René Fasel: «Ich bin ein grosser Tomaten-Fan»

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 4. April 2019.

Er ist seit 1994 Chef des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF). Nächstes Jahr tritt René Fasel zurück. Im Interview spricht er über die WM 2020 in Zürich und Lausanne, warum er als Präsident aufhört – und seine Passion als Tomatenzüchter.

Von Lorenz Steinmann und Pascal Wiederkehr

Der Internationale Eishockeyverband (IIHF) hat seinen Sitz in der prächtig gelegenen Villa Freigut im Zürcher Enge-Quartier. Im Freigut kam 1895 der langjährige Zürcher Stadtpräsident «Stapi» Emil Landolt zur Welt. Nach dem Kauf der Villa im Jahr 2002 konnte Stararchitektin Tilla Theus einen sehr modernen Anbau erstellen.

Schon 25 Jahre steht der Freiburger René Fasel dem Weltverband vor. Nächstes Jahr tritt er zurück. Fasel ist auch Mitglied des Olympischen Komitees. Der ehemalige Eishockeyschiedsrichter und promovierte Zahnarzt empfängt allein und gut gelaunt im getäferten Sitzungszimmer mit herrlichem Blick auf den Uetliberg. Er wohnt mit seiner Familie in Wädenswil und ist laut eigenen Angaben innert 17 Minuten im Büro – wenn es keinen Verkehr hat. Rund 200 Tage pro Jahr ist er auf der ganzen Welt unterwegs. Gestern war der 69-Jährige noch in Japan.

René Fasel, am 10. Mai startet die WM in der Slowakei. Wird die Schweiz Weltmeister?
Lacht. Eine gute Frage. Das Schöne im Sport ist doch, dass man nie weiss, wie es rauskommt. Das Abschneiden der Schweiz ist sicher abhängig davon, ob NHL-Spieler wie Josi, Fiala, Niederreiter und Andrighetto teilnehmen können oder nicht.

Tut es Ihnen nicht weh, wenn die besten NHL-Spieler meist gar nicht teilnehmen an der WM, weil die NHL-Meisterschaft dann noch andauert?
Nein, man muss es akzeptieren, wie es ist. Bis 1976 nahmen NHL-Spieler überhaupt nicht teil an der WM. Nun sind die NHL-Spieler das Salz in der Suppe. Ich reklamiere nicht, ich sehe das Glas halb voll. 2018 war immerhin Connor McDavid dabei, Sidney Crosby spielte auch schon mit. Ein Star ist also immer dabei.

Ist die Schweiz nur darum so gut, weil viele NHL-Profis fehlen?
Seufzt. Nein, die Schweiz ist so gut, weil sie so stark ist, nicht weil die Gegner so schwach sind. Die Schweiz hat schon Tschechien und Kanada geschlagen und gegen Schweden im Final 2018 nur mit ein bisschen Pech im Penaltyschiessen verloren.

Wird die WM in der Schweiz mit den Standorten Zürich und Lausanne dem Eishockey noch mehr Schub geben?
Für die Fans ist es eine gute Möglichkeit, die Spieler live, von nahe, zu sehen.

Am Spatenstich zum ZSC-Stadion in Altstetten kündigten Sie eine weitere WM in Zürich für 2027 an. Was ist da dran?
Ja, das ist ungefähr der Turnus, es kann aber auch 2030 werden. USA und Kanada sind ja ausgeschlossen für die WM-Organisation. 2008 haben wir es probiert, es war aber wegen der Zeitverschiebung keine gute Erfahrung. Dänemark hingegen war ein Erfolg. Ob dies aber wieder so sein wird, ist offen. So bleiben gar nicht so viele Länder. Zürich ist wegen dem Flughafen, den Hotels und dem Einzugsgebiet der Fans ein Must. Die Kapazitäten für acht Teams müssen vorhanden sein. Mit der neuen ZSC-Halle werden die Voraussetzungen noch besser.

Wieso denn nicht Bern?
Die Post-Finance-Arena bietet nicht mehr ideale Infrastrukturen. Es fehlen genügend VIP-Logen, und es müssten Sitz- anstatt Stehplätze eingebaut werden. Das kostet unglaublich viel. Eigentlich ist aber auch das Hallenstadion kein ideales Stadion. Die Garderoben müssen in der Messehalle eingebaut werden.

In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

René Fasel, Präsident IIHF

Wie lange geht es noch, bis China vorne mitspielt? Eishockey-Legende Jakob Kölliker macht ja im Reich der Mitte Entwicklungshilfe als Trainer.
Die Ausbildung eines Hockeyspielers dauert gut 15 Jahre, wenn er mit etwa 4 Jahren beginnt. China unternimmt momentan viel wegen den Olympischen Spielen 2022 in Peking. Ich würde sagen, dass China ab 2030 eine WM organisieren kann. Es geht also noch gut zehn Jahre. Bei den Frauen geht es aber viel schneller.

Dort ist aber die Spitze schmaler, oder?
Das würde ich nicht sagen. Frauen sind viel zielstrebiger, haben mehr Disziplin.

Wie sehe Sie die Zukunft des Fraueneishockeys?
Junioren- und Frauensport hat es fast in jeder Sportart schwierig. Handball, Fussball, Basketball. Sie werden nie an die Zuschauerzahlen der Männer herankommen. Trotzdem sind Frauen wichtig, weil sie ihre Kinder an den Eishockeysport heranbringen. Sie haben eine ganz andere Leidenschaft als Männer.

