In eigener Sache: Ich bin neuer Redaktor beim «Zürich 2»

Zürich 2 Front, Ausgabe 43, Donnerstag 26.10.17
Pascal Wiederkehr übernimmt die Zürcher Zeitung «Zürich 2» vom langjährigen Redaktor Lorenz Steinmann.

Viel gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen: Es passiert selten genug, dass ein Journalist selbst auf der Front einer Zeitung verewigt wird. Seit Januar 2016 arbeite ich beim Zürcher Verlag Lokalinfo als Redaktor und Stellvertreter bei Ferienabwesenheiten. Seit heute bin ich offiziell Redaktor der Quartierzeitung «Zürich 2». Diese erscheint wöchentlich im Kreis 2 in Zürich, zu dem die Quartiere Enge, Leimbach und Wollishofen gehören, sowie in der Nachbarstadt Adliswil. Ich freue mich ausserordentlich auf die neue Herausforderung.

Spoerri: «Es braucht alles etwas mehr Zeit»

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 12. Oktober 2017.

Angefangen hatte er mit Musik für Werbespots. Heute gilt der Jazzmusiker Bruno Spoerri als Pionier der elektronischen Musik. Im Oktober tritt der 82-Jährige mehrmals in Zürich auf.

Es war ein kleiner Sieg gegen einen Musikgiganten, doch es hatte sich gelohnt: «Jay Z hat ‹99 Problems› und eins mehr. Es heisst Bruno Spoerri», titelte «SRF.ch» 2015 provokativ. Das Onlineportal des Schweizer Radio und Fernsehens bezog sich dabei auf den bekannten Hip-Hop-Song «99 Problems» von Jay-Z. Für den Song «Versus» kupferte der amerikanische Rapper ein Teil von Spoerris Track «On the Way» ab. Anwälte beider Parteien einigten sich aussergerichtlich und Jay-Z sowie sein Produzent Timbaland traten 50 Prozent der Einnahmen aus «Versus» an Spoerri ab. «Das hat mir ein neues Bad und die Produktion meines Albums ‹Memories› finanziert», erinnert sich Spoerri mit einem Lächeln.

«This edition was made possible through the generous financial help by Mr. Jay-Z.»

 
Einen kleinen Seitenhieb liess er sich nach dem Erfolg von David gegen Goliath nicht nehmen, wie er erzählt. Auf der Rückseite von «Memories» steht fast unscheinbar der Satz: «This edition was made possible through the generous financial help by Mr. Jay-Z.» – Diese Edition wurde durch die grosszügige finanzielle Unterstützung von Herrn Jay-Z ermöglicht.

Jazz war in der Schweiz verpönt
Schon zu Beginn von Spoerris Karriere galt es, Hindernisse zu überwinden. «Jazzmusik war in den 50er- Jahren in der Schweiz verpönt», so der 82-Jährige. Ursprünglich hatte er Klavier gelernt, doch mit 14 Jahren stieg er um aufs Saxofon. «Mein Klavierlehrer spielte auch in einer Jazzgruppe. So bin ich früh zum Jazz gekommen», erzählt Spoerri, der seit 1995 in Hirslanden wohnt. Am Gymnasium war unter den Lehrern schnell klar: Schrieb er schlechte Noten, war der Jazz schuld. Spoerri: «Es gab nur einen Lehrer, der damals gerne Jazz hörte.» Selbst der sei aber im Kollegium unbeliebt gewesen. Nach der Schule blieb Jazz ein Amateurvergnügen. «Als Jazzmusiker konnte man höchstens in einem Tanzorchester spielen, was nicht unbedingt erstrebenswert war», sagt Spoerri. Die Musiker hätten jeden Abend an einem anderen Ort spielen müssen und wenig verdient. Spoerri studierte deshalb Psychologie in Basel, Zürich sowie Freiburg im Breisgau und schloss 1960 ab. «Ich habe mehr Musik gemacht als studiert», sagt Spoerri. Er spielte in den 50er- Jahren in verschiedenen Amateurgruppen. Danach arbeitete er fünf Jahre als Psychologe und Berufsberater, blieb aber der Musik treu.

Erst ab 1965 gelang ihm der Wandel zum Berufsmusiker. Grund dafür: Im Schweizer Fernsehen hatte die Ära der Werbung begonnen. Um Produkte bewerben zu können, brauchte es kurze Werbespots. Während die kurzen Filme in Deutschland oder den USA schon länger Realität waren, hatte man in der Schweiz kaum Ahnung davon, wie man solche produzieren sollte. Es schossen viele kleine Produktionsfirmen aus dem Boden, eine davon engagierte Bruno Spoerri als sogenannten Tongestalter. «Heute würde man wohl Sound Designer sagen», überlegt Spoerri. Kurz zuvor hatte der Künstler für die Landesausstellung 1964 in Lausanne die Musik für Kurzfilme produziert. Da das Berufsprofil neu war, durfte der Wahlzürcher experimentieren. «Durch das Improvisieren bin ich auf elektronische Elemente in meiner Musik gekommen», erklärt der Musiker. «Da wir immer zu wenig Geld hatten, mussten wir irgendetwas Besonderes machen.» Als Technikfan wurde er so fast zufällig zu einem Pionier der elektronischen Musik. Zuerst angestellt und dann selbstständig, arbeitete er über 20 Jahre lang in der Werbebranche, komponierte die Musik von über 500 Werbefilmen. Später kamen Dokumentar- und Spielfilme hinzu, darunter die Musik für «Teddy Bär» von Rolf Lyssy oder «Der Kongress der Pinguine» von Hans-Ulrich Schlumpf.

