Schokolade zum Frühstück?

Obwohl der Film «Bridget Jones’s Diary» schon etwas Staub angesetzt hat: Der Zusatz des deutschen Titels – Schokolade zum Frühstück – passt fast perfekt zum morgigen Katerfrühstück. Doch ob 2017 so bitter weitergeht, wie das vergangene Jahr geendet hat, oder vielleicht doch etwas süsser wird, hängt von jedem Einzelnen ab.

2016 brachte uns President-elect Donald Trump, Flüchtlinge, die humanitäre Katastrophe im Syrien-Krieg, die Anschläge in Nizza und Berlin, der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union, grosse Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) und das Desaster um die österreichischen Präsidentschaftswahlen. Nur einige Höhepunkte, die uns 2016 serviert hat. Alles in allem war es ein Jahr geprägt von Populismus, Angst, Verunsicherung und Einigelung. Beinahe kein Land der westlichen Welt, welches sich nicht einigeln möchte. Gerade in Europa ist eine starke Tendenz zur Abschottung festzustellen. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass Emigration für die Bevölkerung des Kontinents früher die einzige Möglichkeit war. Auch die Grenzen in Europa waren lange Zeit nicht fest, wurden immer wieder durch Kriege verändert und künstlich gezogen.

1291 wird von der Schweiz als Geburtsjahr gefeiert, dabei gab es damals nur ein paar Gebiete, die sich zusammentaten und sich langsam mehr Freiheiten erarbeiteten – weiterhin unter fremden Herrschern. 1499 verteidigte man im Schwabenkrieg zwar die Ansprüche auf faktische Unabhängigkeit gegen die Habsburger Herrscher, verstand sich aber weiter als Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Erst im Westfälischen Frieden 1648 sei der Schweiz die Exemtion vom Reich, also die Freistellung von Lasten und Pflichten, zugestanden worden, so das «Historische Lexikon der Schweiz». Von Schweizer Identität konnte trotzdem noch lange nicht die Rede sein. Und auch in anderen Ländern Europas veränderten sich die Grenzen häufig. Man darf also nicht davon ausgehen, dass in den nächsten hundert Jahren alles so bleiben wird, wie es aktuell ist.

Europa ist längest mehr als ein Kontinent mit einzelnen Staaten. Nationalstolz ist gut und recht, wenn man im Fussballstadion sitzt und «seine» Mannschaft anfeuert oder den Nationalfeiertag feiert. In einer globalisierten Welt interessieren Grenzen aber nur auf dem Papier. Mit oder ohne EU: Unsere Gesellschaft funktioniert durch ein Miteinander aller Bürger – egal in welchem Land. «Wo Europa – wie im globalen Wettbewerb, beim Schutz unserer Aussengrenzen oder bei der Migration – als Ganzes herausgefordert wird, muss es auch als Ganzes die Antwort finden – egal wie mühsam und zäh das ist», sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel heute Abend in ihrer Neujahrsansprache.

Statt uns über Flüchtlinge aufzuregen, wenn sie vor unseren Toren stehen, müssen Lösungen gesucht werden, damit diese Menschen keinen Grund mehr zur Flucht haben. Das funktioniert nicht, wenn ein Land einen Alleingang macht oder ein anderes die Grenzen schliesst. Alleine können wir keine Krisen lösen. Und diese bringt uns 2017 ebenso wie 2016. Das nächste Jahr wird nicht süss wie Schokolade. Dafür haben wir zu viele offene Baustellen. Bei den Präsidentschaftswahlen in den USA verlor Hillary Clinton unter anderem, weil viele «Demokraten» sie nicht wählten. «Trump did not win because he was more attractive to this base of white voters. He won because Hillary Clinton was less attractive to the traditional Democratic base of urban, minorities, and more educated voters», schreibt «Forbes». Hinzukommt, dass beispielsweise die Mehrheit der Anti-Trump-Demonstranten in Portland gar nicht an die Urne ging.

Jeder einzelne hat in einer Demokratie eine Stimme, doch wir jammern lieber über unser Schicksal, statt es selbst in die Hand zu nehmen. In Westeuropa haben wir glücklicherweise die Freiheit, wählen und abzustimmen zu dürfen. Die Frage ist wie lange noch, wenn die Gleichgültigkeit weiter zunimmt. Wir alle können dafür sorgen, dass 2017 zumindest nicht so bitter wird, wie Schokolade auch schmecken kann.

