Diese Ausstellung geht durch die Ohren

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Das erste Studio von Radio Lora an der Mainaustrasse im Zürcher Seefeld im Jahr 1986. Foto: Radio-Lora-Archiv

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 8. November 2018.

Seit 35 Jahren sendet Radio Lora interkulturelle Programme und Musik. Nun wird dem alternativen Lokalradio aus Zürich eine Ausstellung gewidmet.

Noch finden letzte Abbauarbeiten der vergangenen Ausstellung statt, doch bald soll in der Shedhalle, einem Ausstellungsraum der Roten Fabrik, ein nicht-kommerzielles Lokalradio aus Zürich im Mittelpunkt stehen. Radio Lora wurde vor 35 Jahren, 1983, die Sendekonzession erteilt. «Die Idee zur Ausstellung ist letztes Jahr entstanden», erklärt Judith Grosse. Sie ist Kuratorin und zeitgleich PR-Verantwortliche des Radios.

Doch warum gerade jetzt? «Das 25-Jahr-Jubiläum haben wir natürlich damals gross gefeiert, doch seither hat sich viel verändert, und ein runder Geburtstag ist ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme», sagt die Ausstellungsmacherin. Genau diese Veränderungen sollen nun sichtbar gemacht werden.

Keine glatte Erfolgsgeschichte
«Reclaim the Radio!» heisst die Archivausstellung. Sie will einen Bogen spannen von der Entstehung des Senders im Kontext der autonomen Jugendbewegung im Zürich der 70er und 80er Jahre bis in die digitale Ära. «Wir zeigen Dokumente, Lora-Werbematerialien und Presseartikel aus unseren Archiven, aber auch privaten Sammlungen», erklärt Grosse. Dabei werden Rückschläge nicht verheimlicht.
Es gab in der Geschichte des Radios immer wieder Konflikte, die teilweise eskaliert sind. Der «Tages-Anzeiger» berichtete unter anderem 2012, dass es hinter den Kulissen des Radios rumore. «Offenbar gibt es Grabenkämpfe um eine Neuausrichtung des Radios, die nun zum Problem werden», schrieb der «Tagi» damals.

«Auf den ersten Blick ist die Geschichte von Lora keine glatte Erfolgserzählung – immer wieder gab es Auseinandersetzungen, Rückschläge, aber auch Neuanfänge», sagt Grosse. Und genau darum sei Loras Geschichte doch ein Erfolg und eben auch sehr spannend. Heute habe sich das aber alles wieder beruhigt. «Seither haben wir unsere internen Prozesse angepasst, der Vorstand hat sich stark engagiert.»

Radio Lora wird aktuell von einer Stiftung und einem Verein getragen. Die Stiftung hat die Sendekonzession des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) inne, der Verein betreibt das Radio mit Sitz an der Militärstrasse im Kreis 4. Um diese Doppelstruktur zu entflechten, plant Radio Lora eine grosse Veränderung: Stiftung und Verein will man im kommenden Jahr in einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft vereinen. Das ist eine Vorgabe des Bakom. Wie dem Jahresbericht zu entnehmen ist, muss bei Lora bis zur Neukonzessionierung im Jahr 2019 die Inhaberin der Sendekonzession sowie die Betreiberin des Radios ein und dieselbe Organisation sein.

Das Radio hat ausserdem ein neues Logo erhalten. Die Entwürfe stammen alle von Grafik-Lernenden an der Schule für Gestaltung Zürich. Ausgewählt haben es die Lora-Mitglieder. «In der Ausstellung zeigen wir auch eine Auswahl derjenigen Entwürfe, die es nicht geschafft haben», verspricht Grosse. Ebenfalls Teil der Ausstellung sind Hörstationen, Live-Talk-Runden und ein Audiokunst-Festival. Die beiden Letzteren werden im Programm des Radios zu hören sein – «für alle, die nicht vorbeikommen können», sagt die Kuratorin.
Ursprünglich war das Lokalradio an der Mainaustrasse in Riesbach beheimatet gewesen. Nach einem Brandanschlag zog es den alternativen Sender aber in den Kreis 4. Radio Lora ist ein Kind der Radiopiratenszene. Während der Jugendunruhen 1981 hatte eine Gruppe von Radiomachenden aus dem Autonomen Jugendzentrum gesendet. Erst am 14. November 1983 erhielt der Sender eine Konzession.

