Corona verhindert andere Todesfälle

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen «Anzeiger von Wallisellen», «Klotener-Anzeiger» und «Küsnachter» vom 20. August 2020.

In den letzten Wochen waren die Todeszahlen in der Schweiz trotz Pandemie tiefer als 2019. Das zeigt laut Experten, dass die Hygienekonzepte wirken.

Von Pascal Wiederkehr und Lorenz Steinmann

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt in der Schweiz wieder an. Weltweit dramatisiert sich die Lage sogar. Überraschend ist deshalb auf den ersten Blick, dass die Zahl der gesamthaften Todesfälle in der Schweiz im ersten Halbjahr trotzdem tiefer war als 2019. Dies beschreibt auch ein Artikel in der «Sonntagszeitung». Gemäss den jüngsten verfügbaren Daten (Stand 18. August 2020) wurden vom Bundesamt für Statistik 41 610 Tote gezählt. Vergangenes Jahr waren es im gleichen Zeitraum 416 Personen mehr gewesen.

Weniger Infektionskrankheiten
Nachdem zu Beginn der Corona-Pandemie mehr Menschen starben als im langjährigen Durchschnitt, die sogenannte Übersterblichkeit, haben sich die Todeszahlen relativ rasch normalisiert. Wie das Bundesamt für Statistik gegenüber dieser Zeitung mitteilt, werde oft nach dem Abflachen einer Epidemie oder Pandemie beobachtet, dass die Sterblichkeit abnehme. «Dies ist darauf zurückzuführen, dass einige Hochrisikopersonen während der Epidemie/Pandemie gestorben sind», sagt Corinne Di Loreto.

Gegenwärtig gibt es aber einen zweiten Grund: Die im Zusammenhang mit der Pandemie getroffenen Massnahmen bewirkten, dass weniger Menschen an anderen Krankheiten sterben. Man spricht dann von einem Kollateralnutzen als Gegensatz zum Kollateralschaden. «Viele Infektionskrankheiten sind infolge der Hygiene- und sozialen Distanzierungsmassnahmen zurückgegangen», erklärt Di Loreto. Doch etwas Vorsicht ist geboten, weil die Daten für 2020 provisorisch sind und rückwirkend aktualisiert werden.

«Die Massnahmen von Bund und Kantonen und die gute Umsetzung durch die Bevölkerung haben dazu beigetragen, dass sich die Todesfallzahlen in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach der ersten Welle wieder ‹normalisiert› haben.»

Bundesamt für Gesundheit

Trotzdem: Die wegen Corona eingeführten Hygienemassnahmen wie Händewaschen oder Abstandhalten sowie der Lockdown scheinen eine Wirkung zu haben. Das zeigen Modellrechnungen von Epidemiologen, wie Jan Fehr erklärt. Er ist Infektiologe an der Universität Zürich. «Es gelang uns, insbesondere Risikogruppen wie ältere Menschen in Alters- und Pflegeheimen wirksam zu schützen. Ebenso das Spitalpersonal», sagt der Departementsleiter Public Health am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention.

Alle konnten aber nicht geschützt werden. Es gab Ende März und Anfang April eine wahrscheinlich coronabedingte Übersterblichkeit bei der Altersgruppe 65plus. «Wir können aber sagen, dass die Massnahmen sehr wirksam sind. Wären diese nicht getroffen worden, hätten wir womöglich so viele Todesfälle wie in Bergamo oder in den Hotspots der USA und Lateinamerika», sagt Fehr.

Gut möglich, dass durch die Corona-Massnahmen des Bundes etwa die Grippewelle wenigstens zum Teil eingedämmt wurde. Doch sichere Aussagen sind heute kaum möglich. «Wir konnten die Todesfälle in Bezug auf Corona eindämmen, da rasch Massnahmen eingeführt wurden und der Lockdown relativ frühzeitig kam», sagt Fehr. Der Professor spricht in diesem Zusammenhang von einem Präventionsparadox. «Da die Massnahmen wirksam waren, konnten wir viele Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe verhindern. Das darf uns aber nicht dazu verleiten, zu meinen, dass die Massnahmen nicht nötig waren, im Gegenteil», betont Fehr.

Virus hat Gefährlichkeit gezeigt

Dieser Ansicht ist auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Das neue Coronavirus hat seine Gefährlichkeit und pandemische Potenz ganz klar gezeigt», ist Mediensprecher Yann Hulmann überzeugt. Wenn keine adäquaten und vor allem raschen Massnahmen ergriffen worden wären, könne es in dieser Pandemie, auch in einem industrialisierten Land, zu vielen Todesfällen kommen. «Die Massnahmen von Bund und Kantonen und die gute Umsetzung durch die Bevölkerung haben dazu beigetragen, dass sich die Todesfallzahlen in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach der ersten Welle wieder ‹normalisiert› haben», so Hulmann.

Geholfen hat der Schweiz, dass man sich im Gegensatz etwa zu Italien besser auf die Pandemie vorbereiten konnte. Unklar ist, wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickeln wird und ob die Todeszahlen gerade im Herbst wieder steigen. «Es ist wichtig, dass die Massnahmen von Bund und Kantonen weiterhin gut befolgt werden, um das zu verhindern», heisst es vom BAG. Die aktuelle Lage werde zudem genau beobachtet, um Massnahmen allenfalls anzupassen, damit es nicht zu einem Anstieg der Todesfallzahlen kommt.

«Es gibt einige Entwicklungen, die eine zweite Welle begünstigen.»

Jan Fehr, Infektiologe Universität Zürich

Kollateralnutzen von Corona
Jan Fehr von der Universität Zürich wird konkreter. «Es gibt einige Entwicklungen, die eine zweite Welle begünstigen.» Man habe nun Ferienrückkehrer, die das Virus mitbringen können. Zudem stünden weitere Lockerungen bevor – etwa die geplante Lockerung der 1000er-Grenze bei Veranstaltungen. Und es rücke die kalte Jahreszeit näher. Es ist laut Fehr aber möglich, «dass wir mit den bestehenden Hygiene- und Abstandsmassnahmen sowie einem effizienten Contact Tracing das Virus auch weiterhin unter Kontrolle behalten können, allenfalls auch auf einem relativ hohen Niveau». Ganz verschwinden werde es seiner Meinung nach noch eine Weile nicht. «Wir müssen alle lernen, mit dem Virus zu leben», so Fehr.

Umso wichtiger ist es, dass die Hygienemassnahmen weiterhin konsequent umgesetzt werden. So, dass die Corona-Pandemie trotz aller Kollateralschäden, die sie verursacht, etwas Positives bewirkt. Sprich: Weil sich alle an die Hygienevorgaben halten, gibt es total weniger Infektionskrankheiten und nicht noch mehr Tote.