Aber an Olympia hat sich Fraueneishockey etabliert, oder?
Ja. In Amerika hat das Fraueneishockey oft mehr TV-Zuschauer als die Männer. Aber der Rest ist, wie gesagt, schwierig.

Auch die Eishockey-Champions-League ist noch keine Erfolgsstory. Macht der Vorstandsvorsitzende und ZSC-Lions-CEO Peter Zahner einen schlechten Job?
Nein, nein, überhaupt nicht. Aber in jeder Liga liegt das Hauptinteresse an der eigenen Meisterschaft. Jeder will Landesmeister sein, bevor er Europameister wird.

Im Fussball ist das aber anders.
René Fasel reibt die Fingerspitzen der rechten Hand.

Aber die Fifa war bis etwa 1985 nicht grösser als der Eishockeyverband.
Wir sind halt ein Sport der nördlichen Hemisphäre. Wir sind nicht präsent in Afrika und nicht in Südamerika. Und beim Kuchen USA und Kanada sind wir wegen der NHL nicht dabei. In den grossen Fussballmärkten Spanien, Italien, Frankreich und England sind wir sportlich nicht einmal die Nummer 2. Dort sind Rugby oder Handball beliebter.

Also das Geld. Wieso sind die Welten so unterschiedlich?
In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

Suchen Sie die Zusammenarbeit mit anderen «kleinen» Sportverbänden?
Also klein sind wir nicht.

Aber in Deutschland haben Sie auch durch Handball Konkurrenz.
Wir hatten eine gute Eishockey-WM 2017 mit regelmässig 18 000 Zuschauern in Köln. Aber damit komme ich auf ein Hauptproblem zu sprechen.

Welches Problem?
Unser Sport ist zu schnell fürs Fernsehen. Meine Mutter sagte mir immer: Ich sehe den Puck nicht am TV. Fussball aber kann jeder gucken (zeigt mit den Händen den Grössenunterschied zwischen Fussball und Puck). Und dann sind noch die Stadien unterschiedlich gross. 80 000, 60 000 im Fussball. Jeder hat irgendwann mal einen Fussball berührt, ist Experte.

Sind Sie nicht manchmal froh, dass so wenig Geld fliesst? So ist doch die Korruption tiefer.
Das ist schon so. Wir haben bei der IIHF ein Budget von 35 Millionen Franken. Somit ist keine Versuchung da. Wir sind «gäbig». Wir sind eine gute Familie im Eishockey.

Bleibt der Sitz des Verbandes überhaupt in der Enge, wenn Sie ab 2020 nicht mehr Präsident sind?
Wahrscheinlich schon. Ich sehe keine Gründe dagegen. Der Kauf der Liegenschaft war eine sehr gute Investition. Wir sind für Europa sehr gut gelegen, man ist schnell hier. Die Sicherheit und Qualität ist gut in Zürich, dafür ist es relativ teuer. Aber die Vorteile in der Schweiz überwiegen. Die Schweiz ist traditionell Sitz von Sportverbänden. Das olympische Komitee ist da, die Fifa auch. Ich sehe keinen Grund, dass ein zukünftiger Präsident aus Zürich wegziehen würde.

Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich».

René Fasel, IIHF-Präsident

Ziehen Sie nun die Strippen, wer Ihr Nachfolger werden könnte?
Zuckt mit den Schultern. Der Kongress wird den Entscheid fällen. Nach 26 Jahren ist es schwierig, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Viele Leute sagen mir, mach noch weiter, aber ich habe meinen Entscheid getroffen.

Verglichen mit anderen Sportfunktionären sind Sie mit 69 Jahren noch jung.
Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich». Der arme Sepp Blatter als Beispiel, hätte er den Rücktritt bei der Fifa doch nur vier oder acht Jahre früher gegeben … Jeder kann ersetzt werden, jeder.

Bleiben Sie im Olympischen Komitee?
Nein, wenn ich nicht mehr IIHF-Präsident bin, ist das auch zu Ende.

Haben Sie also schon andere Pläne, was Sie nachher wollen?
Ich möchte eigentlich nicht im Bett sterben. Ich werde sicher aktiv
bleiben.

Dann werden Sie nicht einfach Schrebergärtner?
Lacht. Nein, aber ich bin ein grosser Tomatenfan. Ich züchte jedes Jahr etwa 100 Kilogramm Tomaten in meinem Garten. Das ist mein grosses Hobby. Strahlt und zeigt auf dem Handy Bilder. Ochsenherzen und Cherry-Tomaten habe ich am liebsten. Gelernt habe ich die Tomatenpflege von meiner Grossmutter. Manchmal kommt mir die WM terminlich in die Quere beim Pflanzen der Setzlinge. Lacht wieder.

Ihre Familie könnte ja helfen …
Bei den Tomaten lasse ich mir nicht dreinreden, das ist mein Gebiet. 

Lugano krönt seine schwache Saison mit dem Abgang des Trainers

Es ist der Schlusspunkt einer Eishockey-Saison, in der der HC Lugano durch das Unvermögen anderer Teams in die Playoffs gekommen ist. Hätte, wäre, wenn, der HC Lugano hat die Playoff-Viertelfinal-Serie gegen den EV Zug 0:4 verloren. Und obwohl sich die Mannschaft gegen die vier Niederlagen stemmte, sah es nie so aus, als hätte sie den Zugern etwas entgegenzusetzen.