Heute ist Lora eines von 17 Radios, die in der Unikom, dem Verband der nicht-gewinnorientierten Radios, zusammengeschlossen sind. Dazu gehören beispielsweise das Winterthurer Radio Stadtfilter, der Aarauer Kanal K oder Radio 3fach in Luzern. Die eigenen Hörerzahlen misst Radio Lora nicht. Die Marktforschung sei laut Judith Grosse zu teuer und nicht auf Profil sowie Publikum nicht-kommerzieller Sender ausgerichtet. Wie Unikom auf Anfrage sagt, kann aufgrund von vergleichbaren Programmen davon ausgegangen werden, dass «Lora» täglich über 30 000 Zuhörerinnen und Zuhörer erreicht.

Ein Blick hinter die Kulissen
Finanziert wird das werbefreie Radio Lora durch Mitgliederbeiträge und Geld aus dem Billag-Gebührentopf. Würden die Gebühreneinnahmen wegfallen, wäre das ein grosses Problem. «Dann müssten wir uns wie zur Gründungszeit alleine über die Mitgliederbeiträge finanzieren», sagt Grosse. Das sei schwierig gewesen und werde in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Grosse: «Wir wollen das Publikum hinter die Kulissen des Radios blicken lassen, aber auch die Aussenperspektive zeigen.»

«Reclaim the Radio!»: Ausstellung zu 35 Jahren Radio Lora bis 6. Januar 2019. Shedhalle, Rote Fabrik, Seestrasse 395. www.lora.ch

Sorry, aber es wären einfach zu wenige Bürgerinnen und Bürger bereit, dafür zu zahlen

Es scheint, als ginge es um sein oder nicht sein. Am 4. März 2018 wird über die Volksinitiative «Ja zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren» abgestimmt. Schon vor dem Jahreswechsel gab es in der Schweiz kaum ein anderes Thema mehr. Zumindest in den Medien. Und das ist auch kein Wunder: Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), die Betreiberin der öffentlich-rechtlichen Sender, ist eine wichtige Arbeitgeberin in der Branche. Rund 6000 Mitarbeitende zittern um ihren Job – so zumindest die schlimmsten Befürchtungen der SRG-Verantwortlichen. Die Initiative nennt sich im Volksmund «No Billag». Das Unternehmen Billag treibt aktuell die Rundfunkgebühren ein. Und sie verschickt Rechnungen. Rechnungen, die die meisten ärgern, wenn sie wieder ins Haus flattern. 451 Franken pro Jahr beträgt die Gebühr, was etwa 400 Euro ausmacht. Damit ist man im europäischen Vergleich an der Spitze. Alleine schon der Name «Billag» löst bei vielen Schweizerinnen und Schweizern Aversionen aus. Das machen sich die Initianten zu Nutze.

Das Grundproblem ist klar: Dank dem zeitversetzten Fernsehen, Youtube, Internetradios oder Netflix und Amazon Prime sind viele der Meinung, dass sie das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen nicht mehr brauchen würden. Oder zumindest soll es so zurecht geschrumpft werden, dass es deutlich weniger kostet. Frei nach dem Motto: Wieso soll ich für etwas bezahlen, was ich nicht brauche. Doch damit schiebt man einen wichtigen Grundsatz einfach beiseite: Die SRG ist kein Netflix. Das Ziel ist es, die Bevölkerung in allen vier Landessprachen ausgewogen zu informieren. Und damit die Informationssendungen konsumiert werden, braucht es das Aussenrum, die Unterhaltung, die Kultur, den Sport und die Musik. Natürlich kann jeder hier fröhlich mitdiskutieren, was dazugehört und was nicht. Es liegt im Auge des Betrachters und vor allem an den eigenen Interessen. Doch die je nach Ansicht einseitige Berichterstattung, die hohen Kosten, das Unterhaltungsprogramm, welches sich sehr an private Konkurrenz anlehnt und die gefühlte Arroganz haben immer wieder zu Kritik geführt. Gleichzeitig ist die SRG im Internet sehr aktiv und wird von den privaten Anbietern deshalb als Bedrohung wahrgenommen. Dass sich die SRG dieser Diskussion zu oft entzogen hat, ist nun der Denkzettel. Deshalb ist die ganze Branche auch so in Aufruf und teilweise gar hämisch. Trotzdem darf deswegen nicht vergessen werden, weshalb die Rundfunkgebühr in der Schweiz so hoch ist. Das Gebührenmodell funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip.

