Wer lieber den Elektropionier erleben möchte, kommt aber ebenfalls auf seine Kosten: «Am 31. Oktober spiele ich mit Roberto Domeniconi und Gabriel Schiltknecht sanfte elektronische Musik», kündet er an.

Und vielleicht wird es in naher Zukunft ein neues Album von Bruno Spoerri geben: «Ich bin noch am Überlegen, aber ich habe viele halbfertige Stücke.» Allerdings sei er mit den neuen Computerprogrammen nicht mehr ganz so schnell wie früher, so der 82-Jährige. «Es braucht alles etwas mehr Zeit.»

3 thoughts on “ Spoerri: «Es braucht alles etwas mehr Zeit» ”

  1. Lieber Pascal, siehe es mir nach, wenn die Frage auf diesem Weg kommt (aber ich bin nach einem Systemwechsel der E-Mail-Adressen verlustig gegangen), die ich unbedingt nicht versäumen wollte:
    Zeit zum Probelesen?
    Fühl dich frei!

    Einen lieben Gruß vom See
    Peter

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