Games sind mehr als pure Unterhaltung

Entwicklerin Philomena Schwab (30) wagt sich in die virtuelle Realität. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 5. März 2020.

Sie ist das Aushängeschild der Entwicklerszene: Im Landesmuseum taucht Gamedesignerin Philomena Schwab in die Geschichte der Videospiele ein. 

Wann gilt Kunst als Kunst? Sind es nur Gemälde von van Gogh oder Monet, Skulpturen von Giacometti oder auch virtuelle Welten? Für Spieleentwicklerin Philomena Schwab ist klar: «Computer- und Videospiele sind eine Kunstform», sagt sie bei einem Besuch der Ausstellung «Games» im Landesmuseum Zürich. Dort wird versucht, die Geschichte der Computer- und Videospiele nachzuzeichnen. Viele davon können Besuchende selber ausprobieren. Etwa das Tennisspiel «Pong» aus den 70er-Jahren oder das Kriegsspiel «Counter-Strike» aus dem Jahr 2000.

«‹Pong› ist ein wichtiger Meilenstein. Für die weitere Verbreitung von Spielen war zudem die Entwicklung der Heimkonsolen entscheidend», sagt Schwab. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin «Forbes» zählte die Schwamendingerin 2017 zu den 30 einflussreichsten unter 30-Jährigen der Technologiebranche Europas.

Studio entwickelt drittes Spiel
Vor vier Jahren gründete Schwab zusammen mit Micha Stettler das Entwicklerstudio Stray Fawn Studio. Ihr erstes Computerspiel «Niche – a genetics survival game» hat sich über 200 000 Mal verkauft. Zwischenzeitlich ist «Nimbatus – The Space Drone Constructor» erschienen und das Studio im Kreis 4 arbeitet am dritten Projekt. «Es wird eine Aufbausimulation, bei der man eine Stadt auf dem Rücken eines Tiers erstellt», so die Zürcherin. Der Name ist noch offen. Intern wird das Spiel aktuell mit «Big Animal Game» und «Nyoma – The Walking Village» betitelt. Noch konnte aber kein Name das zehnköpfige Team überzeugen.

Überzeugt hat Schwab hingegen das Landesmuseum. «Es ist den Kuratoren eine gute Mischung gelungen», so die Entwicklerin. Natürlich werde jeder Fan das eine oder andere Game vermissen. Ein japanisches Rollenspiel wie «Final Fantasy» hätte man aus ihrer Sicht zeigen können, «doch eine Ausstellung kann nicht alles abbilden», fügt Schwab diplomatisch an. Sie selber spielt gerade wieder «Pokémon» – auf japanisch. «Ich lerne die Sprache seit drei Jahren. Mittlerweile verstehe ich einfache Texte in Games», erzählt die 30-Jährige stolz.

Dass im Landesmuseum keine Spiele aus der Schweiz gezeigt werden, ist aus ihrer Sicht vertretbar. Stellvertretend werden dafür drei Gamentwickler vorgestellt. Trotzdem: «‹FAR: Lone Sails› oder ‹Kids› sind tolle Beispiele dafür, dass Schweizer Studios viele künstlerische und innovative Games entwickeln», sagt Schwab, die im Vorstand des Verbands Swiss Game Developers Association sitzt.

Die Ausstellung geht zudem nur am Rande auf Schattenseiten wie extreme Gewaltdarstellungen ein. «Das Thema ist nicht neu und wir haben schon viel davon gehört», sagt Schwab. Es sei wichtiger, zu zeigen, dass Games mehr als Unterhaltung seien – und eben auch Kunst.

Ausstellung bis 13. April. Landesmuseum Zürich.

Datenschutz beginnt beim Nutzer

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 16. Januar 2020.

Im digitalen Zeitalter muss jede und jeder selber mehr Verantwortung übernehmen: Während die Schweiz um ein neues Datenschutzgesetz ringt, nimmt der Druck auf Tech-Konzerne weltweit zu.

Ein schwieriges Thema hatte der Ständerat vor Weihnachten zu beraten. Behandelt wurde die Totalrevision des bald 30 Jahre alten Datenschutzgesetzes. Der Bundesrat will den Datenschutz an das Internet-Zeitalter und an die Europäische Union (EU) anpassen. Damit sollen laut Bund die Bürgerinnen und Bürger besser geschützt und Wettbewerbsnachteile für Schweizer Unternehmen verhindert werden.

Doch die Vorlage ist umstritten, der Nationalrat hatte sich im Herbst nur knapp für eine abgeschwächte Form ausgesprochen. Für SP und Grüne geht die Revision zu wenig weit. Die SVP ist grundsätzlich dagegen, weil Druck aus der EU ausgeübt werde. Der Ständerat will das Datenschutzgesetz hingegen verschärfen.

«Der Revision fehlte leider von Anfang an eine wirkungsorientierte Zielsetzung», sagt der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno Baeriswyl. Die Datenbearbeiter würden mit bürokratischem Aufwand konfrontiert und der Datenschutz für die betroffenen Personen werde nicht wirklich gestärkt. «Niemand kann sich darüber freuen», so das Fazit von Baeriswyl.

Viele Dienste werten Daten aus
Die Digitalisierung stellt Privatsphäre und Datenschutz vor neue Herausforderungen. Denn Nutzerinnen und Nutzer hinterlassen unzählige Spuren im Netz, die für Internetunternehmen wie Google, Facebook, Amazon & Co. bares Geld sind. Daten werden gesammelt, ausgewertet und für personalisierte Werbung verwendet.

Doch auch die öffentliche Verwaltung bearbeitet viele sensible Daten – etwa im Bereich Strafverfolgung oder im Gesundheitswesen. Und es mischen viele Betrüger mit. Nicht umsonst warnen das Bundesamt für Polizei oder die Kantonspolizei Zürich regelmässig vor neuen Maschen. Die Betrüger passen sich schnell an und profitieren von Sicherheitslücken oder dem laschen Umgang der Nutzenden mit ihrer Privatsphäre.