Mit Jazz Award ausgezeichnet
Obwohl Spoerri als Elektropionier gilt, sieht er sich selbst eher als Jazzmusiker. «In der Schweiz wollen sie einen immer in eine Schublade stecken », antwortet er auf die Frage, als was er sich selbst bezeichnen würde. Erst im Juni wurde ihm der Swiss Jazz Award für sein Lebenswerk verliehen. Trotzdem ist ihm bewusst, dass er mit seinen Berufskollegen damals die Entwicklung zur heutigen elektronischen Musik stark beeinflusst hat. «Wir sind sozusagen schuld, dass es das gibt», sagt Spoerri augenzwinkernd. 1982 war er Mitgründer der Gesellschaft für Computermusik und drei Jahre darauf entstand das Zentrum für Computermusik. Dieses leitete er bis 2000 als Geschäftsführer. Nachfolger des Zentrums ist das Institute for Computer Music and Sound Technology an der Zürcher Hochschule der Künste. 2005 erschien sein Buch «Jazz in der Schweiz», 2010 folgte das Werk zu seiner zweiten Leidenschaft: «Musik aus dem Nichts – Die Geschichte der Elektroakustischen Musik in der Schweiz».

«Ich bin noch am Überlegen, aber ich habe viele halbfertige Stücke.»

Mehrere Konzerte in Zürich
20 bis 30 Alben, so genau hat Spoerri nicht gezählt, hat er in über 50 Jahren produziert. Heute ist der Vollblutmusiker immer noch auf nationalen und internationalen Bühnen präsent. Er spielt in Solokonzerten «Computer- Assisted Jazz» oder im Duo mit dem Perkussionisten Julian Sartorius. Als Saxofonist tritt er vor allem mit den Pianisten Roger Girod und Dave Ruosch sowie mit der Sängerin Christina Jaccard auf.

Im Oktober wird Spoerri mehrmals in der Lebewohlfabrik im Seefeld zu hören sein. «Bei diesen Auftritten werde ich vor allem Jazz spielen », erklärt Spoerri. Wer lieber den Elektropionier erleben möchte, kommt aber ebenfalls auf seine Kosten: «Am 31. Oktober spiele ich mit Roberto Domeniconi und Gabriel Schiltknecht sanfte elektronische Musik», kündet er an.

Und vielleicht wird es in naher Zukunft ein neues Album von Bruno Spoerri geben: «Ich bin noch am Überlegen, aber ich habe viele halbfertige Stücke.» Allerdings sei er mit den neuen Computerprogrammen nicht mehr ganz so schnell wie früher, so der 82-Jährige. «Es braucht alles etwas mehr Zeit.»

Zürich wollte mit Genf und Basel mithalten

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 5. Oktober 2017.

Lange war Zürich weder das Wirtschaftszentrum noch die grösste Stadt der Schweiz. Das neue Buch «Zürich – Aufbruch einer Stadt» widmet sich diesem Thema.

1867 soll halb Zürich eine Baustelle gewesen sein. Die Stadt habe mitten in einer Entwicklung gesteckt, die aus dem mittelalterlichen Zürich in wenigen Jahrzehnten eine moderne Stadt mit grosszügigen Boulevards und prächtigen Wohn- und Büropalästen werden liess, schreibt der NZZ-Journalist Adi Kälin in seinem Beitrag für das Buch «Zürich – Aufbruch einer Stadt». Die alte Stadtbefestigung wurde ab 1833 beseitigt, «so richtig systematisch wird die Umwandlung der Stadt aber erst seit 1860 betrieben», hält Kälin fest.

Grund dafür war laut dem Autor ein neues Baukollegium unter dem Vorsitz von Alfred Escher. Dieses wählte Arnold Bürkli zum Stadtingenieur, der Zürich städtebaulich und architektonisch auf das Niveau von Basel und Genf heben wollte. Auch wenn es mancher wohl nicht wahrhaben möchte: Bei der Gründung der Schweiz als Bundesstaat im Jahr 1848 war Zürich weder die grösste Schweizer Stadt noch das wirtschaftliche Zentrum. Die Stadt hatte nur rund 17 000 Einwohner. Im Vergleich dazu: Basel zählte 27 000 Einwohner, in Genf waren es 31 000. Das war vor den Eingemeindungen. Laut Statistik Stadt Zürich waren es damals 41 585 Einwohner, wenn man das gesamte heutige Stadtgebiet betrachtet. Danach sollte sich die Bevölkerungszahl bis 1950 verachtfachen.

Stadtingenieur Bürkli, der von 1833 bis 1894 lebte, war Gemeinderat, Kantonsrat, Nationalrat sowie Zunftmeister der Zunft zur Meisen. Die «NZZ» habe damals in einem Nachruf geschrieben, er sei zu einer gewissen Zeit «einer der populärsten Männer der Stadt» gewesen. Er soll aber wegen umstrittenen Projekten zeitweise auch heftig angefeindet worden sein. Der Bauingenieur plante die Bahnhofbrücke, die Bahnhofstrasse sowie verschiedene Quartiere. Zudem war er federführend bei der Planung und Umsetzung der Kanalisation und Wasserversorgung.

