Blog

Datenschutz beginnt beim Nutzer

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 16. Januar 2020.

Im digitalen Zeitalter muss jede und jeder selber mehr Verantwortung übernehmen: Während die Schweiz um ein neues Datenschutzgesetz ringt, nimmt der Druck auf Tech-Konzerne weltweit zu.

Ein schwieriges Thema hatte der Ständerat vor Weihnachten zu beraten. Behandelt wurde die Totalrevision des bald 30 Jahre alten Datenschutzgesetzes. Der Bundesrat will den Datenschutz an das Internet-Zeitalter und an die Europäische Union (EU) anpassen. Damit sollen laut Bund die Bürgerinnen und Bürger besser geschützt und Wettbewerbsnachteile für Schweizer Unternehmen verhindert werden.

Doch die Vorlage ist umstritten, der Nationalrat hatte sich im Herbst nur knapp für eine abgeschwächte Form ausgesprochen. Für SP und Grüne geht die Revision zu wenig weit. Die SVP ist grundsätzlich dagegen, weil Druck aus der EU ausgeübt werde. Der Ständerat will das Datenschutzgesetz hingegen verschärfen.

«Der Revision fehlte leider von Anfang an eine wirkungsorientierte Zielsetzung», sagt der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno Baeriswyl. Die Datenbearbeiter würden mit bürokratischem Aufwand konfrontiert und der Datenschutz für die betroffenen Personen werde nicht wirklich gestärkt. «Niemand kann sich darüber freuen», so das Fazit von Baeriswyl.

Viele Dienste werten Daten aus
Die Digitalisierung stellt Privatsphäre und Datenschutz vor neue Herausforderungen. Denn Nutzerinnen und Nutzer hinterlassen unzählige Spuren im Netz, die für Internetunternehmen wie Google, Facebook, Amazon & Co. bares Geld sind. Daten werden gesammelt, ausgewertet und für personalisierte Werbung verwendet.

Doch auch die öffentliche Verwaltung bearbeitet viele sensible Daten – etwa im Bereich Strafverfolgung oder im Gesundheitswesen. Und es mischen viele Betrüger mit. Nicht umsonst warnen das Bundesamt für Polizei oder die Kantonspolizei Zürich regelmässig vor neuen Maschen. Die Betrüger passen sich schnell an und profitieren von Sicherheitslücken oder dem laschen Umgang der Nutzenden mit ihrer Privatsphäre.

Für Informatik-Experte Hernâni Marques ist klar: «Eine einfache Lösung gibt es nicht. Am sichersten ist, wenn Daten gar nicht erst ins Internet gelangen.» Er ist Pressesprecher der Hackerorganisation Chaos-Computer-Club. Diese wehrt sich gegen Überwachung und Zensur im Internet. Marques kritisiert, dass Nutzerinnen und Nutzer gerade bei kostenlosen Diensten oft indirekt mit ihren Daten bezahlen. Das lasse sich nur ändern, wenn sie bereit seien, kleine Geldbeträge für Dienstleistungen – sogenannte Mikrotransaktionen – auszugeben. «Den optimalen Preis muss man natürlich zuerst finden. Damit das funktioniert, braucht es einfache, wiederum privatsphärenfreundliche Bezahlsysteme», sagt der Computerlinguist. Ein solches werde gerade von der Berner Fachhochschule getestet – das Bezahlsystem GNU Taler. Es stellt eine Alternative zu Mastercard, Visa, Paypal oder Twint dar.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist aus Sicht von Marques die Abkehr von der heutigen Internet-Infrastruktur. Er plädiert für Peer-to-Peer-Netzwerke, bei denen die Computer untereinander verbunden sind, ohne zentrale Server. Die Kommunikation läuft direkt von einem Computer zum anderen. «Das erlaubt es, von privatwirtschaftlichen Monopolen und rein staatlich kontrollierten Plattformen wegzukommen», ist der Informatik-Experte überzeugt.

Benutzer müssen umdenken
Dass sich alternative Angebote, gerade etwa im Bereich der sozialen Medien, bisher nicht durchgesetzt haben, liegt vor allem an der Marktmacht der grossen Anbieter wie Twitter oder Facebook. Sie haben ein Bedürfnis gestillt – das Bedürfnis, mit Menschen ständig in Kontakt sein und Inhalte teilen zu können. Nur sind sich viele Nutzerinnen und Nutzer nicht bewusst, dass diese Plattformen systematisch Daten sammeln, analysieren und daraus Profile erstellen. «Einschliesslich mit Informationen aus Privatnachrichten, die nicht öffentlich sind», warnt Marques. Es gäbe zwar Alternativen, allerdings sei es schwierig, die Menschen zum Wechsel zu bewegen. Dies natürlich auch, weil man Freunde und Bekannte ebenfalls im grossen Stil vom Wechsel überzeugen müsste.

