Reformation bei Daten gefordert

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 31. Mai 2018.

Das Turmgespräch mit dem Thema «Seele in der digitalen Arbeitswelt» lief in eine andere Richtung, als der Titel hätte vermuten lassen. Dafür entwickelte sich mit dem ehemaligen ETH-Präsidenten Ernst Hafen eine lebhafte Diskussion rund um elektronische Daten und Privatsphäre.

Überall werden Daten gesammelt – sei es von Internetkonzernen wie Google oder Facebook, digitalen Lernplattformen oder Gesundheitsapps. Bei vielen kostenlosen Angeboten zahlen die Nutzerinnen und Nutzer indirekt mit ihren Daten, indem sie diese oft unbewusst zur Nutzung freigeben. Verschiedene Anbieter verfügen über persönliche Daten von jeder Person. Doch erst die Zusammenführung all dieser Daten entwickelt ihr wahres Potenzial. So zumindest die Quintessenz aus dem Turmgespräch zum Thema „Seele in der digitalen Arbeitswelt“ unter dem Hauptthema „O Seele, wo bist du“.
Jeweils am 20. des Monats diskutieren Gäste im Turm des St. Peters eine Stunde lang. Moderiert wird der Anlass von David Guggenbühl, Vizepräsident der Kirchenpflege St. Peter in Zürich.

„Digitale Leibeigenschaft“
Schnell zeichnete sich an diesem Abend ab, dass das Thema „Seele in der digitalen Arbeitswelt“ zu eng gefasst war. St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger sorgte am Anfang für die Einordnung: In der Reformation habe Martin Luther von der babylonischen Gefangenschaft gesprochen. Dabei ging es um die Fremdbestimmung durch Rom. Greminger stellte damit den Bezug zur Gegenwart und zur digitalisierten Welt her.
„Heute sind wir nicht mehr von Rom abhängig, sondern von grossen Datenkonzernen“, urteilte Ernst Hafen. „Wir zahlen mit unseren Daten“, so der ETH-Professor. Früher sei die Kirche das Subjekt und der Mensch das Objekt gewesen. Sie habe gesagt, was man glauben müsse. Heute seien die Menschen das Objekt von Internetkonzernen. „Wir müssen die Kontrolle über unsere Daten zurückverlangen können“, sagte Hafen – quasi eine Reformation 2.0. Er sprach von „digitaler Leibeigenschaft“.

Bank für Daten gegründet
2012 hatte der Biologe den Verein „Daten & Gesundheit“ mitgegründet. Der Zweck des Vereins ist, die Debatte über die Sammlung und Verwendung von individuellen medizinischen Daten in der Schweiz voranzubringen. Das Ziel: Schaffung von genossenschaftlichen Datenbanken, also Organisationen, bei denen man seine elektronischen Daten, ähnlich wie bei einem Finanzinstitut, lagern kann. Eine solche baut er aktuell auf, sie nennt sich „midata.coop„. „Das hat nichts mit Coop zu tun“, fügte er augenzwinkernd an.

Recht auf Kopie der Daten
Die Idee dahinter ist, dass die Menschen ihre elektronischen Daten an einem sicheren Ort speichern – und selber darüber verfügen können. Anfänglich soll der Fokus vor allem auf Gesundheitsdaten liegen. Bürgerinnen und Bürger sollen die vorhanden elektronischen Daten über sich zusammenführen. „Google weiss mehr über mich, als mein Hausarzt, aber nie so viel wie ich, weil ich die Daten zusammenführen kann“, erklärt Hafen das System. Der Wert der Daten steige durch die Ansammlung. Je mehr Daten eine solche „Datenbank“ hat, je interessanter werden die Inhalte – auch für die Forschung. Kurz gesagt: Wer die Daten hat, hat auch die Macht darüber. Doch dafür muss laut Hafen eine Grundvoraussetzung erfüllt sein: Das Recht, eine Kopie der Daten zu erhalten, die von Organisationen oder Privaten über die eigene Person erhoben wurden. Die neue Datenschutzverordnung der Europäischen Union würde dieses „Recht auf Kopie“ ermöglichen. Für eine ähnliche Regelung in der Schweiz will sich Hafen starkmachen – wenn nötig mit einer Volksinitiative.

Laura Greminger, die im Bereich Denkmalpflege arbeitet, zeigte sich skeptisch: „Ist es nicht auch eine Gefahr, wenn alle Daten an einem Ort gespeichert werden?“ Das sei die gleiche Argumentation, wie wenn man das Geld im Garten vergrabe, statt zur Bank zu bringen, antwortete Hafen. „Es gibt keine absolute Sicherheit.“ Die Reputation der „Datenbank“ sei deshalb das A und O.

„Fast etwas Apokalyptisches“
Obwohl die Anwesenden grundsätzlich den Argumenten für das Recht auf Kopie zuzustimmen schienen, sorgten sie sich um etwas grundsätzlicheres: „Was nützt es, wenn man das Recht auf Kopie hat, die Konzerne aber immer noch die Daten?“ Doch darauf fand die Runde keine abschliessende Antwort.

Die Eigenverantwortung, was mit diesen Daten passiere, sei ein zentrales Element, so Hafen. „Den Leuten ist nicht bewusst, dass man aus einem kleinen bisschen Daten schon viel herausfinden kann“, warf Kevin Schawinski, Astrophysiker und ETH-Professor, ein. Er erwähnte den Social Score in China, ein auf verschiedene Datenbanken zugreifendes Bewertungssystem, mit dem beispielsweise die Kreditwürdigkeit eingeschätzt oder die Reiseerlaubnis beschränkt wird. „Die Technik können wir nicht aufhalten, aber man kann die Entwicklung steuern“, fand Alex Hansen, Korrektor und Textchef.

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