Stadtzunft schenkt sich Buch

«Arnold Bürkli oder die Entdeckung des Mondänen» ist eines der Kapitel im Bildband «Zürich – Aufbruch einer Stadt», welches die grundlegenden Veränderungen dieser Zeit thematisiert. Dazu gehören die Themen Bildung, Kultur, Politik und Wirtschaft, zu denen jeweils ein Beitrag von verschiedenen Autoren beigesteuert wurde. Herausgegeben hat das Werk die Stadtzunft, die 1867 gegründet wurde und 2017 ihr 150-Jahr-Jubiläum feiert. Sie war damit die erste Zunft der insgesamt 14 neuen Zünfte. Diese entstanden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, oftmals im Zusammenhang mit den Eingemeindungen von 1893 sowie 1934. Die zwölf alten Zünfte waren Handwerksvereinigungen und haben ihre Wurzeln im 14. Jahrhundert.

«Zürich – Aufbruch einer Stadt» ist ein schöner Band mit Essays und vielen grosszügig aufgemachten Bildern geworden. Obwohl das Buch als Geschenk der Zunft an sich selbst gesehen werden kann, steht die Zunftgeschichte nicht im Zentrum. Dafür wird dem Aufbruch der Stadt zum modernen Zürich viel Platz eingeräumt: Pionierjahre, deren Geist bis heute nachwirkt.

499 Menschen starben an Cholera

1867 scheint tatsächlich ein Jahr des Aufbruchs gewesen zu sein. Die Russin Nadeschda Suslowa promovierte an der medizinischen Fakultät als erste Frau an der Universität Zürich. Im gleichen Jahr wütete in Zürich und Umgebung die Cholera. 771 Menschen erkrankten daran und 499 starben. Und es entstand die Halle des Hauptbahnhofs. Kein Wunder, beginnt die Einleitung des Buchs folgendermassen: «Es gibt Jahre, in denen derart viel passiert, dass man sich noch lange daran erinnert.» (pw.)

Stadtzunft, Zürich – Aufbruch einer Stadt. NZZ Libro, 2017. 240 Seiten, geb.

Mein Erdbeer-Trauma

Zuerst veröffentlicht als Kolumne im «Züriberg» vom 22. Juni 2017.

Als ich vor kurzem im Coop im Letzipark einkaufen ging, hatte ich nicht ahnen können, wie mein innerer Seelenfrieden ins Ungleichgewicht geraten würde. Ich fand mein liebstes Käse-Sandwich nicht. Vielleicht war es ausverkauft, wer weiss, auf vertiefte Recherchen habe ich verzichtet. Doch das Erlebnis löste etwas aus: Ich erinnerte mich an einen früheren Verlust. Ich erinnerte mich an die stichfesten Erdbeer-Joghurts in der Migros. Eines Tages waren sie plötzlich verschwunden. Dabei haben die mir so wunderbar geschmeckt. «Über den Zeitpunkt oder Grund der Auslistung des stichfesten Erdbeer-Joghurts können wir auf die Schnelle keine genaue Antwort geben», teilte Christine Gaillet, Mediensprecherin der Migros, auf Anfrage mit. «Was wir aber sagen können, ist, dass wir seit längerem kein stichfestes Joghurt mehr aus dem Sortiment genommen haben.» Vor kurzem vielleicht nicht, denke ich mir da, aber vor einigen Jahren schon, füge ich im Geiste an.

Wenn also selbst die Migros nicht weiss, was mit dem stichfesten Erdbeer-Joghurt passiert ist, dann ist alle Hoffnung verloren. Für einen Moment habe ich sogar an mir selbst gezweifelt. War das Joghurt nur eingebildet? Nein. Auf Migipedia, der Online-Community der Migros, schrieb schon 2014 der User Wasa62: «Ich wünsche mir seit Jahren nichts sehnlicher als diese Joghurts wieder im Regal.»
Gemäss dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» verkauft Emmi beispielsweise keine stichfesten Früchte-Joghurts, weil die Früchte auf den Boden sinken und das die Konsumenten nicht mögen. Stichfeste Joghurts mit Früchte-Geschmack, die man im Ausland sehe, seien nicht mit echten Früchten, sondern nur mit Früchtearoma gemacht.

Aber zurück zu meinem aktuellen Problem: Wo ist das Käse-Sandwich geblieben? Ich kann nur hoffen, dass ich in Zukunft nicht wie- der so ein Trauma erleben muss. Man stelle sich vor, Migros würde irgendwann Pepsi Max aus dem Sortiment nehmen – gottbewahre!

«Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime»

Ausschnitt Artikel «Zürich West»: «‹Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime›»
Interview in «Zürich West» mit dem ehemaligen Auslandskorrespondenten Ulrich Tilgner.

Zuerst veröffentlicht in «Zürich West» vom 19. Januar 2017.
Interview als PDF lesen.

Welchen Einfluss hat der Islam auf die Schweiz? Der Nahost-Experte Ulrich Tilgner sprach über Flüchtlinge, Terror und was in Zukunft auf Europa zukommt.

Ulrich Tilgner, ist die Angst vor dem Islam berechtigt?
Die Angst vor dem Islam halte ich für völlig unberechtigt. Das wäre, wie wenn im Orient gefragt würde, ob die Angst vor dem Christentum berechtigt ist. Es gab historisch die Kreuzzüge, es gab den Vormarsch der Osmanen bis fast nach Wien. Gegenseitige Ereignisse in der Geschichte, die Traumata ausgelöst haben, die bis heute wirken. Das, was dem Islam angelastet wird, widerfährt ihm meiner Meinung nach weitgehend zu Unrecht. Das sind alte Ängste, die jetzt nach aussen projiziert werden, weil gerade viele Muslime kommen.

Wir müssen uns also nicht fürchten?
Nein, vor dem Islam nicht. Ich glaube, dass Terrorismus und Islam niemals gleichgesetzt werden dürfen. Es ist eine bestimmte Spielart des Islams, den sich Terroristen zunutze machen können.