Für Informatik-Experte Hernâni Marques ist klar: «Eine einfache Lösung gibt es nicht. Am sichersten ist, wenn Daten gar nicht erst ins Internet gelangen.» Er ist Pressesprecher der Hackerorganisation Chaos-Computer-Club. Diese wehrt sich gegen Überwachung und Zensur im Internet. Marques kritisiert, dass Nutzerinnen und Nutzer gerade bei kostenlosen Diensten oft indirekt mit ihren Daten bezahlen. Das lasse sich nur ändern, wenn sie bereit seien, kleine Geldbeträge für Dienstleistungen – sogenannte Mikrotransaktionen – auszugeben. «Den optimalen Preis muss man natürlich zuerst finden. Damit das funktioniert, braucht es einfache, wiederum privatsphärenfreundliche Bezahlsysteme», sagt der Computerlinguist. Ein solches werde gerade von der Berner Fachhochschule getestet – das Bezahlsystem GNU Taler. Es stellt eine Alternative zu Mastercard, Visa, Paypal oder Twint dar.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist aus Sicht von Marques die Abkehr von der heutigen Internet-Infrastruktur. Er plädiert für Peer-to-Peer-Netzwerke, bei denen die Computer untereinander verbunden sind, ohne zentrale Server. Die Kommunikation läuft direkt von einem Computer zum anderen. «Das erlaubt es, von privatwirtschaftlichen Monopolen und rein staatlich kontrollierten Plattformen wegzukommen», ist der Informatik-Experte überzeugt.

Benutzer müssen umdenken
Dass sich alternative Angebote, gerade etwa im Bereich der sozialen Medien, bisher nicht durchgesetzt haben, liegt vor allem an der Marktmacht der grossen Anbieter wie Twitter oder Facebook. Sie haben ein Bedürfnis gestillt – das Bedürfnis, mit Menschen ständig in Kontakt sein und Inhalte teilen zu können. Nur sind sich viele Nutzerinnen und Nutzer nicht bewusst, dass diese Plattformen systematisch Daten sammeln, analysieren und daraus Profile erstellen. «Einschliesslich mit Informationen aus Privatnachrichten, die nicht öffentlich sind», warnt Marques. Es gäbe zwar Alternativen, allerdings sei es schwierig, die Menschen zum Wechsel zu bewegen. Dies natürlich auch, weil man Freunde und Bekannte ebenfalls im grossen Stil vom Wechsel überzeugen müsste.

Grosse Plattformen unter Druck
Doch verloren ist der Kampf für mehr Datenschutz nicht. In diesen Tagen trat im US-Staat Kalifornien der California Consumer Privacy Act in Kraft. Er sei «eine Lightversion» der Datenschutz-Grundverordnung der EU, schreibt die «Republik». Das Gesetz ist ein grosser Schritt, weil sich in Kalifornien die Hauptsitze von Google, Apple und Facebook befinden. «Nicht nur in den USA, sondern weltweit dürften die Regeln damit ein Stück ‹europäischer› werden – also stärker ausgerichtet auf digitale Bürgerrechte», hält Tech-Journalistin und Autorin Adrienne Fichter fest.

Das bestätigt Marques: «Die grossen Social-Media-Plattformen, allen voran Facebook, sind massiv unter Druck.» Dies unter anderem von der EU. Er persönlich verzichte wenn möglich auf alle Google-Angebote. «Diese Firma hat es geschafft, ihre Fühler derart weit auszustrecken, dass sie praktisch jeden Benutzer weltweit überwachen kann», sagt der Computerlinguist. Besonders dann, wenn man Smartphones oder Tablets mit dem Google-Betriebssystem Android benutze und die Privatsphäre-Einstellungen nicht selber anpasse. «Hier ist die kurzfristige Lösung, wann immer möglich Alternativen zu nutzen und jegliches Tracking weitestmöglich auszuschalten», erklärt der Informatik-Experte.

Längerfristig brauche es Systeme, die ohne standardmässige Überwachung – mit Privatsphäre als Voreinstellung – angeboten würden. Hier sollen die Schweiz und Europa gesetzlich entscheidend Einfluss nehmen. «Die Gesellschaft kann die Regeln dafür festlegen, welche Anforderungen ein Produkt erfüllen muss, ehe es auf den Markt kommt», so Netzaktivist Marques. Auch «saftige Bussen» für Datenschutzverletzungen und eine Produkthaftpflicht könnten dazu beitragen, Privatsphäre und Sicherheit zu erhöhen.

Ins gleiche Horn bläst der Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl: «Datenbearbeiter müssten verpflichtet werden, ihre Dienstleistungen im Internet auch mit einer datenschutzfreundlichen Lösung anzubieten», sagt Baeriswyl. Die Revision des Schweizer Datenschutzgesetzes sehe nur vor, dass datenschutzfreundliche Voreinstellungen, die die Datenbearbeitungen auf das Notwendige beschränken, vorzunehmen sind. In der Praxis heisst das: Steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) etwas anderes, können Anbieter diese Regelung wieder ausser Kraft setzen. So gesehen haben die Nutzerinnen und Nutzer kaum eine Wahl, weil sie den AGB zustimmen müssen, um Dienstleistungen nutzen zu können.

Digitaler Ratgeber

Der Chaos Computer Club Schweiz hat mit der Digitalen Gesellschaft Schweiz und der «Wochenzeitung WOZ» den Online-Ratgeber «Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung» herausgegeben. Er behandelt Grundlagen zu Datensparsamkeit, Passwörtern und Betriebssystemen und präsentiert gute Alternativen – etwa bei Webbrowsern, E-Mail-Anbietern, Onlinespeichern oder Suchmaschinen. digitale-gesellschaft.ch/ratgeber/

Messenger

  • Aussehen und Handhabung von Threema sind an Whatsapp angelehnt. Der Messenger kann aber ohne Angabe der eigenen Telefonnummer verwendet werden. Alle Nachrichten sind verschlüsselt. www.threeema.ch
  • Signal ist eine Gratis-App, die von einer gemeinnützigen Stiftung finanziert wird. Sie kann auch als Alternative zu Skype genutzt werden. Alle Nachrichten und Gespräche werden verschlüsselt. www.signal.org

Passwörter

Ein hinreichend sicheres Passwort sollte möglichst lang sein: Am besten bestehend aus einer zufälligen Folge von Wörtern, die man nirgends findet und sich gut merken kann. Profile auf sozialen Medien sind für Betrügerinnen und Betrüger Quellen, um an Passworthinweise zu gelangen. Will heissen: Auf keinen Fall den Namen des Haustiers, des Ehemanns des Lieblings-Sportclubs oder der Lieblingsband verwenden.