In eigener Sache

Die einen oder anderen dürften es schon bemerkt haben: Meine Webseite hat ein neues Design erhalten. Doch das ist nicht alles. Auch mein Portfolio habe ich angepasst und erweitert. Das heisst, es bietet nun eine bessere Gesamtübersicht zu meiner Arbeit als Journalist.

Wer etwas tiefer gräbt, findet zudem auch ein paar «Jugendsünden», in Form von Videospiele-Rezensionen oder Internetprojekten.

Und hier noch ein (nicht ganz ernst gemeinter) Einblick in den Alltag auf einer Lokalredaktion:

 

Das Schlimmste ist eigentlich die Überwindung

Sobald wir geboren werden, haben die Menschen Erwartungen an uns. Zuerst soll man möglichst zufrieden wirken, oft und viel lächeln, wenig schreien und süss aussehen. Bald darauf sollen wir nicht mehr kriechen und dürfen unsere ersten Worte artikulieren. Bis dahin war unser Leben kurz, es verlief im Schneckentempo. Je älter wir werden, desto mehr haben wir von der Strecke unseres Lebens hinter uns gebracht, viele Erwartungen erfüllen können und Erfahrungen gesammelt. Mittlerweile gehen wir selbst auf das Töpfchen, wir brauchen niemanden der uns füttert und lieben philosophische Diskussionen. Bestimmt haben wir aber auch enttäuscht.

Erwartungen anderer kann man viel leichter enttäuschen, als Erwartungen an die eigene Person. Wenn wir das Leben als Arena sehen, in der wir täglich der Öffentlichkeit dienen sollen, dann braucht es viel Mut unter dem Druck nicht einzubrechen. Wer wollte sich morgens nicht schon gerne unter der Decke verkriechen? Man stelle sich vor, die Sonne sei ein riesiger Scheinwerfer und jeden Abend wird im Fernsehen dein Leben gezeigt. Die Moderatorin verweist fröhlich auf die Zusammenfassung des Tages und bittet die Zuschauer um ihre Meinung. Für jeden Bürger der wahre Horror. Ein Traum für die B- und C-Prominenz.

Es braucht also Willenskraft die Arena «Gesellschaft» zu betreten. Für die holde Weiblichkeit scheint mir dies besonders hart. Als Mann muss man sich einmal im Leben entscheiden ob man Typ «Beckham» oder Typ «Räuber Hotzenplotz» sein möchte. Als Frau erfüllt man die Erwartungen nur wenn man täglich wie eine ungesunde Mischung aus «Angela Merkel» und «Kim Kardashian» in die Arena tritt. Der Weg als Laufsteg durch die Arena des Lebens.

Der Weg ist das Ziel
Vom chinesischen Philosophen Konfuzius stammt der berühmte Ausspruch «Der Weg ist das Ziel». Wer aber kennt den Weg? Oft hat man verschiedene Möglichkeiten ein Ziel zu erreichen. Die gefährlichen, spannenden Wege und die Umwege. Wer den direkten Weg wählt, der muss manchmal durch Feuer springen. Die Menschen rufen «Lerne!», «Arbeite!», «Habe Spass!», die Kirche ruft «Glaube!», «Bete!» und der Staat ruft «Zahle deine Steuern!». Wer nie tut, was das Umfeld will, der kann eigentlich nur Künstler werden oder Philosophie studieren.

Irgendwann endet die Strecke des Lebens. Die Lampe im Scheinwerfer brennt nicht mehr so stark. Das Interesse des Publikums schwindet. Es wird zwar immer noch erwartet, dass man selbstständig aufs Töpfchen geht und sich selbst füttern kann. Manche können diese Erwartung trotzdem nicht mehr erfüllen. In Ruhe kann man sich dann für erfüllte Erwartungen auf die Schulter klopfen und unerfüllten Erwartungen nachtrauern. Wer will sucht nach Ausreden. Wer nicht darüber nachdenken will, der fängt an seinen Enkelkindern Anforderungen zustellen. Man kann ja die Birne im Scheinwerfer ersetzen und ihn auf andere Menschen richten. Im Innersten weiss jeder: Das Schlimmste ist eigentlich die Überwindung.

Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt

Wochenspiegel: «Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt»
Wochenspiegel: «Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt»

Zuerst veröffentlicht im «Wochenspiegel» vom 20. Juli 2016.

In Höri bewahrt Fructus alte Obstsorten vor dem Aussterben. Der Star unter den rund 250 Sorten ist der Sternapi. Zum Essen ist er von geringer Qualität, sieht aber immerhin gut aus.

Wenn «Frau Rotacher», die sich eigentlich Fraurotacher schreibt, gerade keine Lust hat, dann geht es dem Sternapi schlecht. Denn zur Bestäubung braucht es bei den Äpfeln immer zwei. Der Sternapi wäre ohne Bienen, Hummeln oder andere Insekten ziemlich hilflos. Die Insekten fliegen von Fraurotacher zum Sternapi – natürlich auch umgekehrt – und erledigen ihren Job.

Fraurotacher und Sternapi sind Apfelsorten. Die zwei Bäume stehen sich in Höri direkt gegenüber. «Natürlich werden die Blüten des Sternapi nicht nur mit Blütenstaub von Fraurotacher bestäubt», erklärt Klaus Gersbach. Insekten würden einfach von Apfelbaum zu Apfelbaum fliegen und den Blütenstaub mitbringen. Sofern es sich um die Pollenkörner der Blüte einer geeigneten Sorte handle, werde die Blüte befruchtet, sodass wieder neue Früchte entstehen. «Windbestäubung hat bei den Äpfeln eine geringe Bedeutung», so Gersbach.

230 Obstsorten in Höri
Der Obstsortengarten von Fructus in Höri beherbergt auf mehr als 350 Obststammbäumen 230 alte Obstsorten, darunter 152 verschiedene Äpfel, 53 Birnen, 17 Kirschen und 10 Zwetschgen. «Unser Ziel ist es, die genetische Vielfalt einheimischer, krankheitsrobuster Sorten mit möglichst geringem Bedarf von Pflanzenschutzmitteln zu erhalten», sagt Gersbach, der 16 Jahre Präsident von Fructus war. 2015 gab der 69- Jährige, der schon als «Apfelflüsterer» bezeichnet wurde, sein Amt ab und führt nun in seiner Freizeit durch die «Live-Genbank».

Der wohl berühmteste Bewohner des Obstgartens ist der Sternapi. Gersbach: «Die Sorte ist seit der Römerzeit bekannt und mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Original aus Kasachstan, der Urheimat der Äpfel.» Sie zähle zu den seltensten Apfelsorten der Schweiz. «Originale, alte Bäume existieren kaum mehr», führt Gersbach weiter aus. 1995 wurde in Höri deshalb ein einzelner Baum dieser Sorte gepflanzt. Ein Risiko, falls der Sternapi-Baum durch höhere Gewalt Schaden nehmen sollte. Was wäre, wenn ein Blitz einschlagen, der Baum in Flammen aufgehen würde? Doch Gersbach beruhigt: Die Wahrscheinlichkeit dafür sei zum Glück gering, zudem würden auch im waadtländischen Arboretum in Aubonne Sternapi-Bäume stehen. «Der Bund fördert den Erhalt alter Obstsorten, doch die Auflage ist, dass sie in mindestens zwei Sammlungen in verschiedenen Regionen vorkommen müssen, damit sie nicht ganz aussterben.»

Der Sternapi ist nicht nur deshalb berühmt, weil er ein alter Hase unter den Apfelsorten ist. Seine spezielle Form fiel schon dem Pomologen Jean Bauhin auf, der von 1541 bis 1613 lebte und den Apfel wegen seiner besonderen Form Fünfsternapfel (Pomum Pentagonum) nannte. Er habe ihn auch ein erstes Mal gezeichnet, erklärt Gersbach. Der Sternapi ist also auch wegen seiner Sternform ein Star. In der Schweiz ist der Apfel im Februar 1981 erstmals wieder in den Radar von Fructus geraten. «Damals hat eine Frau aus Corsier bei Genf im Winter einen grossen Baum ohne Blätter, aber dafür voller Äpfel entdeckt», so Gersbach. Sie rief einen der Gründerväter von Fructus, Roger Corbaz, an und nannte die Äpfel «Pommes Fleur», also Blumenäpfel. «Es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um die lange vergessene Sorte Sternapi handelte», erzählt Gersbach.