Nun wurde bekannt, dass der HC Lugano den Vertrag mit dem kanadischen Trainer Greg Ireland nicht verlängert. Schon Ende letzten Jahres waren angeblich neue Trainernamen durch die Spielerkabine gegeistert. Wer auf Ireland folgen wird, ist noch offen. Gesucht wird wohl wieder ein Trainer, der die Hockeyorganisation im Süd-Tessin auf magische Weise besser macht. Der HC Lugano muss ja seinem Spitznamen «Grande Lugano» gerecht werden. Seit dem letzten Meistertitel 2006 in der National League A hat aber kein einziger Trainer Lugano wieder zu alter Grösse geführt. Daher stellt sich die Frage, ob es überhaupt irgendjemand schaffen wird, oder ob es tieferliegende Probleme gibt, die ein neuer Coach allein nicht lösen kann.

Der HC Lugano erreichte beispielsweise 2016 und 2018 den Final – verlor jedoch jeweils gegen Gegner, die am Ende spielerisch klar besser waren. Seit der Einführung der Playoffs haben die «Bianconeri» sieben Titel geholt. Lugano galt lange als Erfolgsteam, heute spielen die Tessiner nur noch finanziell oben mit. Den Titel des ewigen Meisterkandidats darf der HC Lugano nun getrost an ein anderes Team weiterreichen.

Offen ist, ob Club-Präsidentin Vicky Mantegazza schon mal darüber nachgedacht hat, dass es mehr als nur einen Trainerwechsel braucht. Die Stelle von Sportchef Roland Habisreutinger, seit 2009 im Amt, steht nach aktuellem Stand nicht zur Disposition. Vielleicht sollte man sich das beim HC Lugano aber einmal in Ruhe überlegen. Seit 2009 haben zehn verschiedene Trainer die «Bianconeri» gecoacht. Doch nur einer hat als Sportchef die Fäden gezogen.

Anonym im Netz: Darknet ist nicht nur böse

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 28. Februar 2019.

Darknet ist der verborgene Teil des Internets und geniesst einen schlechten Ruf. Für Informatik-Experte Hernâni Marques ist jedoch klar, dass es jeder Internetnutzer kennen sollte. Und der Zugang dazu ist nur einen Klick entfernt.

Es ist der verborgene Teil des Internets – das Darknet. Ist es in den Medien, dann selten als positives Beispiel. Wer das Darknet betreten will, braucht ein Programm. Am einfachsten gehts mit dem sogenannten Tor-Browser. Darknet-Seiten tragen nicht die bekannten Endungen wie .ch oder .com, sondern sind über .onion (Englisch für Zwiebel) erreichbar. Eine viel besuchte Darknet-Seite wird von Facebook betrieben, damit die Social-Media-Plattform von Menschen genutzt werden kann, die in autoritären Staaten wie Iran oder Türkei mit Internetzensur leben.

Weil man im Darknet aber viel anonymer unterwegs ist als im öffentlichen Teil des Internets, nutzen es auch Kriminelle. So werden auf elektronischen Marktplätzen beispielsweise Drogen und Waffen angeboten, oder es wird Kinderpornografie ausgetauscht. Darum ermittelt unter anderem die Kantonspolizei Zürich oder das Bundesamt für Polizei im Darknet.

Im Darknet surfen ist legal
Trotzdem ist das Surfen im Darknet keineswegs illegal. Genutzt wird es beispielsweise von Journalisten, Bloggern, Aktivisten, die ihre Privatsphäre wahren müssen oder wollen. Es werden im Darknet ganz gewöhnliche Dienste wie Chats oder E-Mail angeboten.
Einer, der sich mit dem Darknet auskennt, ist Hernâni Marques. Der Informatik-Experte ist Pressesprecher beim Chaos Computer Club Schweiz. Das ist eine Hackerorganisation, die sich politisch gegen Überwachung und Zensur im Internet wehrt und in Zürich einen Treffpunkt hat. Marques plädiert für vollverschlüsselte Netzwerke, bei denen Computern untereinander so verbunden sind, dass eine Abhörung und damit Zensur stark erschwert wird – wie beim Darknet. Heute wickeln die grossen Internetkonzerne ihre Dienste über zentrale Server ab, jede Suchanfrage, jedes E-Mail wird potenziell gespeichert.

«Der Staat darf hierzulande beispielsweise unsere Briefe nicht flächendeckend öffnen, die elektronische Kommunikation darf er jedoch kontrollieren.»

Hernâni Marques, Chaos Computer Club Schweiz

Den Begriff «Darknet» findet Marques nicht gelungen. «Er wird von Überwachungskreisen verbreitet, um es als etwas Schlechtes darzustellen», so der 34-Jährige, der Computerlinguistik an der Universität Zürich studiert hat. Finanziert wurde das Tor-Netzwerk stark von der US-Navy. Tor ist ein Teil des Darknet. Das US-Militär nutzt es auch heute. Denn wer im Internet surft, hinterlässt Spuren, die rückverfolgbar sind. «Das Schweizer Überwachungsgesetz erlaubt es den Behörden, die elektronische Kommunikation zentral zu sammeln.» Mit anderen Worten: Jede Kommunikation im Internet oder mit dem Mobiltelefon kann überwacht werden. «Der Staat darf hierzulande beispielsweise unsere Briefe nicht flächendeckend öffnen, die elektronische Kommunikation darf er jedoch kontrollieren», gibt Marques zu bedenken.