Grosse Plattformen unter Druck
Doch verloren ist der Kampf für mehr Datenschutz nicht. In diesen Tagen trat im US-Staat Kalifornien der California Consumer Privacy Act in Kraft. Er sei «eine Lightversion» der Datenschutz-Grundverordnung der EU, schreibt die «Republik». Das Gesetz ist ein grosser Schritt, weil sich in Kalifornien die Hauptsitze von Google, Apple und Facebook befinden. «Nicht nur in den USA, sondern weltweit dürften die Regeln damit ein Stück ‹europäischer› werden – also stärker ausgerichtet auf digitale Bürgerrechte», hält Tech-Journalistin und Autorin Adrienne Fichter fest.

Das bestätigt Marques: «Die grossen Social-Media-Plattformen, allen voran Facebook, sind massiv unter Druck.» Dies unter anderem von der EU. Er persönlich verzichte wenn möglich auf alle Google-Angebote. «Diese Firma hat es geschafft, ihre Fühler derart weit auszustrecken, dass sie praktisch jeden Benutzer weltweit überwachen kann», sagt der Computerlinguist. Besonders dann, wenn man Smartphones oder Tablets mit dem Google-Betriebssystem Android benutze und die Privatsphäre-Einstellungen nicht selber anpasse. «Hier ist die kurzfristige Lösung, wann immer möglich Alternativen zu nutzen und jegliches Tracking weitestmöglich auszuschalten», erklärt der Informatik-Experte.

Längerfristig brauche es Systeme, die ohne standardmässige Überwachung – mit Privatsphäre als Voreinstellung – angeboten würden. Hier sollen die Schweiz und Europa gesetzlich entscheidend Einfluss nehmen. «Die Gesellschaft kann die Regeln dafür festlegen, welche Anforderungen ein Produkt erfüllen muss, ehe es auf den Markt kommt», so Netzaktivist Marques. Auch «saftige Bussen» für Datenschutzverletzungen und eine Produkthaftpflicht könnten dazu beitragen, Privatsphäre und Sicherheit zu erhöhen.

Ins gleiche Horn bläst der Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl: «Datenbearbeiter müssten verpflichtet werden, ihre Dienstleistungen im Internet auch mit einer datenschutzfreundlichen Lösung anzubieten», sagt Baeriswyl. Die Revision des Schweizer Datenschutzgesetzes sehe nur vor, dass datenschutzfreundliche Voreinstellungen, die die Datenbearbeitungen auf das Notwendige beschränken, vorzunehmen sind. In der Praxis heisst das: Steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) etwas anderes, können Anbieter diese Regelung wieder ausser Kraft setzen. So gesehen haben die Nutzerinnen und Nutzer kaum eine Wahl, weil sie den AGB zustimmen müssen, um Dienstleistungen nutzen zu können.

Digitaler Ratgeber

Der Chaos Computer Club Schweiz hat mit der Digitalen Gesellschaft Schweiz und der «Wochenzeitung WOZ» den Online-Ratgeber «Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung» herausgegeben. Er behandelt Grundlagen zu Datensparsamkeit, Passwörtern und Betriebssystemen und präsentiert gute Alternativen – etwa bei Webbrowsern, E-Mail-Anbietern, Onlinespeichern oder Suchmaschinen. digitale-gesellschaft.ch/ratgeber/

Messenger

  • Aussehen und Handhabung von Threema sind an Whatsapp angelehnt. Der Messenger kann aber ohne Angabe der eigenen Telefonnummer verwendet werden. Alle Nachrichten sind verschlüsselt. www.threeema.ch
  • Signal ist eine Gratis-App, die von einer gemeinnützigen Stiftung finanziert wird. Sie kann auch als Alternative zu Skype genutzt werden. Alle Nachrichten und Gespräche werden verschlüsselt. www.signal.org

Passwörter

Ein hinreichend sicheres Passwort sollte möglichst lang sein: Am besten bestehend aus einer zufälligen Folge von Wörtern, die man nirgends findet und sich gut merken kann. Profile auf sozialen Medien sind für Betrügerinnen und Betrüger Quellen, um an Passworthinweise zu gelangen. Will heissen: Auf keinen Fall den Namen des Haustiers, des Ehemanns des Lieblings-Sportclubs oder der Lieblingsband verwenden.