Was meinen Sie mit Spielart?
Mein einfachstes Beispiel ist immer, dass der Islam, genau wie das Christentum oder das Judentum, den Täter bestrafen will. Das Beduinenrecht, also das orientalische Recht der Wüste und der Stämme, ist das Recht, dass man Vergeltung übt am anderen Stamm. Entweder an der Täterin oder dem Täter oder an einem anderen Mitglied des anderen Stammes. Stichwort Blutrache. Aber das sind alte Rechtsformen, die mit dem Islam wenig zu tun haben.

Wie reagieren die geistlichen Führer des Islams auf den Terrorismus?
Viele der Prediger sind entsetzt über das, was passiert, und sie distanzieren sich. Nur einige wenige tun dies nicht. Das sind die von Saudi Arabien beeinflussten Wahhabiten oder die Salafisten, bestimmte Rechtsschulen, die eine Vermischung zwischen Islam und Stammesrecht gemacht haben.

Dieses Rechtsverständnis hat also nichts Grundsätzliches mit dem Islam zu tun, sondern mit einer Art Splittergruppe.
Ja, das kann man so sagen. Das ist genauso, wie wenn man bestimmte christliche Sekten mit dem gesamten Christentum gleichsetzen würde. Sobald einer beansprucht, dass er ein Muslim ist, dann wird gesagt, die Muslime denken so. Wenn irgendeine christliche Sekte etwas sagt, dann würde man nicht darauf schliessen, dass alle Christen so denken.

Welchen Einfluss hat der Islam auf die Schweiz?
Es wird zunehmend Muslime in der Schweiz geben. Ich glaube jedoch, der Islam wird bei den Gläubigen eine abnehmende Rolle spielen. Genauso wie auch das Christentum immer stärker zur Privatsache wird. Beim Islam wird das ähnlich verlaufen. Die westliche Lebensart führt dazu, dass die Leute aufgenommen werden, sich in den Alltag einfügen und die Religion an Wichtigkeit verliert.

«Die Schweiz muss natürlich fürchten, dass ihr Reichtum irgendwann nicht mehr wachsen wird.»

Weshalb nimmt die Wichtigkeit der Religion ab?
Das liegt an der westlichen Lebensweise. Sie stellt das Individuum in den Mittelpunkt und dieses ist nicht mehr religiös geprägt. Meine Urgrossmutter hat noch Kopftuch getragen, meine Grossmutter manchmal – das waren Bäuerinnen. Das Kopftuchtragen kommt ja nicht aus dem Orient, das haben viele gemacht und heute ist es einfach nicht mehr üblich. Warum soll also der Wandel im Islam in die andere Richtung führen?

Man hat aber den Eindruck eines stärker werdenden Islams.
Der Islam ist bei vielen Muslimen ein Symbol gegen die Verwestlichung, gegen die Überfremdung aus dem Westen. Der Westen tritt ja im Orient nicht mit einem wirtschaftlichen Erfolg auf, sondern mit bestimmten kulturzersetzenden Formen. Die Leute suchen in der Flucht zum Islam eine Alternative. Sie werden sehr schnell feststellen, dass es nicht funktioniert.

Woher kommt die Angst vor dem Islam?
Die Schweiz muss natürlich fürchten, dass ihr Reichtum irgendwann nicht mehr wachsen wird. Deshalb sucht man sich einen Sündenbock. Am einfachsten sind das die Leute, die von aussen kommen und einem das, was man hat, streitig machen. Aber die Probleme liegen ganz woanders.

Wo liegen denn die Probleme?
Die Franzosen haben begriffen, dass es auch ein gutes Stück ihr eigenes Problem ist. Die ersten Anschläge waren direkt aus Syrien organisiert, jetzt sind die Täter eher die in Frankreich geborenen Muslime, die nicht integriert sind.

Der Terror ist also hausgemacht.
Richtig. Bei zunehmender Verarmung auf der einen Seite und sehr konzentriertem Reichtum auf der anderen Seite werden Kleinkriminelle zu Terroristen. Die Ursachen liegen in der westlichen Gesellschaft. Wenn das begriffen wird, dann gibt es auch die Hetze gegen den Islam nicht mehr.

Wie hoch ist die Chance auf einen Anschlag in der Schweiz?
Die Terrororganisation IS hat auf die Schweiz praktisch keinen Einfluss. Von den Schweizern, die zum IS gegangen sind, wurde mindestens die Hälfte getötet. Die meisten sehen, dass es kein Weg ist. Wenn drei bis vier Überzeugungstäter zurückkehren und vom Nachrichtendienst nicht erfasst werden, dann wird es ein oder zwei Anschläge geben. Damit muss man rechnen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Falschfahrer auf der Autobahn getötet zu werden, ist trotzdem viel höher, als durch einen Anschlag. Es ist falsch, wenn man so tut, als würde der IS bald mit grossen Aktionen in Bern, Basel und Zürich auftreten. Es kann sein, ich halte es aber für unwahrscheinlich.

Weshalb wurden Frankreich und Deutschland zum Ziel des IS?
Diese Länder führen Krieg gegen den IS. Die Schweiz führt keinen Krieg. Wenn Franzosen oder Deutsche gegen den IS kämpfen, sind sie Helden, wenn sie für den IS kämpfen, sind sie Kriminelle. In der Schweiz ist das nicht so.

Der Anschlag in Berlin zu Weihnachten hat auch die Schweiz stark erschüttert. Wie konnte es dazu kommen?
Deutschland hat mehr attentatsbereite Individuen als die Schweiz. Das liegt daran, dass die Deutschen sich am Krieg gegen den IS mit Aufklärungsflugzeugen beteiligen. Die Gefährdungslage der Schweiz ist eine andere als die der anderen europäischen Staaten.