Soziale Netzwerke

  • Ello ist eine werbefreie Plattform. Sie garantiert, dass keine Daten von Nutzerinnen und Nutzern an Dritte weitergegeben werden. www.ello.co
  • GNU Social ist eine Alternative zu Twitter. Der Dienst ist Teil des GNU-Projekts, das geschaffen wurde, um ein Betriebssystem auf Basis von freier Software zu entwickeln. gnu.io/social
  • Twitter-Konkurrent Mastodon setzt auf ein dezentrales Netzwerk. www.joinmastodon.org

Webbrowser

  • Der Browser Mozilla Firefox hat sich dem «sicheren Surfen» verschrieben. Wichtig: Cookies und Cache regelmässig löschen. www.mozilla.org
  • Tor stellt die Verbindung zwischen Nutzer und aufgerufener Seite über drei zufällige Knotenpunkte (Server) her. Daher lässt sich kaum zurückverfolgen, wer auf eine Website zugreift. Wer sich dann aber bei Youtube & Co. anmeldet, verliert die Anonymität wieder. www.torproject.org

Genossenschaft sucht nach Besonderem

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 28. November 2019.

Das Mysterium Neubühl zieht noch immer: Das bewies die Vernissage eines neuen Buchs über die einst visionäre Genossenschaft.

Die Werkbundsiedlung Neubühl in Wollishofen galt einst wegen ihrer Architektur als visionär, und dieser Ruf hallt bis heute nach. Das hat die Vernissage zum Buch «Im Dorf vor der Stadt» von Emanuel La Roche deutlich gezeigt. Nicht nur Genossenschafterinnen und Genossenschafter wollten in alten Erinnerungen an die Siedlung am Rande der Stadt schwelgen, auch Prominente waren kürzlich im blauen Saal des Volkshauses zahlreich anzutreffen.

So etwa die Journalistin Isolde Schaad, der Schriftsteller Franz Hohler, Altstadtrat Hans Wehrli und Jazzmusiker Bruno Spoerri mit seiner Lebensgefährtin und Journalistin Dorine Abegg.

Eine isolierte Insel
Die Genossenschaft muss also nicht nur für ihre Bewohnerinnen und Bewohner etwas Besonderes sein. Immer wieder war an diesem Abend vom Neubühl-Geist die Rede, der die visionäre Überbauung durchdrang und auf dessen Spuren sich der Autor und Journalist in seiner Chronik begeben hatte. Die anwesenden Genossenschafterinnen und Genossenschafter, viele bereits ergraut, schienen sich dadurch bestätigt zu sehen.

Publizist Benedikt Loderer, der sich als Architekturkritiker schweizweit einen Namen gemacht hat, nahm den exemplarischen Gründergeist denn auch ein bisschen aufs Korn in seiner eigens verfassten Kurzgeschichte, in der er in Anlehnung an grosse literarische Vorbilder Aufnahmerituale und Wehrhaftigkeit der Stammesgemeinschaft vor Eindringlingen analysierte. Das erinnerte etwas an das gallische Dorf von Asterix und Obelix. Im Laufe der Zeit sei die Stadt immer weiter herangekrochen, sagte Loderer. Die einst abgelegene Insel war umzingelt.

Trotz aller Besonderheiten kommt es immer wieder zu banalen Alltagskonflikten. So führten die Benutzung der Waschmaschine, der Kinderlärm und geliebte oder weniger beliebte Haustiere gestern wie heute zu den gleichen Diskussionen wie in vielen anderen Orten. Und doch warteten «sehr viele Leute darauf, hier wohnen zu können», so Genossenschaftspräsidentin Rebecca Omoregie.

Ob das am Geist liegt oder an den mittlerweile tiefen Mietzinsen, musste sie offenlassen. Klar ist: In der Erinnerung lebt der Neubühl-Geist auf jeden Fall fort.

Emanuel La Roche, Im Dorf vor der Stadt. Die Baugenossenschaft Neubühl, 1929 bis 2000. Chronos Verlag 2019, 392 Seiten, 115 Abb. ISBN 978-3-0340-1543-1. 48 Fr. www.neubuehl.ch

Kirchen sind mehr als historische Gebäude

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 7. November 2019.

Aus dem Zürcher Altstadtpanorama nicht wegzudenken: Die Kirche St. Peter mit der grössten Turmuhr Europas. Foto: Lisa Maire

Sie prägten lange Zeit das Wachstum Zürichs: Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Stadt anhand der Altstadtkirchen.

Heute sind sie schon rein aus touristischer Sicht nicht mehr wegzudenken: die Altstadtkirchen. Doch schon im Hochmittelalter – Mitte 11. Jahrhunderts bis Mitte 13. Jahrhunderts – war Zürich ein Pilgerort. Seine Kirchen und Klöster prägten die Entwicklung der Limmatstadt.

Das neue Buch «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» ähnelt einem Reiseführer. Im Mittelpunkt stehen die Wasserkirche, das Fraumünster, die Predigerkirche, das Grossmünster, der St. Peter, die Augustinerkirche sowie die Liebfrauenkirche. Geschrieben hat es das Vater-Sohn-Autorenduo François Baer und Yves Baer.

Gefoltert in der Kapelle
Die erste Kirche Zürichs war keine der heute berühmten Altstadtkirchen. In mittelalterlichen Chroniken wird die Kapelle St. Stephan als älteste Pfarrkirche bezeichnet. Sie stand südlich der Bahnhofstrasse in der Gegend um den Pelikanplatz. Hier sollen die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula gefoltert worden sein.

Enthauptet wurden die Stadtheiligen dann aber auf einer kleinen Insel in der Limmat. Dort bauten die Zürcherinnen und Zürcher später die Wasserkirche. Der Kult um Felix und Regula war Reformator Huldrych Zwingli ein Dorn im Auge. Er bezeichnete die Wasserkirche als «rechte Götzenkirche», weshalb sie fast am meisten Änderungen erfuhr. Beim Bildersturm 1524 entfernte man die Altäre und die Orgel. Zwingli liess Bilder, Statuen sowie Wandschmuck abhängen. «Als Folge der Umnutzungen nach der Reformation wurde die Wasserkirche mehrmals umgebaut», so die Autoren. Sie diente zeitweise als Warenlager, danach ab 1634 als erste öffentliche Bibliothek.

Das Grossmünster brennt 1763 nach einem Blitzeinschlag. Erst 1781 bis 1787 erhalten die Türme Kuppeln. Zeichnung: Paul Usteri, Baugeschichtliches Archiv

Karl der Grosse jagte einen Hirsch
Das Grossmünster hat ebenfalls einen starken Bezug zu Felix, Regula und ihrem Diener Exuperantius. So sollen die Stadtheiligen nach ihrer Enthauptung ihre Köpfe ergriffen haben und bis zu ihrer Grabstätte gegangen sein, wo heute die Kirche mit den zwei markanten Türmen steht.