Soziale Netzwerke

  • Ello ist eine werbefreie Plattform. Sie garantiert, dass keine Daten von Nutzerinnen und Nutzern an Dritte weitergegeben werden. www.ello.co
  • GNU Social ist eine Alternative zu Twitter. Der Dienst ist Teil des GNU-Projekts, das geschaffen wurde, um ein Betriebssystem auf Basis von freier Software zu entwickeln. gnu.io/social
  • Twitter-Konkurrent Mastodon setzt auf ein dezentrales Netzwerk. www.joinmastodon.org

Webbrowser

  • Der Browser Mozilla Firefox hat sich dem «sicheren Surfen» verschrieben. Wichtig: Cookies und Cache regelmässig löschen. www.mozilla.org
  • Tor stellt die Verbindung zwischen Nutzer und aufgerufener Seite über drei zufällige Knotenpunkte (Server) her. Daher lässt sich kaum zurückverfolgen, wer auf eine Website zugreift. Wer sich dann aber bei Youtube & Co. anmeldet, verliert die Anonymität wieder. www.torproject.org

Genossenschaft sucht nach Besonderem

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 28. November 2019.

Das Mysterium Neubühl zieht noch immer: Das bewies die Vernissage eines neuen Buchs über die einst visionäre Genossenschaft.

Die Werkbundsiedlung Neubühl in Wollishofen galt einst wegen ihrer Architektur als visionär, und dieser Ruf hallt bis heute nach. Das hat die Vernissage zum Buch «Im Dorf vor der Stadt» von Emanuel La Roche deutlich gezeigt. Nicht nur Genossenschafterinnen und Genossenschafter wollten in alten Erinnerungen an die Siedlung am Rande der Stadt schwelgen, auch Prominente waren kürzlich im blauen Saal des Volkshauses zahlreich anzutreffen.

So etwa die Journalistin Isolde Schaad, der Schriftsteller Franz Hohler, Altstadtrat Hans Wehrli und Jazzmusiker Bruno Spoerri mit seiner Lebensgefährtin und Journalistin Dorine Abegg.

Eine isolierte Insel
Die Genossenschaft muss also nicht nur für ihre Bewohnerinnen und Bewohner etwas Besonderes sein. Immer wieder war an diesem Abend vom Neubühl-Geist die Rede, der die visionäre Überbauung durchdrang und auf dessen Spuren sich der Autor und Journalist in seiner Chronik begeben hatte. Die anwesenden Genossenschafterinnen und Genossenschafter, viele bereits ergraut, schienen sich dadurch bestätigt zu sehen.

Publizist Benedikt Loderer, der sich als Architekturkritiker schweizweit einen Namen gemacht hat, nahm den exemplarischen Gründergeist denn auch ein bisschen aufs Korn in seiner eigens verfassten Kurzgeschichte, in der er in Anlehnung an grosse literarische Vorbilder Aufnahmerituale und Wehrhaftigkeit der Stammesgemeinschaft vor Eindringlingen analysierte. Das erinnerte etwas an das gallische Dorf von Asterix und Obelix. Im Laufe der Zeit sei die Stadt immer weiter herangekrochen, sagte Loderer. Die einst abgelegene Insel war umzingelt.

Trotz aller Besonderheiten kommt es immer wieder zu banalen Alltagskonflikten. So führten die Benutzung der Waschmaschine, der Kinderlärm und geliebte oder weniger beliebte Haustiere gestern wie heute zu den gleichen Diskussionen wie in vielen anderen Orten. Und doch warteten «sehr viele Leute darauf, hier wohnen zu können», so Genossenschaftspräsidentin Rebecca Omoregie.

Ob das am Geist liegt oder an den mittlerweile tiefen Mietzinsen, musste sie offenlassen. Klar ist: In der Erinnerung lebt der Neubühl-Geist auf jeden Fall fort.

Emanuel La Roche, Im Dorf vor der Stadt. Die Baugenossenschaft Neubühl, 1929 bis 2000. Chronos Verlag 2019, 392 Seiten, 115 Abb. ISBN 978-3-0340-1543-1. 48 Fr. www.neubuehl.ch

Kirchen sind mehr als historische Gebäude

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 7. November 2019.

Aus dem Zürcher Altstadtpanorama nicht wegzudenken: Die Kirche St. Peter mit der grössten Turmuhr Europas. Foto: Lisa Maire

Sie prägten lange Zeit das Wachstum Zürichs: Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Stadt anhand der Altstadtkirchen.

Heute sind sie schon rein aus touristischer Sicht nicht mehr wegzudenken: die Altstadtkirchen. Doch schon im Hochmittelalter – Mitte 11. Jahrhunderts bis Mitte 13. Jahrhunderts – war Zürich ein Pilgerort. Seine Kirchen und Klöster prägten die Entwicklung der Limmatstadt.

Das neue Buch «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» ähnelt einem Reiseführer. Im Mittelpunkt stehen die Wasserkirche, das Fraumünster, die Predigerkirche, das Grossmünster, der St. Peter, die Augustinerkirche sowie die Liebfrauenkirche. Geschrieben hat es das Vater-Sohn-Autorenduo François Baer und Yves Baer.