Steckt wirklich immer der IS hinter den Anschlägen?
Ich glaube, dass die Steuerung durch den IS da ist. Er ist die Bezugsorganisation. Aber man kann ja heute im Internet sehr schnell Anleitungen für Attentate finden. Wer dann einen Anschlag verübt, wird sich auf den IS beziehen. Die Bedeutung, die man einzelnen Attentaten beimisst, ist viel grösser, als sie selbst eigentlich haben. Jeden Tag gibt es in Deutschland drei Anschläge auf Asylunterkünfte, nur redet man nicht darüber. Aber wenn es einen Terroranschlag gibt, dann redet man Wochen.

Hat diese Wahrnehmung auch mit der Nähe der Anschläge zu tun?
Das ist ja das Traurige. In Bagdad gibt es dauernd Anschläge. Die Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime. Jeder, der nicht gemeinsame Sache mit den Terroristen macht, ist in deren Augen ein legitimes Ziel.

«Die Menschen in Afghanistan, Pakistan, Syrien und Afrika müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie losziehen.»

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Flüchtlinge?
Das Asylproblem hat mit dem Terrorismus gar nichts zu tun. Leute, die ihr Land aus Angst und Not verlassen, hat es schon immer gegeben. Früher konnte man nach Amerika einreisen und war willkommen, heute wird man abgelehnt. So haben sich die Zeiten geändert. Dass Terror und Flüchtlinge zusammengemengt werden, ist eine neue Erscheinung. Das hat auch mit dem Stand unserer Gesellschaft zu tun.

Das heisst, man möchte vor allem den Wohlstand erhalten und keine Flüchtlinge.
Man möchte einfach die guten Flüchtlinge. Den Professor aus Damaskus, mit zwei schönen Töchtern, die beide Universitätsabschlüsse haben. Das ist der ideale politische Flüchtling. Doch es fliehen auch viele Menschen vor dem Terror, die nicht Professoren sind. Es laufen ja nicht die Terroristen weg.

Die meisten Flüchtlinge sind also keine Terroristen.
Nein, nicht die meisten, sondern 99 Prozent. Der Flüchtlingsstrom ist nur das Vehikel, mit dem einzelne Terroristen nach Europa gelangen. Die Terroristen würden auch andere Wege finden. Die Flüchtlinge kommen nach Europa, denken, hier ist es besser, und werden wie Terroristen behandelt. Die verstehen ja die Welt nicht mehr.

Wie könnte man das ändern?
Mit einer klaren Regelung für Einwanderung und für politisches Asyl. Die Menschen in Afghanistan, Pakistan, Syrien und Afrika müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie losziehen. Die Staaten müssen sehr viel tun, dass sie die Aufnahme und die Verfahren transparent machen. Menschen aus dem Orient, die nach Kanada, Australien, Neuseeland oder in die USA emigrieren wollen, wissen genau, wen die Behörden akzeptieren und wen nicht.

Wo liegt der Unterschied zu Europa?
Die Länder, die ich erwähnt habe, sind Einwanderungsländer. Nach Europa flieht man, weil es dort besser ist, aber man weiss gar nicht, worauf man sich einlässt. Die Europäer müssen eine klare Einwanderungspolitik entwickeln.

Eine Politik, die für alle in Europa gilt?
Wenn die Europäische Union das im Gleichschritt schafft, dann wäre das ja toll, aber ich sehe das nicht. Deutschland müsste da vorangehen. Die Asylpolitik wird offiziell nicht geändert. Trotzdem werden die Flüchtlinge nicht mehr durchgelassen und hängen in Italien oder der Türkei fest. Deutschland will nicht aufhören mit der Willkommens-Kultur, weil das so schön ankam auf der Welt, gleichzeitig aber zeigen, dass es nicht mehr klappt. Beides geht nicht.

Müsste man das mit Kampagnen im Internet und Fernsehen machen?
Das wäre eine Möglichkeit. Wenn die Regeln klar sind, wird die Magnetwirkung von Deutschland schwächer werden. Und die Schweiz liegt eben auf dem Weg. Wenn man dann schon mal nach Zürich gekommen ist, bleibt man eben dort.

Wird sich die Lage in den nächsten Jahren wieder entspannen?
Nein. Jetzt ist Europa mit den politischen Flüchtlingen und den Folgen von fehlgeschlagenen militärischen Interventionen in Afghanistan, Irak und Syrien konfrontiert. Künftig werden die Menschen aus Afrika kommen – wegen des gewaltigen Bevölkerungswachstums und des Klimawandels, also auch Klimaflüchtlinge. Am Südrand der Sahara gibt es jetzt schon neun Millionen Flüchtlinge. Völkerwanderungen gab es immer. So lange es Europa so gut geht und anderen Staaten schlecht, wird es einen Bevölkerungstransfer geben.

Zur Person
Der deutsche Journalist Ulrich Tilgner berichtete bis 2014 über 30 Jahre lang als Korrespondent unter anderem für ZDF und das Schweizer Radio und Fernsehen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Seit 2015 ist der 69-jährige Nahostexperte pensioniert. 2003 erhielt er den Hanns-Joachim- Friedrich-Preis für Fernsehjournalismus. (pw.)

