Warum auch 1000 Fakten gegen Trump und Co. nichts bringen, weil sie deren Anhänger nicht lesen werden, damit aber genau das Gegenteil erreicht wird

«Nothgroschen, Redakteur der ‹Netziger Zeitung›.» «Also Hungerkandidat», sagte Diederich und blitzte. «Verkommene Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!» Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.

Die Presse gibt in Heinrich Manns Werk «Der Untertan» kein gutes Bild ab. Der Machtmensch Diederich Hessling, der meist nach oben buckelte und nach unten trat, hatte Nothgroschen in der Hand. Was dachte sich der Redakteur wohl dabei, als er die Ergebenheitsdepesche an den deutschen Kaiser, geschrieben von betrunkenen «Kaisertreuen», zugespielt erhielt? Und als dann Diederich Hessling ihm eine gefälschte Belobigung für den Todesschützen übergab, die angeblich vom Kaiser höchstpersönlich stammte, da war er hin und weg. Die «Netziger Zeitung», das Sinnbild einer gefügigen Presse. «Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart, der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten», schrieb Mann.

Vor mehr als hundert Jahren hat der Schriftsteller seinen wohl bekanntesten Roman beendet. Bis er als Buch erscheinen konnte, fiel er der Zensur zum Opfer, danach wurde das Werk zum Kassenschlager. Die wahre Bedeutung können wir aber nur aus der Distanz erahnen. «Der Untertan» ist eine satirischer Roman, aber nicht nur. Es ist vor allem eine Zeitdiagnose des bürgerlichen Deutschlands unter der Regierung Kaiser Wilhelms II. Nun, ich bin kein Historiker und schon gar kein Literaturwissenschaftler. Aber irgendwie scheint es mir, als würde ich Parallelen zur heutigen Gesellschaft erkennen können.

Steigende Abozahlen dank Trump
Wilhelminismus nennt man die Epoche unter Kaiser Wilhelm II. Trumpismus, Putinismus, Erdoganismus – so könnte man die heutige Zeit umschreiben. In einem älteren Beitrag habe ich geschrieben, dass Trump eine Chance für guten Journalismus ist. Dieser Meinung bin ich immer noch. Tatsächlich aber ist er das nur, wenn sich die Medien bewusst sind, wie unsere Gesellschaft funktioniert. In «Der Untertan» sehen die «Kaisertreuen» eine Gefahr in der freien Presse, nutzen sie aber geschickt aus, um ihre Botschaft zu verkünden. Trump, Putin und Erdogan haben Mühe mit den Medien. Vor allem dann, wenn sie nicht das bringen, was sie gerne von sich selbst hören, lesen oder sehen wollen. Trump bewirkt mit seinem Widerstand gegen die unliebsamen Medien gar das Gegenteil. Zeitungen wie «New York Times» sollen sich angeblich steigenden Abozahlen erfreuen dürfen.

Das Dumme ist, dass die neuen Leserinnen und Leser auch bei der «New York Times» die von den genannten Herren und ihren politischen Hintermännern gestreuten Botschaften vorgesetzt bekommen. Manchmal mit mehr oder weniger treffender Einordnung der jeweiligen Journalistinnen und Journalisten – nichtsdestotrotz aber im Kern das Programm der Kritisierten. Also genau das Gegenteil, was man erreichen möchte. Hinzukommt, dass Trump-Wähler keine «New York Times» oder «Washington Post» lesen. Sie sehen auch kein «CNN», bei vielen läuft «Fox News» in der Dauerschleife. Wer die «New York Times» liest, der hat sie abonniert, weil er sich in seiner Meinung bestätigen lassen will. Er würde das Abonnement vermutlich wieder kündigen, wenn man plötzlich positiv über den aktuellen US-Präsidenten schriebe.

Esel vor dem Karren
Trump, Putin oder Erdogan selber dürfte es eigentlich egal sein. Ihre Botschaft kommt vors Volk. Entweder von den gefügigen Medien oder den anderen, die sich als Esel vor den Karren spannen lassen und sich als freie Medien bezeichnen. Auch dazu hat Heinrich Mann einen schönen Satz geschrieben: Diederich rief aus: «Mein schönster Lohn ist es, dass der ‹Lokal-Anzeiger› meinen schlicht bürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst gebracht hat!»