Gefoltert in der Kapelle
Die erste Kirche Zürichs war keine der heute berühmten Altstadtkirchen. In mittelalterlichen Chroniken wird die Kapelle St. Stephan als älteste Pfarrkirche bezeichnet. Sie stand südlich der Bahnhofstrasse in der Gegend um den Pelikanplatz. Hier sollen die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula gefoltert worden sein.

Enthauptet wurden die Stadtheiligen dann aber auf einer kleinen Insel in der Limmat. Dort bauten die Zürcherinnen und Zürcher später die Wasserkirche. Der Kult um Felix und Regula war Reformator Huldrych Zwingli ein Dorn im Auge. Er bezeichnete die Wasserkirche als «rechte Götzenkirche», weshalb sie fast am meisten Änderungen erfuhr. Beim Bildersturm 1524 entfernte man die Altäre und die Orgel. Zwingli liess Bilder, Statuen sowie Wandschmuck abhängen. «Als Folge der Umnutzungen nach der Reformation wurde die Wasserkirche mehrmals umgebaut», so die Autoren. Sie diente zeitweise als Warenlager, danach ab 1634 als erste öffentliche Bibliothek.

Das Grossmünster brennt 1763 nach einem Blitzeinschlag. Erst 1781 bis 1787 erhalten die Türme Kuppeln. Zeichnung: Paul Usteri, Baugeschichtliches Archiv

Karl der Grosse jagte einen Hirsch
Das Grossmünster hat ebenfalls einen starken Bezug zu Felix, Regula und ihrem Diener Exuperantius. So sollen die Stadtheiligen nach ihrer Enthauptung ihre Köpfe ergriffen haben und bis zu ihrer Grabstätte gegangen sein, wo heute die Kirche mit den zwei markanten Türmen steht.

Das Grossmünster ist das historische Wahrzeichen der Stadt Zürich. Und um die Kirche rankt eine weitere Legende: Karl der Grosse habe einen Hirsch von seiner Residenz in Aachen bis nach Zürich verfolgt. Der Hirsch führte ihn an die Grabstätte von Felix und Regula und sei in die Knie gesunken. Karl der Grosse befahl deshalb, eine Kirche zu errichten. «Zwischen 952 und 1055 residierten zwölf Mal die Kaiser in Zürich», schreiben François und Yves Baer. So sei es durchaus denkbar, dass die Gründungslegenden des Grossmünsters und der Wasserkirche einen wahren Kern hätten und Karl der Grosse in Zürich residiert habe. Das lässt sich aber nicht beweisen.

Klar ist hingegen, dass das Grossmünster Ausgangspunkt der Reformation in Zürich war. Zwingli predigte hier, er trat sein Amt am 1. Januar 1519, also vor 500 Jahren, an. Auch architektonisch hat sich die Kirche verändert. «Am 24. August 1763 brannte das Dach des Nordturms aufgrund eines Blitzeinschlages ab, die Glocken wurden mit nassen Kuhhäuten vor dem Schmelzen gerettet», schreiben die Autoren. Ein kompletter Neubau stand zur Diskussion. 1770 erhielten die Türme Balustraden und glichen damit der Notre-Dame in Paris. Zwischen 1781 und 1787 entstanden die Kuppeln.

Das Buch von François Baer und Yves Baer ist mit über 500 Abbildungen reich illustriert. Einige Fotos sind allerdings etwas klein geraten. Neben einer Einführung zur Geschichte der Stadt von der Spätantike bis heute werden die sieben Altstadtkirchen mit je einem Kapitel gewürdigt. Das Buch zeigt Ereignisse entlang der Gotteshäuser auf und stellt wichtige Persönlichkeiten vor. «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» zeichnet die Baugeschichte der Kirchen nach, erzählt, welche Schätze im Verlauf der Jahrhunderte verloren gingen.

Die römisch-katholische Liebfrauenkirche steht geografisch ausserhalb der Altstadt. Sie wurde im Jahr 1894 eingeweiht. Foto: Pascal Wiederkehr

Langer Weg zur eigenen Kirche
Um 1850 war laut Statistik Stadt Zürich über neunzig Prozent der Wohnbevölkerung evangelisch-reformiert. 2017 lebten in Zürich noch rund 21 Prozent Reformierte. Konfessionslose und römisch-katholische Personen sind häufiger vertreten – dies vor allem durch Zuwanderung.