31. 1., 20 Uhr, Podium mit Ulrich Tilgner und Reinhard Schulze: Ist die Angst vor dem Islam berechtigt?. Normales Ticket 27 Franken, Studenten/AHV 16 Franken. Erhältlich bei Ticketino.com, Réception Hotel Spirgarten oder Abendkasse. Theater Spirgarten, Lindenplatz 5, 8048 Zürich.

In eigener Sache

Die einen oder anderen dürften es schon bemerkt haben: Meine Webseite hat ein neues Design erhalten. Doch das ist nicht alles. Auch mein Portfolio habe ich angepasst und erweitert. Das heisst, es bietet nun eine bessere Gesamtübersicht zu meiner Arbeit als Journalist.

Wer etwas tiefer gräbt, findet zudem auch ein paar «Jugendsünden», in Form von Videospiele-Rezensionen oder Internetprojekten.

Und hier noch ein (nicht ganz ernst gemeinter) Einblick in den Alltag auf einer Lokalredaktion:

 

Das Landesmuseum nimmt Anpassungen vor

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Diese Rampe ist nur für Eltern mit Kinderwagen und zur Anlieferung beim Museumsshop gedacht. Für Menschen im Rollstuhl und Gehbehinderte ist sie zu steil. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 13. Oktober 2016.

Beim Eingang des neuen Erweiterungsbaus fehlen die Rampen für Rollstühle. Der Denkmalschutz wurde von der Stadt höher gewichtet. Das Landesmuseum prüft jetzt bauliche Massnahmen.

Die Rampen beim neuen Eingang des Landesmuseums-Erweiterungsbaus sind für Menschen im Rollstuhl zu steil. Das Behindertengleichstellungsgesetz verlangt bei öffentlichen Bauten und Anlagen, dass Menschen mit einer Behinderung der Zugang ohne bauliche Hindernisse ermöglicht wird. Behinderte im Rollstuhl gelangen entweder über eine Hebebühne oder über einen Nebeneingang in das Museum, der sich allerdings etwas versteckt beim Restaurant befindet.

Gegenüber der «NZZ» hatte der Umwelt- und Gesundheitsschutz (UGZ) der Stadt Zürich argumentiert, man habe eine Abwägung zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes und der Behinderten-Gesetzgebung gemacht. Bärbel Zierl, Mediensprecherin beim UGZ, ordnete die Aussage auf Anfrage für den «Züriberg» ein: Die Vertreterin des UGZ habe darauf hingewiesen, dass bei bestehenden Bauten gemäss Behindertengesetzgebung abgewogen werde, welche Massnahmen verhältnismässig seien und auf welche man allenfalls verzichten könne oder müsse. «Der hindernisfreie Zugang konnte über den Nebeneingang direkt beim Haupteingang gewährleistet werden und ermöglicht einen witterungsgeschützten Zugang via Aufzug», sagt Zierl. Die nach Fertigstellung vorhandenen Mängel in der Beschilderung und dem Gebäudeleitsystem seien gerügt worden und Gegenstand der Mängelbehebung.

Im ersten Bauentscheid 2008 lehnte der UGZ eine Erschliessung mittels Hebebühne jedoch noch ab und verlangte eine reine Rampenlösung. «In einer Wiedererwägung legten die Architekten 2009 nochmals diverse bauliche Inhalte zur Stellungnahme vor, unter anderem eine Rampenlösung beim Hauptzugang des Museums», so Zierl. Der Denkmalschutz habe sich jedoch dagegen ausgesprochen. Es habe deswegen eine Begehung aller Beteiligten, inklusive Behindertenkonferenz, UGZ, kantonaler Denkmalpflege und Architekten, vor Ort stattgefunden. «Dabei wurden die Ansprüche aller diskutiert und analysiert», erklärt Zierl. Der Entscheid, den Denkmalschutz und die Architektur stärker zu gewichten, sei nicht vom UGZ, sondern von allen Beteiligten gemeinsam bei der Begehung vor Ort gefällt worden. «Aus denkmalpflegerischen und architektonischen Gründen entschied man sich schliesslich für die Hebebühne als behindertengerechten Zugang», so Zierl.

«Denkmalschutz vorgeschoben»
Da die Fassade des Landesmuseums an dieser Stelle vorher aber geschlossen war, stellt der Eingang mit der Treppe für SP-Gemeinderat Joe Manser ein neues Gestaltungselement dar: «Der Denkmalschutz wird vorgeschoben, weil man gestalterisch keine Variante gefunden hat.» Für Menschen im Rollstuhl und auch für Gehbehinderte seien die Rampen nicht benutzbar, sagt Architekt Manser, der selbst im Rollstuhl sitzt.
Im Idealfall haben Rollstuhlrampen eine maximale Steigung von sechs Prozent. «In der ursprünglichen Baubewilligung war dies auch vorgesehen», so der Geschäftsführer der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen. «Danach hat man wohl aus Gestaltungsgründen darauf verzichtet», glaubt Manser. Er fügt jedoch an, bei beengten Verhältnissen käme eine etwas steilere Rampe infrage. «In solchen Fällen wäre auch eine Steigung von sieben oder acht Prozent besser als nichts.»

Bei repräsentativen Gebäuden wolle man die Bedeutung architektonisch unterstreichen und baue ausladende Treppen, sagt Manser. So auch im Inneren des Landesmuseums. «Sobald man mit dem Rollstuhl im Museum ist, steht man vor einer langen Treppe zu den Ausstellungsräumen.» Es bleibe einem nichts anderes übrig, als einen Aufzug zu suchen. Manser: «Auch für ältere Menschen mit dem Rollator ist das ungünstig.»