Das Grossmünster ist das historische Wahrzeichen der Stadt Zürich. Und um die Kirche rankt eine weitere Legende: Karl der Grosse habe einen Hirsch von seiner Residenz in Aachen bis nach Zürich verfolgt. Der Hirsch führte ihn an die Grabstätte von Felix und Regula und sei in die Knie gesunken. Karl der Grosse befahl deshalb, eine Kirche zu errichten. «Zwischen 952 und 1055 residierten zwölf Mal die Kaiser in Zürich», schreiben François und Yves Baer. So sei es durchaus denkbar, dass die Gründungslegenden des Grossmünsters und der Wasserkirche einen wahren Kern hätten und Karl der Grosse in Zürich residiert habe. Das lässt sich aber nicht beweisen.

Klar ist hingegen, dass das Grossmünster Ausgangspunkt der Reformation in Zürich war. Zwingli predigte hier, er trat sein Amt am 1. Januar 1519, also vor 500 Jahren, an. Auch architektonisch hat sich die Kirche verändert. «Am 24. August 1763 brannte das Dach des Nordturms aufgrund eines Blitzeinschlages ab, die Glocken wurden mit nassen Kuhhäuten vor dem Schmelzen gerettet», schreiben die Autoren. Ein kompletter Neubau stand zur Diskussion. 1770 erhielten die Türme Balustraden und glichen damit der Notre-Dame in Paris. Zwischen 1781 und 1787 entstanden die Kuppeln.

Das Buch von François Baer und Yves Baer ist mit über 500 Abbildungen reich illustriert. Einige Fotos sind allerdings etwas klein geraten. Neben einer Einführung zur Geschichte der Stadt von der Spätantike bis heute werden die sieben Altstadtkirchen mit je einem Kapitel gewürdigt. Das Buch zeigt Ereignisse entlang der Gotteshäuser auf und stellt wichtige Persönlichkeiten vor. «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» zeichnet die Baugeschichte der Kirchen nach, erzählt, welche Schätze im Verlauf der Jahrhunderte verloren gingen.

Die römisch-katholische Liebfrauenkirche steht geografisch ausserhalb der Altstadt. Sie wurde im Jahr 1894 eingeweiht. Foto: Pascal Wiederkehr

Langer Weg zur eigenen Kirche
Um 1850 war laut Statistik Stadt Zürich über neunzig Prozent der Wohnbevölkerung evangelisch-reformiert. 2017 lebten in Zürich noch rund 21 Prozent Reformierte. Konfessionslose und römisch-katholische Personen sind häufiger vertreten – dies vor allem durch Zuwanderung.

Nur etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung ist hingegen christkatholisch. Die Christkatholiken haben ihre Heimstätte in der Augustinerkirche in der Nähe der Bahnhofstrasse. Im Zuge der Reformation wurde die Kirche zur Münzstätte umfunktioniert. Erst 1840 übernahmen die Katholiken die Kirche. Der Streit um die Unfehlbarkeit des Papstes nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 spaltete die Gemeinde in Christkatholiken und romtreue Katholiken. Die Romtreuen waren die Minderheit und verloren die Augustinerkirche. In der damals eigenständigen Gemeinde Aussersihl wurde deshalb die Kirche St. Peter und Paul gebaut. Unter anderem wegen ihrer schlichten Ausstattung und ihrer Lage bezeichnete man sie als Armeleutekirche. Weil die katholische Bevölkerung im 19. Jahrhundert stark wuchs, wurde der Bau weiterer Kirchen nötig. Ab 1893 entstand die Liebfrauenkirche im Stil einer christlichen Basilika. Die Anlehnung an italienische Vorbilder soll die Verbundenheit mit Rom ausdrücken.

Yves Baer, François G. Baer – Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten. NZZ Libro, 2019. 256 Seiten, über 500 Abbildungen.

Der Kaiser trägt nur edelsten Zwirn

Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr
Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 25. Juli 2019.

Ein Sommermärchen im Sihlwald: Das Stück «Em Kaiser sini neue Chleider» bringt Kinder und Erwachsene zum Lachen.

«Ab und zu mache ich eine Pause und esse ein paar Guetzli», erzählt Weber Sämi (Yves Ulrich) mit einem Grinsen. Er entspannt sich gerade auf dem kaiserlichen Thron. Auch ein Weber brauche einmal ein bisschen Ruhe. So ein fleissiger Kerl, wie er es sei. Ganz anderer Meinung ist hingegen der Kaiser von Latzhosonien (Beat Gärtner). «Mit seinen ungehobelten Händen bringt er nicht einmal eine Sofadecke fertig», schimpft er.

Im Märchen «Em Kaiser sini neue Chleider» dreht sich alles um die Garderobe von Ihrer Majestät. Der elegante Hofmarschall Helmhuet (Frank Bakker) und der schusslige Oberhofschneider Rümpfli (Nico Jacomet) sorgen sich Tag und Nacht darum, dass der Kaiser bestens gekleidet ist. Vor allem das jüngere Publikum hat viel zu lachen, als dem Kaiser eine Nadel im Allerwertesten stecken bleibt. Weber Sämi, der sie auf dem Thron vergessen hat, wird entlassen.

Das kommt bei der emanzipierten Prinzessin Sidefädeli (Ramona Fattini) schlecht an. Sie hat sich in Sämi verliebt, wie sie ihren Kammerzofen Broschett (Mareen Beutler) und Brischitt (Pascale Sauteur) gesteht. Gut, taucht plötzlich ein neuer Weber auf, der dem Kaiser den edelsten aller Stoffe verspricht. Menschen, die ihres Amtes nicht würdig oder dumm seien, würden ihn nicht einmal sehen. Weil niemand zugeben will, die Kleider nicht sehen zu können, spielt der ganze Hofstaat mit. Es wird fleissig am unsichtbaren Stoff gearbeitet, damit des Kaisers neue Kleider rechtzeitig dem Volk präsentiert werden können.

Nico Jacomet, bekannt als Gründer des Adliswiler «Theaters NI&CO», hat das Dialektmärchen geschrieben. Die Geschichte des Stücks basiert auf dem Märchen des dänischen Autors Hans Christian Andersen. «Em Kaiser sini neue Chleider» ist die erste Produktion des «Theaters im Märliwald».