Der Sternapi fällt nicht
Die Früchte seien Ende Oktober pflückreif, würden aber nicht selbst vom Baum fallen. Wenn es zutrifft, dass Isaac Newton einst ein Apfel auf den Kopf gefallen ist und er dadurch zum Gravitationsgesetz inspiriert wurde, wäre ihm dies unter einem Sternapi-Baum wohl nie passiert. Ein Glück also, ist die Sorte nicht weiter verbreitet, könnte man meinen, sofern man der Geschichte denn Glauben schenkt.
Der Sternapi hat zudem einen kleinen Makel: Er ist zum Essen von eher geringer Qualität. Gersbach: «Er ist aber sehr fest und lagerfähig, und wenn er im März vollständig gereift ist, dann schmeckt er nicht schlecht.» Auch wenn die uralte Sorte aus der Römerzeit vielleicht nicht die leckersten Äpfel gebe, «sie ist umso attraktiver in ihrer Form».

11 Gründe, heute Abend der Schweiz die Daumen zu drücken

Heute Abend spielt die Schweiz gegen Rumänien. Also eigentlich müsste es ja Rumänien gegen die Schweiz lauten, aber das ist ja egal. Die mit den weissen Trikots sind die Schweizer. Die anderen tragen Gelb.

  1. Der ehemalige GC-Profi Viorel Moldovan steht als Co-Trainer der Rumänen am Spielfeld.
  2. Haris Seferović trifft dieses Mal wirklich. Vielleicht. Ach Haris…
  3. Der Match findet um 18 Uhr statt. Zumindest die Affoltemer dürften dann noch im 32er feststecken.
  4. Die Public Viewings in Zürich sind leer (nicht wegen dem Wetter), weil alle die «Scheisse» an der Manifesta 11 ansehen («The Zurich Load» – ein Kunstwerk aus 80 Tonnen Zürcher Fäkalien, ausgestellt im Löwenbräu-Areal).
  5. Der Austragungsort Parc des Princes in Paris ist auch ein Rugby-Stadion. Und die Schweiz ist kürzlich in die europäische Division 1B aufgestiegen. Wenn das kein gutes Omen ist.
  6. Bukarest gilt bei Tourismus-Werbern als Paris des Ostens.
  7. Unvergessliche Alain-Sutter-Anekdoten garantiert: An der WM 1994 in den USA gewann die Schweiz 4:1 gegen Rumänien. Trotz Zehenbruch Alain Sutters.
  8. Der Marktwert der Schweizer ist drei Mal höher als derjenige der Rumänen. Ein 3:1 liegt drin.
  9. Kabarettist Ralf Schlatter und Stimmen-Imitator Michael Wernli kommentieren die Schweizer Vorrundenspiele: Coming Soon, Rolandstrasse 9, 8004 Zürich. www.comingsoon.ch (hinter dem Sex-Kino).
  10. Rumänien ist das Partnerland des Schweizer Erweiterungsbeitrags. Die Schweiz hat wohlwissend schon 181 Millionen Franken überwiesen. Das spricht für einen Schweizer Sieg.
  11. Wenn die Rumänen ihre Torchancen um 100 Prozent erhöhen wollen, müssen sie einfach auf Johan Djourou spielen.

Ursprünglich erschienen auf Lokalinfo.ch. (pw./aj./ls.)

Guinea ist seit heute Ebola-frei. Hä? Ist das nicht schon 2000-and-late?

Jetzt ist es offiziell: Das westafrikanische Land Guinea ist Ebola-frei. Dies teilte heute die World Health Organization (WHO) mit. «Today the World Health Organization (WHO) declares the end of Ebola virus transmission in the Republic of Guinea. Forty-two days have passed since the last person confirmed to have Ebola virus disease tested negative for the second time», schreibt die WHO. Übrigens: Schon im Januar hatte die WHO Westafrika für Ebola-frei erklärt, aber wirklich mitgekriegt hat das niemand. Nachdem die Epidemie 2014 ständig in den Medien war, reichte es in der letzten Zeit nicht mehr für die grosse Medienbühne. Andere Themen wie die Terroranschläge in Europa, der Krieg in Syrien oder noch viel wichtiger der Erdogan-Streit, hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Passend dazu schrieb «Die Zeit» im letzten August: «Ebola ist in Afrika nicht besiegt. Doch die Welt hat keine Lust mehr, sich damit zu beschäftigen.»