Nur etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung ist hingegen christkatholisch. Die Christkatholiken haben ihre Heimstätte in der Augustinerkirche in der Nähe der Bahnhofstrasse. Im Zuge der Reformation wurde die Kirche zur Münzstätte umfunktioniert. Erst 1840 übernahmen die Katholiken die Kirche. Der Streit um die Unfehlbarkeit des Papstes nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 spaltete die Gemeinde in Christkatholiken und romtreue Katholiken. Die Romtreuen waren die Minderheit und verloren die Augustinerkirche. In der damals eigenständigen Gemeinde Aussersihl wurde deshalb die Kirche St. Peter und Paul gebaut. Unter anderem wegen ihrer schlichten Ausstattung und ihrer Lage bezeichnete man sie als Armeleutekirche. Weil die katholische Bevölkerung im 19. Jahrhundert stark wuchs, wurde der Bau weiterer Kirchen nötig. Ab 1893 entstand die Liebfrauenkirche im Stil einer christlichen Basilika. Die Anlehnung an italienische Vorbilder soll die Verbundenheit mit Rom ausdrücken.

Yves Baer, François G. Baer – Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten. NZZ Libro, 2019. 256 Seiten, über 500 Abbildungen.

Kunstwerke, die wir (nicht) vermissen

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 8. August 2019.

In Zürich ist wieder Kunstsaison. Nein, ich meine nicht die liegen gelassenen Bierdosen am Seeufer und auf Bänkli, die in ihrer Gesamtheit ebenfalls ein Werk ergeben könnten: «Rücksichtslosigkeit», geschaffen von Zürichs Bevölkerung. Ich rede von der Open-Air-Ausstellung Gasträume, die noch bis zum 1. September zu sehen ist. Auf dem Tessinerplatz steht beispielsweise ein Jägerhochsitz, von dem Klingeltöne und Pfeifgeräusche erklingen. Der Klingelton lässt den Homo smartphonensis nach dem Handy greifen. Ob sich Frauen umdrehen, wenn es aus dem Hochsitz pfeift, lasse ich offen.

Immer wieder sind temporäre Kunstwerke in der Stadt zu sehen. Manche sorgen für Gesprächsstoff, andere verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Der Hafenkran am Limmatquai war seiner Zeit voraus.

Heute, wo jeder auf Instagram ist, wäre er der letzte Schrei. Mit dem richtigen Filter, der den Hafenkran verschönert, und dem passenden Hashtag hätte er zum Schweizer Eiffelturm avancieren können. Damals aber war das Monstrum für viele ein Schandfleck. Die perfekte Altstadt-Szenerie in den Augen der Touristiker nachhaltig verdorben.

Es ist zu gross geraten für eine Modelleisenbahn, aber zu klein, um die Wohnungsnot zu lindern.

Für weit weniger Diskussionen, dafür aber für hämische Kommentare sorgten die Sonnensegel der Künstlerin Claudia Comte auf dem Münsterhof. Sie waren willkommene Schattenspender, hielten aber den Sommergewittern nicht richtig stand.

Zwar nicht temporär, aber immerhin auffällig ist ein anderes Werk: Seit letztem Jahr steht bei der offenen Rennbahn in Oerlikon ein Minihaus. Geschaffen hat es das Künstlerduo Fischli/Weiss. Es ist zu gross geraten für eine Modelleisenbahn, aber zu klein, um die Wohnungsnot zu lindern. Ob zuerst die Swissminiatur in Melide angefragt worden war und abgelehnt hat, ist nicht bekannt.

Der Kaiser trägt nur edelsten Zwirn

Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr
Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 25. Juli 2019.

Ein Sommermärchen im Sihlwald: Das Stück «Em Kaiser sini neue Chleider» bringt Kinder und Erwachsene zum Lachen.

«Ab und zu mache ich eine Pause und esse ein paar Guetzli», erzählt Weber Sämi (Yves Ulrich) mit einem Grinsen. Er entspannt sich gerade auf dem kaiserlichen Thron. Auch ein Weber brauche einmal ein bisschen Ruhe. So ein fleissiger Kerl, wie er es sei. Ganz anderer Meinung ist hingegen der Kaiser von Latzhosonien (Beat Gärtner). «Mit seinen ungehobelten Händen bringt er nicht einmal eine Sofadecke fertig», schimpft er.

Im Märchen «Em Kaiser sini neue Chleider» dreht sich alles um die Garderobe von Ihrer Majestät. Der elegante Hofmarschall Helmhuet (Frank Bakker) und der schusslige Oberhofschneider Rümpfli (Nico Jacomet) sorgen sich Tag und Nacht darum, dass der Kaiser bestens gekleidet ist. Vor allem das jüngere Publikum hat viel zu lachen, als dem Kaiser eine Nadel im Allerwertesten stecken bleibt. Weber Sämi, der sie auf dem Thron vergessen hat, wird entlassen.