Nachricht und Kommentar strikt trennen
Doch statt jetzt von einem Ende der vierten Gewalt jammern zu müssen, braucht es Taten: Zuerst einmal eine strikte Trennung von Nachricht und Kommentar. In einigen Zeitungen werden Beiträge mit Wertungen mit grauem statt schwarzem Titel versehen. Das reicht aber nicht aus, weil es zu wenig auffällt. Medien können nur Vertrauen schaffen, wenn sie transparent machen, wo Wertungen enthalten sind. Fakten prüfen, suchen und einordnen kann der Journalist, in dem er Experten sprechen lässt. Alles andere gehört in den Kommentar. Zudem ist Ausgewogenheit äusserst wichtig. Zeitungen müssen keine Politik betreiben, sie müssen die Politik überwachen. Wer anfängt, Partei zu ergreifen, der vertreibt genau die Menschen, die er eigentlich überzeugen möchte. Und genau dann wird es gefährlich. Und zu guter Letzt: Jemand ist immer schneller. Den Wettbewerb mit den sozialen Medien können klassische Medien nicht gewinnen. Wer sich darauf einlässt, der tut genau das, was sich Diedrich Hessling nie hätte träumen lassen. «Hurra – hurra – hurra!», würde Diederich gemeinsam mit Trump, Putin und Erdogan rufen.

Trump ist eine Chance für guten Journalismus

«I don’t like tweeting, I have other things I could be doing», sagte der US-Präsident Donald Trump kürzlich gegenüber «Fox News». «But I get very dishonest media, very dishonest press and it’s my only way that I can counteract.» Bei anderer Gelegenheit soll er Journalisten als «among the most dishonest human beings on earth» bezeichnet haben. Grund dafür war die Berichterstattung über die Anzahl Personen, die seine Inauguration besucht haben. Natürlich musste sich auch sein Mediensprecher Sean Spicer dazu äussern. Stichwort «Fake-News».

Nun, es ist mir gelinde gesagt völlig egal, wie viele Leute bei Trumps Amtseinführung dabei waren. Präsident Donald Trumps Meinung zu den Medien in allen Ehren – viel wichtiger ist es, diese unglaubliche Chance zu nutzen. Während sich traditionelle Medien seit Jahren gegen Niedergang stemmen, könnte ihnen jetzt eine besonders wichtige Rolle zuteilwerden. In diesen Zeiten ist es umso wichtiger, dass nicht alles einfach für bare Münze genommen wird. Doch wie damit umgehen? «How to deal with Trump’s tweet?» Das fragte sich auch «CNN».

Bisher lief das so: Trump haut seine 140-Zeichen in die Tastatur, klickt auf «Tweet» und kurz darauf berichten die Medien darüber. Ein Beispiel:

Vor knapp einer Stunde schrieb Donald Trump: «Wow, television ratings just out: 31 million people watched the Inauguration, 11 million more than the very good ratings from 4 years ago!» Wenig später war die Aussage bereits Teil eines Artikels von «The Guardian». In diesem Fall ist der Schaden gering, denn die britische Zeitung liess den Tweet nicht völlig unkommentiert und schrieb: «His comparison was with Barack Obama’s second inauguration, an event inevitably less watched than his first which attracted crowds of a similar size to Saturday’s Women’s March on Washington.» In anderen Fällen haben die Medien aber geholfen, Aussagen von Trump ohne Faktencheck weiterzuverbreiten.

Im besten Fall sollte es so laufen: Trump haut seine 140-Zeichen in die Tastatur, klickt auf «Tweet» und es passiert erstmal gar nichts. Dann prüfen die Journalistinnen und Journalisten die Fakten und stellen die Aussage in den richtigen Kontext. Man kann auf der Redaktion immer noch entscheiden, ob überhaupt darüber berichtet werden muss. Das schöne an den sozialen Medien ist ja, dass jeder Interessierte daran teilhaben kann – ohne Abo. Wenn Präsident Trump schon die Medien umgehen will, weil er ihnen nicht vertraut, dann sollten diese aber nicht gleichzeitig alles weitergeben, was er in 140 Zeichen fassen kann. Dieser Verlautbarungsjournalismus ist gefährlich. Genau hier müssen die traditionellen Medien ansetzen: Fakten prüfen und erst dann berichten. Das ist richtiger Journalismus. «The Washington Post» geht sogar einen Schritt weiter und bietet den «Fact Checker». Und wer richtigen Journalismus betreibt, der gewinnt an Glaubwürdigkeit und vielleicht am Ende wieder an Lesern oder Zuschauern. Trump ist also eine Chance für guten Journalismus.