Die Aufführungen finden auf der Bühne des Freilichttheaters Sihlwald beim Wildnispark Zürich statt. Besonders schön ist, wenn sich die Bühnenwände Richtung Sihl öffnen und der Sihlwald zum Märchenwald wird. Gespielt wird bei jedem Wetter, das Publikum sitzt im Trockenen. Regisseur Jacomet und sein Team überzeugen mit «Em Kaiser sini neue Chleider» nicht nur Kinder. Das Stück hat für Erwachsene einige lustige Anspielungen zu bieten. Gezeigt wird das Märchen noch bis zum 4. August.

«Em Kaiser sini neue Chleider» im Freilichttheater Sihlwald. Aufführungen: 31. Juli, 3. August, 4. August, jeweils 14 Uhr. Tickets: www.turbinetheater.ch

René Fasel: «Ich bin ein grosser Tomaten-Fan»

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 4. April 2019.

Er ist seit 1994 Chef des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF). Nächstes Jahr tritt René Fasel zurück. Im Interview spricht er über die WM 2020 in Zürich und Lausanne, warum er als Präsident aufhört – und seine Passion als Tomatenzüchter.

Von Lorenz Steinmann und Pascal Wiederkehr

Der Internationale Eishockeyverband (IIHF) hat seinen Sitz in der prächtig gelegenen Villa Freigut im Zürcher Enge-Quartier. Im Freigut kam 1895 der langjährige Zürcher Stadtpräsident «Stapi» Emil Landolt zur Welt. Nach dem Kauf der Villa im Jahr 2002 konnte Stararchitektin Tilla Theus einen sehr modernen Anbau erstellen.

Schon 25 Jahre steht der Freiburger René Fasel dem Weltverband vor. Nächstes Jahr tritt er zurück. Fasel ist auch Mitglied des Olympischen Komitees. Der ehemalige Eishockeyschiedsrichter und promovierte Zahnarzt empfängt allein und gut gelaunt im getäferten Sitzungszimmer mit herrlichem Blick auf den Uetliberg. Er wohnt mit seiner Familie in Wädenswil und ist laut eigenen Angaben innert 17 Minuten im Büro – wenn es keinen Verkehr hat. Rund 200 Tage pro Jahr ist er auf der ganzen Welt unterwegs. Gestern war der 69-Jährige noch in Japan.

René Fasel, am 10. Mai startet die WM in der Slowakei. Wird die Schweiz Weltmeister?
Lacht. Eine gute Frage. Das Schöne im Sport ist doch, dass man nie weiss, wie es rauskommt. Das Abschneiden der Schweiz ist sicher abhängig davon, ob NHL-Spieler wie Josi, Fiala, Niederreiter und Andrighetto teilnehmen können oder nicht.

Tut es Ihnen nicht weh, wenn die besten NHL-Spieler meist gar nicht teilnehmen an der WM, weil die NHL-Meisterschaft dann noch andauert?
Nein, man muss es akzeptieren, wie es ist. Bis 1976 nahmen NHL-Spieler überhaupt nicht teil an der WM. Nun sind die NHL-Spieler das Salz in der Suppe. Ich reklamiere nicht, ich sehe das Glas halb voll. 2018 war immerhin Connor McDavid dabei, Sidney Crosby spielte auch schon mit. Ein Star ist also immer dabei.

Ist die Schweiz nur darum so gut, weil viele NHL-Profis fehlen?
Seufzt. Nein, die Schweiz ist so gut, weil sie so stark ist, nicht weil die Gegner so schwach sind. Die Schweiz hat schon Tschechien und Kanada geschlagen und gegen Schweden im Final 2018 nur mit ein bisschen Pech im Penaltyschiessen verloren.

Wird die WM in der Schweiz mit den Standorten Zürich und Lausanne dem Eishockey noch mehr Schub geben?
Für die Fans ist es eine gute Möglichkeit, die Spieler live, von nahe, zu sehen.

Am Spatenstich zum ZSC-Stadion in Altstetten kündigten Sie eine weitere WM in Zürich für 2027 an. Was ist da dran?
Ja, das ist ungefähr der Turnus, es kann aber auch 2030 werden. USA und Kanada sind ja ausgeschlossen für die WM-Organisation. 2008 haben wir es probiert, es war aber wegen der Zeitverschiebung keine gute Erfahrung. Dänemark hingegen war ein Erfolg. Ob dies aber wieder so sein wird, ist offen. So bleiben gar nicht so viele Länder. Zürich ist wegen dem Flughafen, den Hotels und dem Einzugsgebiet der Fans ein Must. Die Kapazitäten für acht Teams müssen vorhanden sein. Mit der neuen ZSC-Halle werden die Voraussetzungen noch besser.

Wieso denn nicht Bern?
Die Post-Finance-Arena bietet nicht mehr ideale Infrastrukturen. Es fehlen genügend VIP-Logen, und es müssten Sitz- anstatt Stehplätze eingebaut werden. Das kostet unglaublich viel. Eigentlich ist aber auch das Hallenstadion kein ideales Stadion. Die Garderoben müssen in der Messehalle eingebaut werden.

In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

René Fasel, Präsident IIHF

Wie lange geht es noch, bis China vorne mitspielt? Eishockey-Legende Jakob Kölliker macht ja im Reich der Mitte Entwicklungshilfe als Trainer.
Die Ausbildung eines Hockeyspielers dauert gut 15 Jahre, wenn er mit etwa 4 Jahren beginnt. China unternimmt momentan viel wegen den Olympischen Spielen 2022 in Peking. Ich würde sagen, dass China ab 2030 eine WM organisieren kann. Es geht also noch gut zehn Jahre. Bei den Frauen geht es aber viel schneller.

Dort ist aber die Spitze schmaler, oder?
Das würde ich nicht sagen. Frauen sind viel zielstrebiger, haben mehr Disziplin.

Wie sehe Sie die Zukunft des Fraueneishockeys?
Junioren- und Frauensport hat es fast in jeder Sportart schwierig. Handball, Fussball, Basketball. Sie werden nie an die Zuschauerzahlen der Männer herankommen. Trotzdem sind Frauen wichtig, weil sie ihre Kinder an den Eishockeysport heranbringen. Sie haben eine ganz andere Leidenschaft als Männer.

Aber an Olympia hat sich Fraueneishockey etabliert, oder?
Ja. In Amerika hat das Fraueneishockey oft mehr TV-Zuschauer als die Männer. Aber der Rest ist, wie gesagt, schwierig.