Überwachung ist Normalität
Der Chaos Computer Club Schweiz hatte sich erfolglos gegen das Überwachungs- (BÜPF) und das Nachrichtendienstgesetz (NDG) gewehrt. Noch in den 80er Jahren sei der Aufschrei gross gewesen, als der Bundesrat wissen wollte, wie die Bürgerinnen und Bürger ihren Weg zur Arbeit zurücklegen würden. «Heute ist es normal geworden, dass uns die Behörden überwachen können», bedauert der IT-Experte. Und das hauptsächlich, weil es technisch möglich sei. Dabei ist das in den Augen von Marques für die Behörden kontraproduktiv. «Je mehr Überwachung es gibt, je schneller entstehen alternative Netzwerke, die schwieriger zu überwachen sind.»

Wer deshalb seine Privatsphäre im Internet wahren möchte, kann den Tor-Browser verwenden. Dieser basiert auf Mozilla Firefox und leitet das Surfverhalten über drei zufällige Knotenpunkte des Tor-Netzwerks durch das Internet. Angeboten werden die Server von Freiwilligen, aber auch von Regierungen. Die Verbindung zwischen dem persönlichen Computer und den einzelnen Knotenpunkten irgendwo auf der Welt, also Stationen, ist mehrfach verschlüsselt. Damit wird Zensur und Überwachung umgangen. Die Nutzer können wie gewohnt im Internet surfen. Zudem schützen sie sich vor personalisierter Werbung. Gleichzeitig ist der Tor-Browser die einfachste Möglichkeit, die versteckten Seiten des Darknet aufzurufen oder Internetsperren zu umgehen. Der Browser ist mit wenigen Klicks installiert und für jeden benutzbar.

Marques empfiehlt aber auch etwas Grundsätzliches: «Datensparsamkeit ist wichtig.» Je weniger eine Person im Internet preisgebe, desto weniger Daten könnten in die falschen Hände geraten.


So schützt man seine Privatsphäre

Der Chaos Computer Club Schweiz hat mit der Digitalen Gesellschaft Schweiz, der Stiftung für Konsumentenschutz und der «Wochenzeitung WOZ» die Broschüre «Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung» herausgegeben. Der Ratgeber kann unter www.woz.ch/-7fb9 als PDF kostenlos heruntergeladen werden.

Datensparsamkeit: Weniger ist mehr. Daten, die nicht ins Netz gelangen, brauchen erst gar nicht geschützt zu werden.

Passwörter: Ein hinreichend sicheres Passwort sollte möglichst lang sein: Am besten bestehend aus einer zufälligen Folge von Wörtern, die man nirgends findet und sich gut merken kann.

Sicherheitsupdates: Betriebssysteme sollten stets auf dem aktuellsten Stand gehalten werden.

Surfen im Netz: 
Tor ist der sicherste Browser im Internet. Er basiert auf Mozilla Firefox und kann unter www.torproject.org heruntergeladen werden. Er ist für Windows, Mac und Linux verfügbar. Da die Verbindung zwischen Nutzer und aufgerufener Seite über drei zufällige Knotenpunkte (Server), quasi Stationen im Netz, hergestellt wird, lässt sich kaum zurückverfolgen, wer auf die Website zugreift. Wer sich dann allerdings bei Youtube, Facebook und Co. anmeldet, verliert diese Anonymität wieder.

Suchen: «Duck Duck Go» ist eine eigenständige amerikanische Suchmaschine, die das Suchverhalten nicht speichert. Finanziert wird der Dienst über Spenden und nichtpersonalisierte Werbung. (pw.)

Diese Doku bringt dir Japan ins Wohnzimmer

Japan ist schon lange auf meiner «Da-würde-ich-gerne-hin»-Liste. Da sich auf dieser Liste aber noch einige andere Reiseziele befinden, die bei mir mehr Priorität geniessen, kamen die Japan-Dokus von Gamestar-Gründer und heutigem Spieleveteranen Jörg Langer gerade recht. In 16 Folgen von je rund 20 Minuten Länge bringt Japan-Fan Langer dem geneigten West-Europäer das «Land der aufgehenden Sonne» näher. Das Videoprojekt wurde letztes Jahr über ein Crowdfunding finanziert und kann nun im HD- oder 4K-Paket, letzteres mit Extra-Bonus, gekauft werden.

Ich persönlich kenne Japan nur vom Hörensagen, aus Geschichtsbüchern sowie mehr oder minder guten Filmen. Deshalb waren die Japan-Dokus für mich eine echte Bereicherung.


Themenbezogene Interessen (-bindung) des Autors

Ich habe mich am Crowdfunding für die Japandokus beteiligt und erhalte kein Geld dafür, die Japandokus zu bewerben.

Wie viel Privatsphäre braucht es in der digitalen Zukunft?

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 31. Januar 2019.

Der Datenschutzbeauftragte des Kantons lud zu einer Podiumsdiskussion mit Experten ein. Konsens herrschte darüber, dass Datenschutz wichtig ist. Doch viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Persönliche Freiheit und Privatsphäre sind Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft. Doch im Internet kommt sie schrittweise abhanden, wir werden überwacht und manipuliert. Warum das so ist und ob man sich dagegen wehren kann, war Thema in der Reihe Kosmopolitics im Kulturhaus Kosmos am Rande der Europaallee in Zürich. Nur wenige Meter weiter forscht auch Google an der Zukunft.

Anlässlich des 13. Europäischen Datenschutztages trafen sich Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich, Hernâni Marques vom Chaos Computer Club Schweiz, Psychologin Josephine Schmitt und Medienpädagogin Friederike Tilemann. Moderiert wurde das Gespräch von Edgar Schuler, Ressortleiter Analyse beim «Tages-Anzeiger».