Optimierungen notwendig 
Dass die aktuelle Situation nicht optimal ist, weiss auch das Landesmuseum: «Es gab einige wenige Reklamationen. Diese nehmen wir sehr ernst», erklärt Andrej Abplanalp, Leiter Kommunikation des Landesmuseums Zürich. Die Kritikpunkte lasse man in die Optimierungsmassnahmen einfliessen. «Schnell und einfach umsetzbare Massnahmen, wie beispielsweise die Beschriftungen, werden in der nächsten Zeit realisiert», so Abplanalp. Bauliche Massnahmen würden zusammen mit der Bauherrschaft, den Architekten sowie den Interessen- und Nutzervertretern diskutiert und wo möglich umgesetzt. Seit der Eröffnung prüfe und optimiere das Landesmuseum laufend Abläufe und Wege. «Unser Ziel ist es, allen Personen einen befriedigenden Zugang zu unserem Haus zu gewährleisten.» In diesen Prozess hat das Landesmuseum Pro Infirmis als beratenden und begleitenden Partner eingeladen. Abplanalp gibt jedoch zu bedenken, dass die Rampen beim Haupteingang nicht für Rollstühle vorgesehen sind und auch nie als solche konzipiert wurden. «Menschen im Rollstuhl benützen den Hublift beim Haupteingang oder den Personenlift beim Bistro-Eingang», sagt Abplanalp. Die Situation mit den Hebebühnen entspreche der Planung, die zusammen mit den Interessenvertretern, darunter auch der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich, beschlossen worden sei.

Dies bestätigt Bärbel Zierl vom UGZ: «Die beiden steilen Rampen rechts und links neben der Treppenanlage hatten nie den Zweck, das Museum hindernisfrei zu erschliessen.» Sie seien als solche nicht beurteilt worden und würden der Anlieferung des Museumsshops oder dem Zugang mit Kinderwagen dienen.
Susanne Stahel, Mediensprecherin von Pro Infirmis gibt sich zurückhaltend und verweist auf Anfrage auf den Artikel in der «NZZ». Die Berichterstattung sei nach wie vor aktuell. «Sie können ihr alle Informationen entnehmen», so Stahel. Gesetzlich verlangt ist ein «gleichwertiger Zugang» für Behinderte, so Rita Roos, Direktorin von Pro Infirmis, in der «NZZ». Sie sehe in diesem Fall «massive Barrieren».

Wir suchen Antworten auf Fragen, die wir uns selbst schon beantwortet haben

Keine Woche mehr, in dem nicht ein Artikel erscheint, der Tipps für unser Liebesleben bereit hält. Egal ob es die unterschätzten Vorteile eines Lebens als Single sind, das Rezept für das perfekte erste Date ist, oder eine Studie darüber, weshalb die Millennial-Generation angeblich so wenig Sex hat. Übrigens alles von «Welt.de». Herausgesucht in weniger als zwei Minuten. Und «Die Welt» ist keineswegs die einzige Zeitung der Welt, die auf dieser Welle reitet. Selbst die altehrwürdige «NZZ» und auch die englischsprachigen Medien. Von den Erkenntnissen der Wissenschaft im «Business Insider», zu einer Geschichte darüber, wie eine Single Mom aus der Friendzone ausgebrochen ist in der «New York Times». Die «NYT» hat dafür eine eigene, zeitgenössische Kategorie: Modern Love. «A series of weekly reader-submitted essays that explore the joys and tribulations of love.» Die unzähligen Bücher und Videos, die zudem zum Thema Beziehung und Liebe verfügbar sind, lasse ich hier einmal aussen vor. Eins ist jedoch klar, es trifft den Nerv der Zeit.

Und jeder gehört zur Zielgruppe. Ob unsterblich verliebt, bitter enttäuscht oder resigniert bis zur Katatonie. Ob überzeugter Single oder Liebhaber der Tinder-Landschaft. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass wir ständig Bestätigung suchen. Für jeden Fall gibt es mindestens zehn Artikel, in denen man seine eigene Situation wiedererkennt. Man nehme das uralte Erfolgsrezept des Horoskops. Warum haben dir die Persönlichkeitstests in der Bravo damals so viel Freude bereitet? Auch wenn das Resultat generisch sein mag, jeder kann sich zumindest ein wenig damit identifizieren. Es liegt in der menschlichen Natur, sich im metaphorischen Spiegel anschauen zu wollen.

«Prio» ist das Wort des Jahres
Hätte ich das Wort des Jahres 2015 wählen müssen, es wäre «Prio» gewesen. Jeder zweite Bekannte dessen Beziehung in die Brüche ging, meinte, sie hätte keine «Prio», also Priorität, mehr gehabt. Vor einem Monat noch total glücklich, einen Monat später keine Prio mehr. Dann bohrt man ein wenig nach und plötzlich die grosse Offenbarung. Eigentlich hätte es schon Prio gehabt, eigentlich war alles ganz schön, nur dann gab es ein paar kleinere Krisen, man hatte nicht immer Zeit, unter Umständen andere Zukunftsvorstellungen und mindestens eine oder einer der Beteiligten war nicht bereit, sich zumindest etwas anzupassen. Wieso denn auch? In den Zeiten von Dating-Apps findet man schnell wieder jemanden, der vermeintlich weniger von der Idealvorstellung abweicht. The grass is always greener, sagt man ja so schön. You idiot. Und natürlich ist da dann auch schon der nächste Artikel, der bestätigt, dass einfach die ganze Generation unfähig ist, sich zu binden. Warum meine Generation zu blöd für die Liebe ist oder warum die Generation Y so unglücklich ist sind nur die Spitze des Eisbergs. Alle nett zu lesen, alle kreisen um das Thema, nur kommen sie nicht auf den wesentlichen Punkt.