Auch die Eishockey-Champions-League ist noch keine Erfolgsstory. Macht der Vorstandsvorsitzende und ZSC-Lions-CEO Peter Zahner einen schlechten Job?
Nein, nein, überhaupt nicht. Aber in jeder Liga liegt das Hauptinteresse an der eigenen Meisterschaft. Jeder will Landesmeister sein, bevor er Europameister wird.

Im Fussball ist das aber anders.
René Fasel reibt die Fingerspitzen der rechten Hand.

Aber die Fifa war bis etwa 1985 nicht grösser als der Eishockeyverband.
Wir sind halt ein Sport der nördlichen Hemisphäre. Wir sind nicht präsent in Afrika und nicht in Südamerika. Und beim Kuchen USA und Kanada sind wir wegen der NHL nicht dabei. In den grossen Fussballmärkten Spanien, Italien, Frankreich und England sind wir sportlich nicht einmal die Nummer 2. Dort sind Rugby oder Handball beliebter.

Also das Geld. Wieso sind die Welten so unterschiedlich?
In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

Suchen Sie die Zusammenarbeit mit anderen «kleinen» Sportverbänden?
Also klein sind wir nicht.

Aber in Deutschland haben Sie auch durch Handball Konkurrenz.
Wir hatten eine gute Eishockey-WM 2017 mit regelmässig 18 000 Zuschauern in Köln. Aber damit komme ich auf ein Hauptproblem zu sprechen.

Welches Problem?
Unser Sport ist zu schnell fürs Fernsehen. Meine Mutter sagte mir immer: Ich sehe den Puck nicht am TV. Fussball aber kann jeder gucken (zeigt mit den Händen den Grössenunterschied zwischen Fussball und Puck). Und dann sind noch die Stadien unterschiedlich gross. 80 000, 60 000 im Fussball. Jeder hat irgendwann mal einen Fussball berührt, ist Experte.

Sind Sie nicht manchmal froh, dass so wenig Geld fliesst? So ist doch die Korruption tiefer.
Das ist schon so. Wir haben bei der IIHF ein Budget von 35 Millionen Franken. Somit ist keine Versuchung da. Wir sind «gäbig». Wir sind eine gute Familie im Eishockey.

Bleibt der Sitz des Verbandes überhaupt in der Enge, wenn Sie ab 2020 nicht mehr Präsident sind?
Wahrscheinlich schon. Ich sehe keine Gründe dagegen. Der Kauf der Liegenschaft war eine sehr gute Investition. Wir sind für Europa sehr gut gelegen, man ist schnell hier. Die Sicherheit und Qualität ist gut in Zürich, dafür ist es relativ teuer. Aber die Vorteile in der Schweiz überwiegen. Die Schweiz ist traditionell Sitz von Sportverbänden. Das olympische Komitee ist da, die Fifa auch. Ich sehe keinen Grund, dass ein zukünftiger Präsident aus Zürich wegziehen würde.

Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich».

René Fasel, IIHF-Präsident

Ziehen Sie nun die Strippen, wer Ihr Nachfolger werden könnte?
Zuckt mit den Schultern. Der Kongress wird den Entscheid fällen. Nach 26 Jahren ist es schwierig, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Viele Leute sagen mir, mach noch weiter, aber ich habe meinen Entscheid getroffen.

Verglichen mit anderen Sportfunktionären sind Sie mit 69 Jahren noch jung.
Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich». Der arme Sepp Blatter als Beispiel, hätte er den Rücktritt bei der Fifa doch nur vier oder acht Jahre früher gegeben … Jeder kann ersetzt werden, jeder.

Bleiben Sie im Olympischen Komitee?
Nein, wenn ich nicht mehr IIHF-Präsident bin, ist das auch zu Ende.

Haben Sie also schon andere Pläne, was Sie nachher wollen?
Ich möchte eigentlich nicht im Bett sterben. Ich werde sicher aktiv
bleiben.

Dann werden Sie nicht einfach Schrebergärtner?
Lacht. Nein, aber ich bin ein grosser Tomatenfan. Ich züchte jedes Jahr etwa 100 Kilogramm Tomaten in meinem Garten. Das ist mein grosses Hobby. Strahlt und zeigt auf dem Handy Bilder. Ochsenherzen und Cherry-Tomaten habe ich am liebsten. Gelernt habe ich die Tomatenpflege von meiner Grossmutter. Manchmal kommt mir die WM terminlich in die Quere beim Pflanzen der Setzlinge. Lacht wieder.

Ihre Familie könnte ja helfen …
Bei den Tomaten lasse ich mir nicht dreinreden, das ist mein Gebiet. 

Lugano krönt seine schwache Saison mit dem Abgang des Trainers

Es ist der Schlusspunkt einer Eishockey-Saison, in der der HC Lugano durch das Unvermögen anderer Teams in die Playoffs gekommen ist. Hätte, wäre, wenn, der HC Lugano hat die Playoff-Viertelfinal-Serie gegen den EV Zug 0:4 verloren. Und obwohl sich die Mannschaft gegen die vier Niederlagen stemmte, sah es nie so aus, als hätte sie den Zugern etwas entgegenzusetzen.

Nun wurde bekannt, dass der HC Lugano den Vertrag mit dem kanadischen Trainer Greg Ireland nicht verlängert. Schon Ende letzten Jahres waren angeblich neue Trainernamen durch die Spielerkabine gegeistert. Wer auf Ireland folgen wird, ist noch offen. Gesucht wird wohl wieder ein Trainer, der die Hockeyorganisation im Süd-Tessin auf magische Weise besser macht. Der HC Lugano muss ja seinem Spitznamen «Grande Lugano» gerecht werden. Seit dem letzten Meistertitel 2006 in der National League A hat aber kein einziger Trainer Lugano wieder zu alter Grösse geführt. Daher stellt sich die Frage, ob es überhaupt irgendjemand schaffen wird, oder ob es tieferliegende Probleme gibt, die ein neuer Coach allein nicht lösen kann.

Der HC Lugano erreichte beispielsweise 2016 und 2018 den Final – verlor jedoch jeweils gegen Gegner, die am Ende spielerisch klar besser waren. Seit der Einführung der Playoffs haben die «Bianconeri» sieben Titel geholt. Lugano galt lange als Erfolgsteam, heute spielen die Tessiner nur noch finanziell oben mit. Den Titel des ewigen Meisterkandidats darf der HC Lugano nun getrost an ein anderes Team weiterreichen.