Unter den Teilnehmenden, herrschte der Konsens, dass Datenschutz und Privatsphäre im Internet ein wichtiges Gut sind. Ihre Anliegen widersprachen sich nicht, ein gemeinsamer Lösungsansatz war aus der Diskussion aber kaum zu erkennen. Es war, als würde jeder vom eigenen Berg herabpredigen.

Diskutierten gemeinsam im Kosmos über Datenschutz in der digitalen Welt: Der kantonale Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl, Psychologin Josephine B. Schmitt. Foto: pw.

Selbstbestimmung ist wichtig
Der kantonale Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl sprach hauptsächlich aus der Perspektive des Nutzers: «Wir akzeptieren eigentlich, dass die grossen Player, wie Facebook oder Google, unsere Selbstbestimmung, unsere Privatsphäre verletzen und uns manipulieren.» Wer eine Dienstleistung im Internet nutzen möchte, müsse die Geschäftsbedingungen akzeptieren, ohne das er eine Wahl habe. «In den 1990er Jahre war das Internet das Netz der Freiheit. Heute muss man sagen, es ist das Netz der verlorenen Freiheit.»

Hernâni Marques vom «Chaos Computer Club», einer Hackervereinigung, die sich für Privatsphäre und Informationsfreiheit einsetzt, sah das Problem grundsätzlicher Natur: Er wehrte sich gegen ständige Überwachung. «Das Internet ist eine Fehlkonstruktion in der jetzigen Form.» Er plädierte für Peer-to-Peer-Netzwerke, bei denen die Computer untereinander verbunden sind, ohne zentrale Server. Die Kommunikation läuft direkt von einem Computer zum anderen. Bekanntes Beispiel ist das «Darknet», welches wegen krimineller Aktivitäten in Verruf geraten ist. Es wird aber auch dazu genutzt, damit sich Nutzer vor Zensur- und Überwachungsmassnahmen schützen können.

Medienpädagogin Friederike Tilemann und Hernâni Marques vom Chaos Computer Club Schweiz. Foto: pw.

Einen pädagogischen Ansatz wählte Friederike Tilemann, Medienpädagogin an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Kinder bräuchten Schutz vor den Gefahren, aber auch Kompetenzen im Umgang mit dem Netz. Sie müssten lernen, ihre Privatsphäre zu schützen – und die Privatsphäre der anderen. Dazu hat die Hochschule zusammen mit dem Datenschutzbeauftragten ein Lehrmittel für Vier- bis Neunjährige veröffentlicht.

«Es ist nicht das Internet, was böse ist», sagte Psychologin Josephine Schmitt, die über Radikalisierung und extremistische Online-Propaganda forscht. «Es kann einfach wahnsinnig leicht für böse Zwecke missbraucht werden.» Schmitt blieb sonst im Gespräch etwas aussen vor. Die Teilnehmer kratzten bei den Inhalten des Internets nur an der Oberfläche.


Neues Lehrmittel zum Thema Datenschutz für Kinder
Medienkompetenz bedeutet mehr, als zu wissen, wie man ein Tablet bedient oder in den sozialen Medien Sicherheitseinstellungen anpasst. Aus diesem Grund sollen an Zürcher Schulen neue Unterrichtsmaterialien zum Einsatz kommen, die sich dem Thema Datenschutz und Privatsphäre annehmen. Diese wurden am Montag an einer Medienkonferenz vorgestellt.  
Entstanden ist das Lehrmittel «Geheimnisse sind erlaubt» in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) und dem Datenschutzbeauftragten des Kantons Zürich. Die Unterrichtsmaterialien richten sich an vier- bis neunjährige Kinder. Die Selbstbestimmung über die eigenen Daten sei ein Grundwert einer freien Gesellschaft, findet Bruno Baeriswyl, kantonaler Datenschutzbeauftragter. Die sozialen Medien würden zu einem Verlust von Transparenz führen. «Man weiss nicht mehr, was mit den eigenen Daten geschieht. Man verliert auch die Selbstbestimmung», sagte Baeriswyl. Je früher Kinder also wissen würden, wie sie ihre Privatsphäre im digitalen Zeitalter schützen können, desto besser.
 
Trickfilm führt ans Thema heran
Das neue Lehrmittel ist laut Heinz Rhyn, Rektor der PHZH, zumindest im europäischen Raum bisher einmalig. Rhyn nannte es ein «besonders gelungenes und wichtiges Instrument». Kinder lernen, weshalb es wichtig ist, gewisse Dinge für sich zu behalten und die Privatsphäre anderer zu respektieren. Sie erfahren, dass Regeln, die für die analoge Welt gelten, auch in der digitalen Welt angewandt werden können. «Es geht nicht um Fragen von Passwörtern oder Big Data, sondern um die Sensibilisierung für Privatsphäre», erklärte Medienpädagogin Friederike Tilemann.  
Ein Trickfilm soll für die jüngsten Kinder einen Zugang zum Thema schaffen. Kinder ab sieben Jahren werden über ein Wimmelbild angesprochen, das einen Pausenhof zeigt. Es sind Szenen zu sehen, hinter denen sich Geheimnisse verstecken. Zu jeder Szene gibt es einen Text und eine Audiodatei, die an die Themen Datenschutz und Privatsphäre heranführen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass Geheimnisse in der Regel zu wahren sind, es aber Geheimnisse gibt, bei denen sie auch Erwachsene ins Vertrauen ziehen sollten. In weiteren Lektionen kommt der Umgang mit fremden Daten wie Fotos zur Sprache.
Die Unterrichtsmaterialien erscheinen im April als E-Book kostenlos zum Download. Ab Herbst fliessen sie in die Lehrerausbildung an der PHZH ein. In den nächsten zwei Jahren sollen unter dem Titel «Selbstbestimmt digital unterwegs» weitere Lehrmittel erscheinen. (pw.)