Das kommt bei der emanzipierten Prinzessin Sidefädeli (Ramona Fattini) schlecht an. Sie hat sich in Sämi verliebt, wie sie ihren Kammerzofen Broschett (Mareen Beutler) und Brischitt (Pascale Sauteur) gesteht. Gut, taucht plötzlich ein neuer Weber auf, der dem Kaiser den edelsten aller Stoffe verspricht. Menschen, die ihres Amtes nicht würdig oder dumm seien, würden ihn nicht einmal sehen. Weil niemand zugeben will, die Kleider nicht sehen zu können, spielt der ganze Hofstaat mit. Es wird fleissig am unsichtbaren Stoff gearbeitet, damit des Kaisers neue Kleider rechtzeitig dem Volk präsentiert werden können.

Nico Jacomet, bekannt als Gründer des Adliswiler «Theaters NI&CO», hat das Dialektmärchen geschrieben. Die Geschichte des Stücks basiert auf dem Märchen des dänischen Autors Hans Christian Andersen. «Em Kaiser sini neue Chleider» ist die erste Produktion des «Theaters im Märliwald».

Die Aufführungen finden auf der Bühne des Freilichttheaters Sihlwald beim Wildnispark Zürich statt. Besonders schön ist, wenn sich die Bühnenwände Richtung Sihl öffnen und der Sihlwald zum Märchenwald wird. Gespielt wird bei jedem Wetter, das Publikum sitzt im Trockenen. Regisseur Jacomet und sein Team überzeugen mit «Em Kaiser sini neue Chleider» nicht nur Kinder. Das Stück hat für Erwachsene einige lustige Anspielungen zu bieten. Gezeigt wird das Märchen noch bis zum 4. August.

«Em Kaiser sini neue Chleider» im Freilichttheater Sihlwald. Aufführungen: 31. Juli, 3. August, 4. August, jeweils 14 Uhr. Tickets: www.turbinetheater.ch

So gut, dass es keinen Titel braucht

25 April 2019, Berlin: Rammstein begeistert auch zehn Jahre nach dem letzten Album «Liebe ist für alle da». Das Musikvideo zu «Radio» feierte an der Ecke Torstrasse/Prenzlauer Allee Premiere. Foto: Christoph Soeder/dpa (KEYSTONE/DPA/Christoph Soeder)
25 April 2019, Berlin: Rammstein begeistert auch zehn Jahre nach dem letzten Album «Liebe ist für alle da». Das Musikvideo zu «Radio» feierte an der Ecke Torstrasse/Prenzlauer Allee Premiere. Foto: Christoph Soeder/dpa (KEYSTONE/DPA/Christoph Soeder)

In den letzten Wochen habe ich nichts sehnlicher erwartet, als das neue Rammstein-Album. Es trägt offiziell keinen Titel, was irgendwie zu dieser deutschen Schwermetall-Band passt. Mit grossem Brimborium hat die Marketing-Maschinerie die Fans in Bann gezogen. Die erste Album-Auskopplung «Deutschland» sorgte entweder für rote Köpfe oder grossen Applaus. Das amerikanische National Public Radio stellte «Deutschland» gar in Zusammenhang mit der Europawahl. Selbst Historiker mussten sich mit dem Lied beschäftigen. Die grosse Frage stand im Raum: Ist «Deutschland» nun als Zeichen gegen Nationalismus zu verstehen oder einfach eine gelungene PR-Aktion? Die Mitglieder von Rammstein dürften sich so oder so ins Fäustchen lachen: Das Video wurde millionenfach angeschaut und das Album verkauft sich bestens.

Zwischen totaler Begeisterung und grosser Verachtung gibt es bei der Rammstein-Analyse sowieso wenig. Das passt zu unserer Zeit, in der entweder alles schlecht oder super toll ist. Was nur dreieinhalb Sterne erhält, kann sich quasi beerdigen. Es ist kein Geheimnis, dass der deutschsprachige Feuilleton seit jeher Mühe hat mit dem Sextett. Aus diesem Grund scheinen die Musikjournalisten von ihrem Hassobjekt mehr künstlerische Genialität zu verlangen, als von jeder anderen Band.

Zwischen totaler Begeisterung und grosser Verachtung gibt es bei der Rammstein-Analyse sowieso wenig. Das passt zu unserer Zeit, in der entweder alles schlecht oder super toll ist. Was nur dreieinhalb Sterne erhält, kann sich quasi beerdigen.

Für die zweite Single «Radio» – das einige hartgesottene Ur-Fans mit einer poppigen Note erschütterte – luden die Ex-DDRler zur öffentlichen Liveübertragung. Das Musikvideo wurde zur Premiere unter anderem in Berlin an eine Hauswand projiziert. Und das tonlos. Wer die Musik hören wollte, musste zeitgleich den Sender Radioeins einschalten. Klar, dass dadurch die Erwartungen noch höher geschraubt wurden.