Rund 1,3 Milliarden Franken treibt die Billag jährlich ein. Davon fliesst der Löwenanteil an die SRG, ein Teil an private Sender. Gemäss eigenen Aussagen setzt die SRG jährlich 1,6 Milliarden Franken um. Sie finanziert sich jedoch zu rund 75 Prozent aus Gebührengeldern, der Rest sind hauptsächlich kommerzielle Erträge. Rund 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt in der Deutschschweiz – rund 73 Prozent der Gebühren werden hier eingenommen. Der deutschsprachige Raum erhält von jedem Gebührenfranken jedoch nur 43 Rappen. Die Differenz fliesst in die französische, italienische und rätoromanische Schweiz. Anders ausgedrückt: Die Schweiz hat vier Landessprachen – damit für alle ein gutes Programm angeboten werden kann, braucht es Querfinanzierung.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass Private gewisse Programme übernehmen würden. Das stimmt wohl. Wer allerdings einmal über den eigenen Tellerrand hinaus- und bei privaten Sendern hineinschaut, wird feststellen: Die dortigen Nachrichten- und Informationsmagazine reichen in keiner Weise an die öffentlich-rechtlichen Konkurrenten heran. Es wäre Augenwischerei zu behaupten, dass die rund 1,2 Milliarden Franken, die bei der SRG bisher durch die Gebühren finanziert wurden, alleine durch Werbung wieder hereingeholt werden könnten. Also müsste eine Art Abomodell her.

Aus rein wirtschaftlicher Perspektive ist es einfach: Wenn es nur genügend Nachfrage gibt, wird es auch alle diese Sendungen geben. Die Initianten verweisen deshalb auf Netflix und den Schweizer Bezahlfernsehsender Teleclub. «Grundsätzlich ist es der SRG überlassen, welches Finanzierungs-Modell sie nach Abschaffung der Billag-Zwangsgebühren wählt. Eine mögliche Variante wäre folgende: Ihre Informationskanäle könnte sie beispielsweise für alle in der Schweiz freischalten und via Werbung finanzieren, Unterhaltungskanäle könnte sie mittels des Verkaufs von TV-Abos finanzieren. An erfolgreichen Beispielen von Sendern, die sich via TV-Aboverkäufen finanzieren, fehlt es in der heutigen Praxis nicht: Netflix, Teleclub etc.» Weshalb die SRG nicht zu ihren Einnahmen kommen solle, wenn die SRG-Sendungen beim Publikum auf Anklang fänden und eine entsprechende Zahlungsbereitschaft stossen würden, «ist beim besten Willen nicht ersichtlich», behaupten die Initianten.

Doch genau das ist die Krux an der Sache: Ist die Gesellschaft bereit, für die SRG-Sendungen zu bezahlen? Ich habe meine Zweifel. Ein Blick auf die schwindenden Abozahlen bei Zeitungen zeigt – vielen Menschen ist Information eben gerade nicht genug wert, um dafür zu bezahlen. Zu viel ist gratis verfügbar, dank dem Internet kann jeder mitmischen – ganz ohne öffentlichen Auftrag. Die SRG hat den Auftrag, mit ihrem Service public die Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit Radio- und Fernsehprogrammen sowie die Meinungsvielfalt sicherzustellen. Die SRG will einen Beitrag zum Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Landesteilen, zum Austausch zwischen den Sprachregionen und zum gegenseitigen Verständnis der verschiedenen Kulturen leisten. Dass Netflix & Co. ebenfalls diese Ziele verfolgen würden, wäre mir neu. Vor allem auch, weil man damit kaum Geld verdienen kann.

Die Frage ist also nicht Yes oder No Billag, sondern Ja oder Nein zu vielfältigen Informationen in allen Landesteilen. Alleine im italienischsprachigen Kanton Tessin würde bei einem Nein wohl ein grosser Teil der aktuellen Sendungen wegfallen. Bei nur rund 354’000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist der Markt so klein, und wären allfällige Abogebühren so hoch, dass sich das kaum einer leisten wollen würde – geschweige denn könnte.

Bereits beschlossen ist eine Senkung der Radio- und Fernsehgebühren ab dem 1. Januar 2019. Sofern die Initiative Anfang März nicht angenommen wird. Danach würde ein Haushalt statt 451 Franken pro Jahr noch 365 Franken bezahlen. Doch auch das ist noch ein stolzer Betrag. Wird die SRG also von der Abschaffung der Billag-Gebühr verschont, muss sie der Bevölkerung klarmachen, was sie genau davon profitiert. Es wird Programmanpassungen und Abstriche geben müssen. Der typisch schweizerische Kompromiss dürfte also sein, dass es allen ein bisschen wehtun wird, dafür niemandem allzu arg.