Diese Ausstellung geht durch die Ohren

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Das erste Studio von Radio Lora an der Mainaustrasse im Zürcher Seefeld im Jahr 1986. Foto: Radio-Lora-Archiv

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 8. November 2018.

Seit 35 Jahren sendet Radio Lora interkulturelle Programme und Musik. Nun wird dem alternativen Lokalradio aus Zürich eine Ausstellung gewidmet.

Noch finden letzte Abbauarbeiten der vergangenen Ausstellung statt, doch bald soll in der Shedhalle, einem Ausstellungsraum der Roten Fabrik, ein nicht-kommerzielles Lokalradio aus Zürich im Mittelpunkt stehen. Radio Lora wurde vor 35 Jahren, 1983, die Sendekonzession erteilt. «Die Idee zur Ausstellung ist letztes Jahr entstanden», erklärt Judith Grosse. Sie ist Kuratorin und zeitgleich PR-Verantwortliche des Radios.

Doch warum gerade jetzt? «Das 25-Jahr-Jubiläum haben wir natürlich damals gross gefeiert, doch seither hat sich viel verändert, und ein runder Geburtstag ist ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme», sagt die Ausstellungsmacherin. Genau diese Veränderungen sollen nun sichtbar gemacht werden.

Keine glatte Erfolgsgeschichte
«Reclaim the Radio!» heisst die Archivausstellung. Sie will einen Bogen spannen von der Entstehung des Senders im Kontext der autonomen Jugendbewegung im Zürich der 70er und 80er Jahre bis in die digitale Ära. «Wir zeigen Dokumente, Lora-Werbematerialien und Presseartikel aus unseren Archiven, aber auch privaten Sammlungen», erklärt Grosse. Dabei werden Rückschläge nicht verheimlicht.
Es gab in der Geschichte des Radios immer wieder Konflikte, die teilweise eskaliert sind. Der «Tages-Anzeiger» berichtete unter anderem 2012, dass es hinter den Kulissen des Radios rumore. «Offenbar gibt es Grabenkämpfe um eine Neuausrichtung des Radios, die nun zum Problem werden», schrieb der «Tagi» damals.

«Auf den ersten Blick ist die Geschichte von Lora keine glatte Erfolgserzählung – immer wieder gab es Auseinandersetzungen, Rückschläge, aber auch Neuanfänge», sagt Grosse. Und genau darum sei Loras Geschichte doch ein Erfolg und eben auch sehr spannend. Heute habe sich das aber alles wieder beruhigt. «Seither haben wir unsere internen Prozesse angepasst, der Vorstand hat sich stark engagiert.»

Radio Lora wird aktuell von einer Stiftung und einem Verein getragen. Die Stiftung hat die Sendekonzession des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) inne, der Verein betreibt das Radio mit Sitz an der Militärstrasse im Kreis 4. Um diese Doppelstruktur zu entflechten, plant Radio Lora eine grosse Veränderung: Stiftung und Verein will man im kommenden Jahr in einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft vereinen. Das ist eine Vorgabe des Bakom. Wie dem Jahresbericht zu entnehmen ist, muss bei Lora bis zur Neukonzessionierung im Jahr 2019 die Inhaberin der Sendekonzession sowie die Betreiberin des Radios ein und dieselbe Organisation sein.

Das Radio hat ausserdem ein neues Logo erhalten. Die Entwürfe stammen alle von Grafik-Lernenden an der Schule für Gestaltung Zürich. Ausgewählt haben es die Lora-Mitglieder. «In der Ausstellung zeigen wir auch eine Auswahl derjenigen Entwürfe, die es nicht geschafft haben», verspricht Grosse. Ebenfalls Teil der Ausstellung sind Hörstationen, Live-Talk-Runden und ein Audiokunst-Festival. Die beiden Letzteren werden im Programm des Radios zu hören sein – «für alle, die nicht vorbeikommen können», sagt die Kuratorin.
Ursprünglich war das Lokalradio an der Mainaustrasse in Riesbach beheimatet gewesen. Nach einem Brandanschlag zog es den alternativen Sender aber in den Kreis 4. Radio Lora ist ein Kind der Radiopiratenszene. Während der Jugendunruhen 1981 hatte eine Gruppe von Radiomachenden aus dem Autonomen Jugendzentrum gesendet. Erst am 14. November 1983 erhielt der Sender eine Konzession.

Heute ist Lora eines von 17 Radios, die in der Unikom, dem Verband der nicht-gewinnorientierten Radios, zusammengeschlossen sind. Dazu gehören beispielsweise das Winterthurer Radio Stadtfilter, der Aarauer Kanal K oder Radio 3fach in Luzern. Die eigenen Hörerzahlen misst Radio Lora nicht. Die Marktforschung sei laut Judith Grosse zu teuer und nicht auf Profil sowie Publikum nicht-kommerzieller Sender ausgerichtet. Wie Unikom auf Anfrage sagt, kann aufgrund von vergleichbaren Programmen davon ausgegangen werden, dass «Lora» täglich über 30 000 Zuhörerinnen und Zuhörer erreicht.