Offen ist, ob Club-Präsidentin Vicky Mantegazza schon mal darüber nachgedacht hat, dass es mehr als nur einen Trainerwechsel braucht. Die Stelle von Sportchef Roland Habisreutinger, seit 2009 im Amt, steht nach aktuellem Stand nicht zur Disposition. Vielleicht sollte man sich das beim HC Lugano aber einmal in Ruhe überlegen. Seit 2009 haben zehn verschiedene Trainer die «Bianconeri» gecoacht. Doch nur einer hat als Sportchef die Fäden gezogen.

Sie ist die einzige Schweizerin im Weltcup

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 11. Oktober 2018.

Die Wollishofer Skiakrobatin Carol Bouvard bereitet sich gerade auf die nächste Saison vor: Das Ziel ist die Weltmeisterschaft im amerikanischen Park City. «Zürich 2» hat sie beim Sommertraining besucht.

Stufe für Stufe steigt sie die hölzerne Treppe hoch. Auf den Schultern zwei Ski, ihr Anzug noch tropfend von der letzten Landung im Pool. Gegenüber von Feldern, am Rand des Dorfs Mettmenstetten im Säuliamt, steht eine grosse Wasserschanze. «Jumpin» heisst die Trainingsanlage. Dort rackerte sich Carol Bouvard im Sommer fast täglich ab. Noch ein paar Sprünge sind es an diesem Vormittag, bis die Wollishoferin Zeit hat für ein Gespräch. Immer wieder brettert sie die Schanze herunter, steigt in die Höhe, dreht sich spektakulär und landet dann mit einem lauten Platschen im Wasser.

Die 20-Jährige bereitete sich gerade für die nächste Saison vor. Sie ist Skiakrobatin – die einzige Frau auf Welt-Niveau in der Schweiz. Heute nennt sich die Disziplin zwar modern «Aerials», aber es geht immer noch darum, in der Luft in bis zu 15 Meter Höhe Saltos und Schrauben zu drehen.

Das Ziel sind Dreifachsalti

«Im Sommer trainieren wir bis zu 30 Stunden pro Woche», erzählt die Wollishoferin. Wer diesen Sport betreibt, kommt in der Schweiz nach Mettmenstetten. In dieses Dorf im Bezirk Affoltern pilgern alle aus der Freestyle-Ski-Szene. «Hier steht die grösste Wasserschanze, auf der wir den ganzen Sommer trainieren können», so Bouvard. Der Grund dafür heisst Andreas «Sonny» Schönbächler. Der Freestyle-Skispringer gewann an den Olympische Winterspielen im norwegischen Lillehammer 1994 die Goldmedaille. Er initiierte das Projekt. Es kommt sogar vor, dass Sportler aus Weissrussland – laut der Athletin eine der Top-Nationen bei den Skiakrobaten – hier trainieren.

Der Aufstieg zum Turm der Wasserschanze ist für Laien zwar schon Training genug, doch für Bouvard, die letztes Jahr die Matur abgeschlossen hat, selbstredend nur der Weg zum Ziel. Im Sommer macht sie neben Kraft- und Rumpftraining täglich etwa zehn Doppelsalti. «Mein Ziel sind Dreifachsalti», so die Skiakrobatin.

Bouvard, die Leiterin beim Turnverein Wiedikon ist, kam über das Geräteturnen zum Nischensport Skiakrobatik. «Es brauchte schon Überwindung, aber mir hat der Sport sehr gut gefallen.» Vor grösseren Verletzungen ist sie bisher ausser einer Hirnerschütterung und einem Kreuzbandriss verschont geblieben. «Unser Sport ist wahrscheinlich nicht gefährlicher als Fussballspielen», ergänzt sie schmunzelnd.

Olympia hat noch nicht geklappt

Das Schweizer A- und B-Kader besteht aus vier Männern und einer Frau. Aktuell trainiert die Sportlerin in Saas-Fee für ihre zweite Weltcup-Saison, die im Januar startet. Ihr bisher grösster Erfolg war der dritte Rang im Februar an der Junioren-WM im weissrussischen Minsk.

Für den grossen Traum – eine Teilnahme an Olympia 2018 in Pyeongchang in Südkorea – hatte es allerdings knapp nicht gereicht. «Das Niveau für die Qualifikation war hoch», sagt Bouvard. Sie hätte zwei Top-12-Resultate im Weltcup gebraucht, am Ende waren es ein 14. und ein 15. Platz. Die Selektionäre vom Verband zeigten keine Gnade. Der nächste Meilenstein ist nun die Weltmeisterschaft in Park City im amerikanischen Bundesstaat Utah. Und das Fernziel die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.

Trotz Sponsoren, alleine vom Sport leben könne kein Skiakrobat. In dieser Randsportart sei es grundsätzlich schwierig, Sponsoren zu finden. «Im Vergleich zu anderen Disziplinen geht es uns aber gut», betont die Zürcherin. Sie würden den Mitgliederbeitrag bezahlen, für Unterkünfte, Reisen oder Trainer kommt der Verband auf.

Ganz alles ist jedoch nicht dabei. Einen Physiotherapeuten haben sich Bouvard und ihre Team-Kollegen letztes Jahr erfolgreich über eine Crowdfunding-Plattform finanziert. Eine gern gesehene Geldspritze ist deshalb das Militär: Erst im Juni schloss Bouvard den ersten Teil der Spitzensport-Rekrutenschule ab, der Zweite folgt im kommenden Frühling.

«Auf dem Karrierehöhepunkt ist man bei der Skiakrobatik erst mit etwa 30 Jahren», so die Profi-Sportlerin. Mindestens bis Olympia in Peking in vier Jahren will die Wollishoferin noch springen – was danach kommt, ist allerdings offen. Ab Sommer 2019 lockt der Vorlesungssaal an der Universität Zürich oder ETH – «irgendwas Richtung Naturwissenschaften». Sie möchte Teilzeit studieren, damit sie weiter springen könne. Jemand aus ihrem Team studiere Wirtschaft. «Das ist sicher machbar», ist die 20-Jährige überzeugt.

Doch jetzt freut sie sich erst mal auf den Start in die neue Weltcup-Saison in Lake Placid, USA, – auch wenn ihre Lieblingsanlage aus dem Europacup im finnischen Ruka nicht auf dem Weltcup-Programm steht.