Ich möchte hier aber eigentlich kein Gejammer über die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Medienwelt beginnen. Dafür möchte ich euch einen Artikel präsentieren, den ich im Herbst 2014 als Semesterarbeit verfassen musste und der nie veröffentlicht wurde. Ich bin kürzlich wieder auf ihn gestossen und die WHO hat mir heute passenderweise den Aufhänger geliefert. Zum Artikel gehört auch eine Infografik:

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Zeitungstitel verschwinden nicht einfach so, dazu tragen wir alle gemeinsam bei

Die Schweiz soll einst als Land mit der weltweit höchsten Zeitungsdichte gegolten haben. Heute hat sich das schon ziemlich relativiert. 2014 verfasste Catherine Duttweiler in der «Zeit» dazu einen Warnruf: «Ein starker Lokaljournalismus kontrolliert als vierte Gewalt die lokalen Würdenträger. Doch die großen Verlage untergraben diese Grundlage unserer Demokratie.»

Immer mehr kleinere Zeitungen werden eingestellt oder verlieren ihre Eigenständigkeit. Ein Grund dafür: die grossen Verlage suchen nach Synergien. So erscheinen seit 2011 die Tageszeitungen «Zürcher Oberländer», «Landbote», «Zürichsee-Zeitung» und «Zürcher Unterländer» mit einem gemeinsamen Zeitungsmantel, der anfänglich noch vom «Landboten» in Winterthur, und nun von der «Berner Zeitung» geliefert wird. Das heisst im Klartext: Der lokale Teil entsteht noch lokal, alles andere stammt aus Bern. Aktuell noch eigenständig, aber immerhin bald schon mit gleichem Redaktionssystem, sind indes das «St. Galler Tagblatt» und die «Neue Luzerner Zeitung». Laut «persoenlich.com» rücken die zum gleichen Verlag gehörenden Zeitungen näher zusammen. «So soll in Zukunft das Layout und das Redaktionssystem der regionalen Ausgabe der beiden Zeitungen einheitlich sein.» Zudem haben sie einen gemeinsamen Chefredaktor erhalten. Zu beiden Zeitungen gehören verschiedene regionale Titel, die im Kopfblatt-Mantel-System erscheinen. Beim «St. Galler Tagblatt» sind es unter anderem die «Appenzeller Zeitung», die «Wiler Zeitung», oder die «Thurgauer Zeitung», bei der «NLZ» die «Neue Zuger Zeitung» oder die «Neue Urner Zeitung». Langfristig ist ein gemeinsamer Mantel für die insgesamt 14 Regionaltitel geplant.

Doch die Verlage sind nicht einfach die Bösen: Natürlich kann man monieren, dass die Vielfalt wegen der Suche nach Einsparmöglichkeiten verschwindet. Ein Grund dafür, dass diese Einsparungen überhaupt nötig werden, liegt bei der «Bezahlfaulheit» der Leser. Wenn ich in meinem Umfeld nachfrage, welche Zeitungen gelesen werden, dann liegen die Gratismedien (Print und Online) ganz weit vorne. Man informiert sich kostenlos online oder mit einer Gratiszeitung im öffentlichen Verkehr. Ein Abo hat praktisch keiner mehr. Es sind also beide Seiten, die am Rückgang Schuld sind: Einerseits die Verlage, die nicht mehr nur aus «noblen Gründen» Zeitung machen und teilweise ihren Umsatz gar nicht mehr mit ihrem ursprünglichen Kerngeschäft erwirtschaften und andererseits die Leser, die sich mit ihrem Hang zur «Gratiskultur» keine Zeitungsabonnemente mehr leisten.