Ein Blick hinter die Kulissen
Finanziert wird das werbefreie Radio Lora durch Mitgliederbeiträge und Geld aus dem Billag-Gebührentopf. Würden die Gebühreneinnahmen wegfallen, wäre das ein grosses Problem. «Dann müssten wir uns wie zur Gründungszeit alleine über die Mitgliederbeiträge finanzieren», sagt Grosse. Das sei schwierig gewesen und werde in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Grosse: «Wir wollen das Publikum hinter die Kulissen des Radios blicken lassen, aber auch die Aussenperspektive zeigen.»

«Reclaim the Radio!»: Ausstellung zu 35 Jahren Radio Lora bis 6. Januar 2019. Shedhalle, Rote Fabrik, Seestrasse 395. www.lora.ch

Es braucht dringend drei Frauen im Bundesrat

Es ist peinlich. Unter Umständen könnte bald nur noch eine einzige Frau im Bundesrat vertreten sein. Will heissen: Simonetta Sommaruga von den Sozialdemokraten (SP) wäre  alleinige Vertreterin ihres Geschlechts in der Schweizer Regierung. Grund dafür ist der angekündigte Rücktritt der Christdemokratin Doris Leuthard (CVP). Weil gleichzeitig Johann Schneider-Ammann von den Freisinnigen (FDP) abtritt, wird jetzt fleissig spekuliert. Zwei Sitze werden frei – wer wird die scheidenden Politiker beerben?

Wegen dem gelebten und viel gelobten Konkordanzprinzip, dem Einbezug möglichst vieler politischer Akteure, steht die Sitzverteilung nach Parteien nicht grundsätzlich infrage. Sowohl die FDP und die CVP dürfen damit rechnen, ihre Sitze zu behalten. Es geht einzig darum zu entscheiden, wen die jeweiligen Parteien nominieren wollen.

Sieben Bundesrätinnen und Bundesräte gibt es – aktuell fünf Männer und zwei Frauen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik machen die Frauen 50,4 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus. In der Regierung ist ihr Anteil aber nur knapp 28,6 Prozent. Laut einer UNO-Rangliste belegen wir mit unserem Frauenanteil lediglich Platz 33. Nicht gerade berauschend. Die skandinavischen Länder, mit denen wir uns so gerne vergleichen, haben die Schweiz abgehängt. Und auch Deutschland liegt im Ranking zehn Plätze vor uns. 1984 wählte das Parlament mit Elisabeth Kopp (FDP) die erste Frau in die Regierung. 2010 gab es eine Frauenmehrheit. Ingesamt waren aber seit 1848 lediglich 7 von 117 Bundesräten Frauen. Etwas, was Alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen, wenig überraschend missfällt.

Aus meiner Sicht ist klar, diese Chance muss genutzt werden. Zwei Sitze werden frei, zwei Frauen sollen nachrücken. Offenbar steht aber sogar der zweite Sitz der Frauen im Bundesrat zur Diskussion. Zumindest kann man das aus gewissen Äusserungen bei der CVP heraushören. Frei nach dem Motto: «Jetzt sind die anderen dran.» Es scheint fast so, als ob es für die Parteien ein grosses Opfer darstellen würde, durch eine Frau im Bundesrat vertreten zu sein. Immerhin: Mindestens eine Frau soll aufs Ticket, sagte CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister Ende September. CVP-Nationalrätin Viola Amherd gilt als mögliche Bundesratskandidatin.

Keine Frauenquote aber faire Vertretung

Bei der FDP hat Ständerätin Karin Keller-Sutter die besten Wahlchancen, die Freisinnigen stellen seit 29 Jahren keine Bundesrätin mehr. Trotzdem gibt es auch hier Männer, die sich lieber selber in der Regierung sehen würden.

Natürlich sollten Ämter nicht einfach nach dem Geschlecht verteilt werden – die Qualifikation muss im Vordergrund stehen. In der föderalen Schweiz ist auch die angemessene Vertretung der Regionen unabdingbar. Aber: Bei einem drohenden Frauenanteil von rund 14,3 Prozent in der Regierung gibt es für mich keinen Grund mehr für Diskussionen. Die fehlende Repräsentation der halben Bevölkerung schlägt alle anderen Argumente. Genügend Frauenstimmen dürfen auf dieser politischen Ebene nicht fehlen, sind für die Balance der Gesellschaft essenziell. Fadenscheinige Argumente, weil irgendein Mikrokosmos der Schweiz schon lange keine bundesrätliche Vertretung mehr hatte, zählen nicht. Wenn eine knappe Mehrheit der Bevölkerung von der Politik nicht angemessen repräsentiert wird, ist das einfach ein Affront. Wie soll das Volk an Chancengleichheit glauben können, wenn in Bundesbern Frauen und Männer nicht auf Augenhöhe sind? Es geht weder um Zeitgeist, noch um Quoten, sondern einfach um Fairness.

Sie ist die einzige Schweizerin im Weltcup

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 11. Oktober 2018.

Die Wollishofer Skiakrobatin Carol Bouvard bereitet sich gerade auf die nächste Saison vor: Das Ziel ist die Weltmeisterschaft im amerikanischen Park City. «Zürich 2» hat sie beim Sommertraining besucht.

Stufe für Stufe steigt sie die hölzerne Treppe hoch. Auf den Schultern zwei Ski, ihr Anzug noch tropfend von der letzten Landung im Pool. Gegenüber von Feldern, am Rand des Dorfs Mettmenstetten im Säuliamt, steht eine grosse Wasserschanze. «Jumpin» heisst die Trainingsanlage. Dort rackerte sich Carol Bouvard im Sommer fast täglich ab. Noch ein paar Sprünge sind es an diesem Vormittag, bis die Wollishoferin Zeit hat für ein Gespräch. Immer wieder brettert sie die Schanze herunter, steigt in die Höhe, dreht sich spektakulär und landet dann mit einem lauten Platschen im Wasser.