Evolution? Vom Lokaljournalist zum Motorsport-Journalist

Monaco-Feeling für Zürich. Die Formel-E-Boliden sind mit 225 Sachen durch das Enge-Quartier gebraust. Foto: Pascal Wiederkehr
Monaco-Feeling für Zürich. Die Formel-E-Boliden sind mit 225 Sachen durch das Enge-Quartier gebraust. Foto: Pascal Wiederkehr

Das erste Formel-E-Rennen der Geschichte in Zürich war ein Erlebnis – und für mich eine fotografische Herausforderung. Gewonnen hat der Brasilianer Lucas di Grassi (Audi Sport ABT Schaeffler), gefolgt vom Briten Sam Bird (DS Virgin Racing) und dem Belgier Jérôme D’Ambrosio (Dragon Racing).

Reformation bei Daten gefordert

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 31. Mai 2018.

Das Turmgespräch mit dem Thema «Seele in der digitalen Arbeitswelt» lief in eine andere Richtung, als der Titel hätte vermuten lassen. Dafür entwickelte sich mit dem ehemaligen ETH-Präsidenten Ernst Hafen eine lebhafte Diskussion rund um elektronische Daten und Privatsphäre.

Überall werden Daten gesammelt – sei es von Internetkonzernen wie Google oder Facebook, digitalen Lernplattformen oder Gesundheitsapps. Bei vielen kostenlosen Angeboten zahlen die Nutzerinnen und Nutzer indirekt mit ihren Daten, indem sie diese oft unbewusst zur Nutzung freigeben. Verschiedene Anbieter verfügen über persönliche Daten von jeder Person. Doch erst die Zusammenführung all dieser Daten entwickelt ihr wahres Potenzial. So zumindest die Quintessenz aus dem Turmgespräch zum Thema “Seele in der digitalen Arbeitswelt” unter dem Hauptthema “O Seele, wo bist du”.
Jeweils am 20. des Monats diskutieren Gäste im Turm des St. Peters eine Stunde lang. Moderiert wird der Anlass von David Guggenbühl, Vizepräsident der Kirchenpflege St. Peter in Zürich.

“Digitale Leibeigenschaft”
Schnell zeichnete sich an diesem Abend ab, dass das Thema “Seele in der digitalen Arbeitswelt” zu eng gefasst war. St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger sorgte am Anfang für die Einordnung: In der Reformation habe Martin Luther von der babylonischen Gefangenschaft gesprochen. Dabei ging es um die Fremdbestimmung durch Rom. Greminger stellte damit den Bezug zur Gegenwart und zur digitalisierten Welt her.
“Heute sind wir nicht mehr von Rom abhängig, sondern von grossen Datenkonzernen”, urteilte Ernst Hafen. “Wir zahlen mit unseren Daten”, so der ETH-Professor. Früher sei die Kirche das Subjekt und der Mensch das Objekt gewesen. Sie habe gesagt, was man glauben müsse. Heute seien die Menschen das Objekt von Internetkonzernen. “Wir müssen die Kontrolle über unsere Daten zurückverlangen können”, sagte Hafen – quasi eine Reformation 2.0. Er sprach von “digitaler Leibeigenschaft”.

Bank für Daten gegründet
2012 hatte der Biologe den Verein “Daten & Gesundheit” mitgegründet. Der Zweck des Vereins ist, die Debatte über die Sammlung und Verwendung von individuellen medizinischen Daten in der Schweiz voranzubringen. Das Ziel: Schaffung von genossenschaftlichen Datenbanken, also Organisationen, bei denen man seine elektronischen Daten, ähnlich wie bei einem Finanzinstitut, lagern kann. Eine solche baut er aktuell auf, sie nennt sich “midata.coop“. “Das hat nichts mit Coop zu tun”, fügte er augenzwinkernd an.

Recht auf Kopie der Daten
Die Idee dahinter ist, dass die Menschen ihre elektronischen Daten an einem sicheren Ort speichern – und selber darüber verfügen können. Anfänglich soll der Fokus vor allem auf Gesundheitsdaten liegen. Bürgerinnen und Bürger sollen die vorhanden elektronischen Daten über sich zusammenführen. “Google weiss mehr über mich, als mein Hausarzt, aber nie so viel wie ich, weil ich die Daten zusammenführen kann”, erklärt Hafen das System. Der Wert der Daten steige durch die Ansammlung. Je mehr Daten eine solche “Datenbank” hat, je interessanter werden die Inhalte – auch für die Forschung. Kurz gesagt: Wer die Daten hat, hat auch die Macht darüber. Doch dafür muss laut Hafen eine Grundvoraussetzung erfüllt sein: Das Recht, eine Kopie der Daten zu erhalten, die von Organisationen oder Privaten über die eigene Person erhoben wurden. Die neue Datenschutzverordnung der Europäischen Union würde dieses “Recht auf Kopie” ermöglichen. Für eine ähnliche Regelung in der Schweiz will sich Hafen starkmachen – wenn nötig mit einer Volksinitiative.

Laura Greminger, die im Bereich Denkmalpflege arbeitet, zeigte sich skeptisch: “Ist es nicht auch eine Gefahr, wenn alle Daten an einem Ort gespeichert werden?” Das sei die gleiche Argumentation, wie wenn man das Geld im Garten vergrabe, statt zur Bank zu bringen, antwortete Hafen. “Es gibt keine absolute Sicherheit.” Die Reputation der “Datenbank” sei deshalb das A und O.

“Fast etwas Apokalyptisches”
Obwohl die Anwesenden grundsätzlich den Argumenten für das Recht auf Kopie zuzustimmen schienen, sorgten sie sich um etwas grundsätzlicheres: “Was nützt es, wenn man das Recht auf Kopie hat, die Konzerne aber immer noch die Daten?” Doch darauf fand die Runde keine abschliessende Antwort.

Die Eigenverantwortung, was mit diesen Daten passiere, sei ein zentrales Element, so Hafen. “Den Leuten ist nicht bewusst, dass man aus einem kleinen bisschen Daten schon viel herausfinden kann”, warf Kevin Schawinski, Astrophysiker und ETH-Professor, ein. Er erwähnte den Social Score in China, ein auf verschiedene Datenbanken zugreifendes Bewertungssystem, mit dem beispielsweise die Kreditwürdigkeit eingeschätzt oder die Reiseerlaubnis beschränkt wird. “Die Technik können wir nicht aufhalten, aber man kann die Entwicklung steuern”, fand Alex Hansen, Korrektor und Textchef.

www.turmgespraeche.ch