Schokolade zum Frühstück?

Obwohl der Film «Bridget Jones’s Diary» schon etwas Staub angesetzt hat: Der Zusatz des deutschen Titels – Schokolade zum Frühstück – passt fast perfekt zum morgigen Katerfrühstück. Doch ob 2017 so bitter weitergeht, wie das vergangene Jahr geendet hat, oder vielleicht doch etwas süsser wird, hängt von jedem Einzelnen ab.

2016 brachte uns President-elect Donald Trump, Flüchtlinge, die humanitäre Katastrophe im Syrien-Krieg, die Anschläge in Nizza und Berlin, der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union, grosse Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) und das Desaster um die österreichischen Präsidentschaftswahlen. Nur einige Höhepunkte, die uns 2016 serviert hat. Alles in allem war es ein Jahr geprägt von Populismus, Angst, Verunsicherung und Einigelung. Beinahe kein Land der westlichen Welt, welches sich nicht einigeln möchte. Gerade in Europa ist eine starke Tendenz zur Abschottung festzustellen. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass Emigration für die Bevölkerung des Kontinents früher die einzige Möglichkeit war. Auch die Grenzen in Europa waren lange Zeit nicht fest, wurden immer wieder durch Kriege verändert und künstlich gezogen.

1291 wird von der Schweiz als Geburtsjahr gefeiert, dabei gab es damals nur ein paar Gebiete, die sich zusammentaten und sich langsam mehr Freiheiten erarbeiteten – weiterhin unter fremden Herrschern. 1499 verteidigte man im Schwabenkrieg zwar die Ansprüche auf faktische Unabhängigkeit gegen die Habsburger Herrscher, verstand sich aber weiter als Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Erst im Westfälischen Frieden 1648 sei der Schweiz die Exemtion vom Reich, also die Freistellung von Lasten und Pflichten, zugestanden worden, so das «Historische Lexikon der Schweiz». Von Schweizer Identität konnte trotzdem noch lange nicht die Rede sein. Und auch in anderen Ländern Europas veränderten sich die Grenzen häufig. Man darf also nicht davon ausgehen, dass in den nächsten hundert Jahren alles so bleiben wird, wie es aktuell ist.

Europa ist längest mehr als ein Kontinent mit einzelnen Staaten. Nationalstolz ist gut und recht, wenn man im Fussballstadion sitzt und «seine» Mannschaft anfeuert oder den Nationalfeiertag feiert. In einer globalisierten Welt interessieren Grenzen aber nur auf dem Papier. Mit oder ohne EU: Unsere Gesellschaft funktioniert durch ein Miteinander aller Bürger – egal in welchem Land. «Wo Europa – wie im globalen Wettbewerb, beim Schutz unserer Aussengrenzen oder bei der Migration – als Ganzes herausgefordert wird, muss es auch als Ganzes die Antwort finden – egal wie mühsam und zäh das ist», sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel heute Abend in ihrer Neujahrsansprache.

Statt uns über Flüchtlinge aufzuregen, wenn sie vor unseren Toren stehen, müssen Lösungen gesucht werden, damit diese Menschen keinen Grund mehr zur Flucht haben. Das funktioniert nicht, wenn ein Land einen Alleingang macht oder ein anderes die Grenzen schliesst. Alleine können wir keine Krisen lösen. Und diese bringt uns 2017 ebenso wie 2016. Das nächste Jahr wird nicht süss wie Schokolade. Dafür haben wir zu viele offene Baustellen. Bei den Präsidentschaftswahlen in den USA verlor Hillary Clinton unter anderem, weil viele «Demokraten» sie nicht wählten. «Trump did not win because he was more attractive to this base of white voters. He won because Hillary Clinton was less attractive to the traditional Democratic base of urban, minorities, and more educated voters», schreibt «Forbes». Hinzukommt, dass beispielsweise die Mehrheit der Anti-Trump-Demonstranten in Portland gar nicht an die Urne ging.

Jeder einzelne hat in einer Demokratie eine Stimme, doch wir jammern lieber über unser Schicksal, statt es selbst in die Hand zu nehmen. In Westeuropa haben wir glücklicherweise die Freiheit, wählen und abzustimmen zu dürfen. Die Frage ist wie lange noch, wenn die Gleichgültigkeit weiter zunimmt. Wir alle können dafür sorgen, dass 2017 zumindest nicht so bitter wird, wie Schokolade auch schmecken kann.