Das siebte Album von Rammstein überzeugt musikalisch – trotz etwas sanfteren Tönen. Es ist aber nicht die grosse Offenbarung. Doch das habe ich persönlich nicht erwartet. Im Gegensatz zu anderen Bands, die sich während den Jahren immer wieder den Strömungen angepasst haben, ist Rammstein Rammstein geblieben.

Rammstein hat den richtigen Riecher bewiesen, «Deutschland» und «Radio» als erste Singles zu veröffentlichen. Sie sind klar die stärksten Songs auf dem neuen Album. Auch das kirchenkritische «Zeig dich», die augenzwinkernde Ballermann-Hymne «Ausländer», das düstere «Puppe» oder die Dampfwalze «Tattoo» gefallen. Die restlichen Lieder sind keineswegs schlecht – aber mehr vom gleichen. Doch selbst als langjähriger Fan muss ich gestehen: Das war eigentlich schon immer so. Kein Album, das mich je komplett begeistert hätte.

Natürlich gibt es unter den Fans auch kritische Stimmen: Es gibt diejenigen, die sich mehr im Stil des sehr harten Albums «Mutter» erhofft haben und die anderen, die sich das melodischere «Sehnsucht» zurückwünschen. Für mich ist das siebte Werk von Rammstein die perfekte Mischung – ich habe von allem etwas.

Der Baby-Hype nervt

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 16. Mai 2019.

In dieser Kolumne geht es nicht um mich. Noch lässt mich meine Mutter in Ruhe. Sie will nicht bei jedem Familienfest wissen, wann es endlich Enkel gibt. Und da die meisten meiner Freunde ebenfalls babyfaul sind, ist mir angst und bange, wenn ich an den Fortbestand der Stadt Zürich denke.

Ich nerve mich gerade über ein besonderes Baby: Es hat einen komplizierten Namen und heisst Archie Harrison Mountbatten-Windsor. Das Baby entsprang der Liebe von Prinz Harry und Herzogin Meghan. Letztere ist gemäss «Bunte.de» direkt nach der Geburt «strahlend schön».

Ob Prinz Harry ebenfalls «strahlend schön» ist, kann ich nicht beurteilen. Zumindest Royal-Fans bestehen darauf, dass Klein-Archie ganz nach Herzogin Meghan kommen soll.

Warum interessieren wir uns als Schweizer überhaupt für den Nachwuchs des britischen Königshauses? Wir feiern doch am 1. August alle gemeinsam mit Cervelat, Tofu und Bier, dass wir die bösen Habsburger aus dem Land gejagt haben. Der einzige König, den wir verehren dürfen, heisst Roger und kommt aus Basel. Und selbst der verliert bei schlechter Leistung auf dem Tennisplatz schnell seine Krone wieder.

Ich stelle mir gerade vor, wie Kaiserin Sissi zusammen mit Franz Joseph I. in Wien ihren Nachwuchs in die Kamera hält. Die Eidgenossenschaft jubelt verzückt und hofft, bald wieder die Unabhängigkeit zu verlieren. Es ist ein Albtraum. Und das alles nur wegen eines Babys.

Keiner war mächtiger als dieser Zürcher

Das Alfred-Escher-Denkmal auf dem Bahnhofplatz vor dem Hauptbahnhof Zürich wurde im Juni 1889 eingeweiht. Das Foto ist um 1890 entstanden. Foto: Baugeschichtliches Archiv Stadt Zürich
Das Alfred-Escher-Denkmal auf dem Bahnhofplatz vor dem Hauptbahnhof Zürich wurde im Juni 1889 eingeweiht. Das Foto ist um 1890 entstanden. Foto: Baugeschichtliches Archiv Stadt Zürich

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 25. April 2019.

Alfred Escher brachte die Schweiz in die Moderne: Seine Kritiker hassten ihn und wünschten ihm den Tod. Bis zuletzt arbeitete der ungekrönte König der Schweiz an seinen Visionen.

Die Nordostbahn stürzte 1876 in die Krise. Bei der Gotthardbahn kamen die Kostenüberschreitungen ans Licht. Alfred Escher wurde auf die Probe gestellt. Der Eisenbahnpionier bewältigte beide Krisen – sein Ruf blieb aber nachhaltig beschädigt. Escher war zeitlebens ein Mythos, wurde von den einen verehrt und den anderen verachtet.

Sinnbild dafür ist der Gotthard-Durchstich im Jahr 1880. Der 15 Kilometer lange Bahntunnel gilt als Wunderwerk – und dank Escher wurde er überhaupt Wirklichkeit. «Escher, zum Sündenbock des Gotthardprojekts gestempelt, erntete noch weiteren Undank», schreibt dazu Joseph Jung in seinem neuen Buch «Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer». Escher wurde zu den Feierlichkeiten nicht eingeladen. Kein Redner erinnerte an ihn. Zwei Jahre später, bei der Eröffnung des Tunnels im Jahr 1882, konnte er dann nicht mehr teilnehmen. Escher war todkrank.