Gerade Regional- und Lokalzeitungen sind auf die lokale Verankerung angewiesen. Sie sind für das lokale Gewerbe die einfachste Möglichkeit, die lokale Kundschaft zu erreichen. Wenn aber dieser Werbemarkt durch mangelnde Leser schwindet, dann bedeutet dies über Kurz oder Lang das Ende der Zeitungstitel. Das geht dann in die gleiche Richtung, wenn man das Verschwinden der kleinen Läden in den Innenstädten betrauert, aber nur bei den grossen Ketten oder im Internet einkauft.

Fragen, die man sich stellen sollte – und die (impliziten) Antworten dazu

Bin ich freundlich oder schwach?
Stark oder starr?
Zufrieden oder satt?
Ehrlich oder einfach nur glatt?

Georgas-Frey, P. (2015). Zeitspuren: Fragen, die ich mir zu selten stelle (p. 110).

Das Jahr 2015 hat für mich in Köln geendet und das Jahr 2016 in Köln begonnen. Noch während ich meine Zeit in der Domstadt genoss, gab es in München eine Terrorwarnung. Das Resultat: Allgemeine Verunsicherung und erhöhte Polizeipräsenz an neuralgischen Punkten wie Bahnhöfen oder Flughäfen. Natürlich ist es wichtig, dass die Polizei Terrordrohungen ernst nimmt und uns vor möglichen Anschlägen schützt. Terrorwarnungen dürfen aber nicht zum Normalzustand werden. Was in der Silvesternacht in Köln geschah, hat dann selbstverständlich zusätzlich zur Verunsicherung der Bevölkerung beigetragen. Kriminelle Ausländer sind eine Katastrophe, weil sie Verunsicherung und Hass schüren. Die mehrheitlich friedlichen Asylsuchenden leiden stark darunter.

Die Bevölkerung macht sich Sorgen, sie fragt sich: Kann ich in der Schweiz noch ohne Angst auf die Strassen gehen? Trotz der gewaltsamen Silvesternacht in Köln, oder den Terroranschlägen in Paris, ist die Antwort leicht gegeben:  «2015 haben sich 85 Prozent der Bevölkerung in der Stadt Zürich sicher gefühlt», so Daniel Blumer, Kommandant der Stadtpolizei Zürich. Das subjektive Sicherheitsgefühl habe sich nach den Anschlägen in Paris verändert, objektiv gesehen sei es in der Schweiz aber immer noch gleich sicher wie vor einem Jahr. Also: Natürlich kann man noch ohne Angst auf die Strassen gehen. Wir haben in der Schweiz weder ein «Asylchaos», noch benötigen wir ein NSA für Arme, wie sie die Revision des Nachrichtendienstgesetzes bringen würde. Dagegen wurde glücklicherweise das Referendum ergriffen.

Ein kleines Zahlenspiel: Österreich möchte eine Obergrenze einführen und 2016 maximal 37’500 Asylbewerber aufnehmen, weil 2015 im Nachbarland gemäss dem Innenministerium 90’000 Asylanträge eingegangen waren. In der Schweiz haben 2015 39’500 Asylbewerber Gesuche gestellt. Die Schweiz hatte 2014 etwa 8,237 Millionen Einwohner. Das wären also 0,48 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Rund 8,544 Millionen Einwohner waren es 2014 in Österreich und somit 90’000 Asylgesuche immerhin knapp 1 Prozent im Verhältnis zur Bevölkerung im Nachbarland.
Im Vergleich dazu: Gemäss Peter Arbenz, dem ersten Flüchtlingsdelegierten der Schweiz, seien 1992 über 40’000 Asylgesuche aus Kroatien, Serbien und Bosnien- Herzegowina eingegangen. 1990 zählte die Schweiz 6,751 Millionen Einwohner. Also schon damals 0,59 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Ich frage mich also, weshalb man heute von «Asylchaos» sprechen kann. Oder wie es Arbenz sagte: «Man kann Kontingente beschliessen, aber Asylsuchende kann man nicht kontingentieren.» Menschen in einer Notlage fänden immer einen Weg. Arbenz: «In einer nationalen Isolation und abgeschottet von der internationalen Zusammenarbeit bleibt auch unser Land keine Insel des Wohlstands und der Wohlfahrt.» Auch die österreichische Regierung wird dieses Jahr noch daran denken, wenn sie die Grenzen wirklich schliessen will.