Die 20-Jährige bereitete sich gerade für die nächste Saison vor. Sie ist Skiakrobatin – die einzige Frau auf Welt-Niveau in der Schweiz. Heute nennt sich die Disziplin zwar modern «Aerials», aber es geht immer noch darum, in der Luft in bis zu 15 Meter Höhe Saltos und Schrauben zu drehen.

Das Ziel sind Dreifachsalti

«Im Sommer trainieren wir bis zu 30 Stunden pro Woche», erzählt die Wollishoferin. Wer diesen Sport betreibt, kommt in der Schweiz nach Mettmenstetten. In dieses Dorf im Bezirk Affoltern pilgern alle aus der Freestyle-Ski-Szene. «Hier steht die grösste Wasserschanze, auf der wir den ganzen Sommer trainieren können», so Bouvard. Der Grund dafür heisst Andreas «Sonny» Schönbächler. Der Freestyle-Skispringer gewann an den Olympische Winterspielen im norwegischen Lillehammer 1994 die Goldmedaille. Er initiierte das Projekt. Es kommt sogar vor, dass Sportler aus Weissrussland – laut der Athletin eine der Top-Nationen bei den Skiakrobaten – hier trainieren.

Der Aufstieg zum Turm der Wasserschanze ist für Laien zwar schon Training genug, doch für Bouvard, die letztes Jahr die Matur abgeschlossen hat, selbstredend nur der Weg zum Ziel. Im Sommer macht sie neben Kraft- und Rumpftraining täglich etwa zehn Doppelsalti. «Mein Ziel sind Dreifachsalti», so die Skiakrobatin.

Bouvard, die Leiterin beim Turnverein Wiedikon ist, kam über das Geräteturnen zum Nischensport Skiakrobatik. «Es brauchte schon Überwindung, aber mir hat der Sport sehr gut gefallen.» Vor grösseren Verletzungen ist sie bisher ausser einer Hirnerschütterung und einem Kreuzbandriss verschont geblieben. «Unser Sport ist wahrscheinlich nicht gefährlicher als Fussballspielen», ergänzt sie schmunzelnd.

Olympia hat noch nicht geklappt

Das Schweizer A- und B-Kader besteht aus vier Männern und einer Frau. Aktuell trainiert die Sportlerin in Saas-Fee für ihre zweite Weltcup-Saison, die im Januar startet. Ihr bisher grösster Erfolg war der dritte Rang im Februar an der Junioren-WM im weissrussischen Minsk.

Für den grossen Traum – eine Teilnahme an Olympia 2018 in Pyeongchang in Südkorea – hatte es allerdings knapp nicht gereicht. «Das Niveau für die Qualifikation war hoch», sagt Bouvard. Sie hätte zwei Top-12-Resultate im Weltcup gebraucht, am Ende waren es ein 14. und ein 15. Platz. Die Selektionäre vom Verband zeigten keine Gnade. Der nächste Meilenstein ist nun die Weltmeisterschaft in Park City im amerikanischen Bundesstaat Utah. Und das Fernziel die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.

Trotz Sponsoren, alleine vom Sport leben könne kein Skiakrobat. In dieser Randsportart sei es grundsätzlich schwierig, Sponsoren zu finden. «Im Vergleich zu anderen Disziplinen geht es uns aber gut», betont die Zürcherin. Sie würden den Mitgliederbeitrag bezahlen, für Unterkünfte, Reisen oder Trainer kommt der Verband auf.

Ganz alles ist jedoch nicht dabei. Einen Physiotherapeuten haben sich Bouvard und ihre Team-Kollegen letztes Jahr erfolgreich über eine Crowdfunding-Plattform finanziert. Eine gern gesehene Geldspritze ist deshalb das Militär: Erst im Juni schloss Bouvard den ersten Teil der Spitzensport-Rekrutenschule ab, der Zweite folgt im kommenden Frühling.

«Auf dem Karrierehöhepunkt ist man bei der Skiakrobatik erst mit etwa 30 Jahren», so die Profi-Sportlerin. Mindestens bis Olympia in Peking in vier Jahren will die Wollishoferin noch springen – was danach kommt, ist allerdings offen. Ab Sommer 2019 lockt der Vorlesungssaal an der Universität Zürich oder ETH – «irgendwas Richtung Naturwissenschaften». Sie möchte Teilzeit studieren, damit sie weiter springen könne. Jemand aus ihrem Team studiere Wirtschaft. «Das ist sicher machbar», ist die 20-Jährige überzeugt.

Doch jetzt freut sie sich erst mal auf den Start in die neue Weltcup-Saison in Lake Placid, USA, – auch wenn ihre Lieblingsanlage aus dem Europacup im finnischen Ruka nicht auf dem Weltcup-Programm steht.

Tech N9ne und Krizz Kaliko rocken hinter dem kleinen Schreibtisch

Tiny Desk Concerts – so heisst eine Video-Serie von NPR Music, einem Projekt des amerikanischen National Public Radio. Kürzlich haben dort die US-Rapper Tech N9ne und Krizz Kaliko aus Kansas City, Missouri, einen Auftritt gegeben. Es lohnt sich, reinzuhören, die können nicht nur toll rappen, sondern auch singen. Wer direkt zum Hit «Speedom» möchte (ab neunter Minute), klickt hier.