Zum Feindbild geworden
Die neue Biografie ist ein kompaktes Werk mit 128 Seiten und vielen Abbildungen. Sie zeichnet den Aufstieg und den Fall von Zürichs grösster Persönlichkeit nach. Escher, der von 1819 bis 1882 lebte, war Eisenbahnpionier, Unternehmer, Politiker und Visionär. Er gehörte unter anderem während 34 Jahren dem Nationalrat an. 38 Jahre sass er im Kantonsrat, 7 Jahre war er Regierungsrat. «Kein anderer Schweizer Politiker hat einen solchen Palmarès vorzuweisen», schreibt der Historiker Jung.

Lydia Escher mit ihrem Vater Alfred. Das Foto ist um 1869 entstanden. Foto: Privatarchive, Privatsammlungen
Lydia Escher mit ihrem Vater Alfred. Das Foto ist um 1869 entstanden. Foto: Privatarchive, Privatsammlungen

Eschers Ämterkumulation führte schon zu seinen Lebzeiten zu Kritik. Wegen seiner Machtfülle wurde der reiche Grossbürger Alfred Escher als «König Alfred I.» und republikanischer Diktator betitelt. So entwickelte sich der Zürcher zum Feindbild der Demokraten, der damaligen politischen Gegenbewegung zur radikalliberalen Partei. «Heute ist es gar nicht mehr möglich, dass jemand zeitgleich Regierungsrat und Kantonsrat ist», sagte Biograf Jung kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung.
Wer heute von Visionären spricht, denkt an Menschen wie Elon Musk oder Steve Jobs. Doch ein Vergleich zu ziehen, ist schwierig. Alfred Escher verfügte mit seinem Vermögen, seinen politischen Ämtern und seinen Unternehmen über einen Einfluss, der im 21. Jahrhundert kaum mehr möglich ist. Die ETH, die Credit Suisse, die Swiss Life und die Gotthardbahn gehören zu seinem Werk. Escher gilt als wichtiger Motor der modernen Schweiz nach der Bundesstaatsgründung 1848.

Escher war ein Workaholic
«Politische Helden sind in der Schweiz verpönt», bringt es Jung in seinem Buch auf den Punkt. Die Biografie zeigt auf, wie Alfred Escher in kurzer Zeit in Zürich und Bern eine beherrschende Stellung aufbaute und wie er ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. «Im 19. Jahrhundert gab es in der Schweiz keine andere Führungspersönlichkeit, die sich ein solches Pensum zugemutet und ein solches Programm absolviert hätte», so Jung. Dass diese Arbeitslast bisweilen ungesund war, verdeutlicht die Tatsache, dass sich Escher in seinem Direktionsbüro bei der Nordostbahn ein Bett aufstellen liess. Im Nationalrat in Bern blieb er im Saal sitzen, wenn die Debatten vorüber waren. Er bereitete Geschäfte der folgenden Tage vor, schrieb an Reden und las sich in Dossiers ein. «Und dann kam es vor, dass er einnickte, spätabends», schreibt Jung.

«Seine Liebe zu Zürich war entscheidend für ihn, aber auch seine Identifikation mit der Schweiz. Es ist ihm um sein Heimatland gegangen.»

Joseph Jung, Historiker

Mit Kritik wird gespart
«Seine Liebe zu Zürich war entscheidend für ihn, aber auch seine Identifikation mit der Schweiz. Es ist ihm um sein Heimatland gegangen», sagte der Autor Jung vor kurzem im Interview. Der Historiker beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Alfred Escher.

Obwohl auch kritische Themen angesprochen werden – darunter die Plantage mit Sklaven, die Eschers Onkel auf Kuba besass –, zeichnet Jung mehrheitlich das Bild eines grossen Staatsmanns und Wirtschaftsführers. Das Privatleben, darunter die Beziehung zu seiner erstgeborenen Tochter Lydia, der Tod seines Vaters, seiner Frau und seiner zweitgeborenen Tochter Hedwig werden nur gestreift. Dies ist allerdings auch der Kompaktheit der interessanten Biografie geschuldet.

Alfred Escher, der im Landsitz Belvoir in der damals eigenständigen Gemeinde Enge lebte, starb am 6. Dezember 1882. Der Zürcher, der schon in den Jahren zuvor immer wieder von Krankheiten heimgesucht worden war, konnte nie selbst durch den Gotthard fahren. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Manegg. Sein Denkmal steht prominent auf dem Bahnhofplatz in Zürich.

Joseph Jung: Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer. 128 S. www.pioniere.ch