Glück und andere Satiren
Glücklich ist man nicht dann, wenn man seine Sonnenmomente auf Instagram oder Snapchat postet und viele Likes dafür bekommt. Glück ist eine Einstellung. Es befindet sich grundsätzlich genau in den Zwischenräumen, die alles andere als «instagramable» sind. Denke zurück an die besten Tage deines Lebens. Wahrscheinlich warst du mehr damit beschäftigt, den Moment zu geniessen, als diesen brühwarm deinen 1000 Followers mitzuteilen. Genauso verhält es sich mit dem Verliebtsein. Abgesehen von den ganzen Hormonen und der Chemie ist das Wort Liebe etwas künstliches – oft in der sozialen Arena hochgepriesen. Aber was ist es schlussendlich wirklich? Eine Entscheidung, die man immer wieder von neuem treffen muss.

Kein Ersatz für Investition
«Friends with benefits» ist das Beziehungslabel des Jahrzehnts. Jedoch ist es in Realität oft nur eine andere Bezeichnung für «Ich will mich nicht entscheiden oder der andere will mich einfach nicht genug». Nur will man sich das nicht anhören. Angenommen, du möchtest grundsätzlich eine Beziehung, führt diese Beziehungsart nur zu Enttäuschungen. Der letzte Flirt mag zu nichts geführt haben, ausser zu einem gebrochenen Herzen. Meine Erfahrung ist, dass es angenehmer ist, nichts zu tun und sich in seinem Schmerz zu suhlen, als das Selbstmitleid endlich auf die Seite zu schieben. Vor Schmerz kann man sich nicht schützen, aber man kann sich Mühe geben und an einer Beziehung arbeiten.

Doch was haben Ratgeber damit zu tun? Sie sind wie gute Freunde, die uns von Anfang an sagen, was wir schon selber wissen. Vielleicht, dass aus einer Verliebtheit oder einer Beziehung sowieso nichts wird, oder dass es noch einen passenderen Partner dort draussen gibt. Nur ist dieses ersehnte Liebesglück mehr selbst kreiert als wir es gerne hätten. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube (Goethes Faust). Wir wollen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für unser Leben, gleichzeitig eine Ablenkung von der Realität, der wir nicht gerne in die Augen sehen. Und weil wir die Artikel lesen, die uns ansprechen, ist der Lerneffekt gering. Wir lesen, was wir lesen wollen. Die Kognitionspsychologie hat einen Namen dafür: «confirmation bias» oder Bestätigungsfehler. Es ist die Tendenz, Information so aufzunehmen, zu suchen und zu interpretieren, damit diese die eigenen Erwartungen erfüllen. Manchmal wäre es schon einfacher, an etwas zu arbeiten, oder sich auf etwas einzulassen. Eigentlich. Aber dann müsste man ja über den eigenen Schatten springen, sich jemandem öffnen, verletzbar werden, seine eigenen Wünsche etwas zurückstellen. Und wer will das schon?

Pascal Wiederkehr, B.A. ZFH in Kommunikation mit Vertiefung in Journalismus
Stephanie Turin, M.Sc. in Klinischer und Gesundheitspsychologie, Universität Zürich

11 Gründe, heute Abend der Schweiz die Daumen zu drücken

Heute Abend spielt die Schweiz gegen Rumänien. Also eigentlich müsste es ja Rumänien gegen die Schweiz lauten, aber das ist ja egal. Die mit den weissen Trikots sind die Schweizer. Die anderen tragen Gelb.

  1. Der ehemalige GC-Profi Viorel Moldovan steht als Co-Trainer der Rumänen am Spielfeld.
  2. Haris Seferović trifft dieses Mal wirklich. Vielleicht. Ach Haris…
  3. Der Match findet um 18 Uhr statt. Zumindest die Affoltemer dürften dann noch im 32er feststecken.
  4. Die Public Viewings in Zürich sind leer (nicht wegen dem Wetter), weil alle die «Scheisse» an der Manifesta 11 ansehen («The Zurich Load» – ein Kunstwerk aus 80 Tonnen Zürcher Fäkalien, ausgestellt im Löwenbräu-Areal).
  5. Der Austragungsort Parc des Princes in Paris ist auch ein Rugby-Stadion. Und die Schweiz ist kürzlich in die europäische Division 1B aufgestiegen. Wenn das kein gutes Omen ist.
  6. Bukarest gilt bei Tourismus-Werbern als Paris des Ostens.
  7. Unvergessliche Alain-Sutter-Anekdoten garantiert: An der WM 1994 in den USA gewann die Schweiz 4:1 gegen Rumänien. Trotz Zehenbruch Alain Sutters.
  8. Der Marktwert der Schweizer ist drei Mal höher als derjenige der Rumänen. Ein 3:1 liegt drin.
  9. Kabarettist Ralf Schlatter und Stimmen-Imitator Michael Wernli kommentieren die Schweizer Vorrundenspiele: Coming Soon, Rolandstrasse 9, 8004 Zürich. www.comingsoon.ch (hinter dem Sex-Kino).
  10. Rumänien ist das Partnerland des Schweizer Erweiterungsbeitrags. Die Schweiz hat wohlwissend schon 181 Millionen Franken überwiesen. Das spricht für einen Schweizer Sieg.
  11. Wenn die Rumänen ihre Torchancen um 100 Prozent erhöhen wollen, müssen sie einfach auf Johan Djourou spielen.

Ursprünglich erschienen auf Lokalinfo.ch. (pw./aj./ls.)