Zürich wollte mit Genf und Basel mithalten

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 5. Oktober 2017.

Lange war Zürich weder das Wirtschaftszentrum noch die grösste Stadt der Schweiz. Das neue Buch «Zürich – Aufbruch einer Stadt» widmet sich diesem Thema.

1867 soll halb Zürich eine Baustelle gewesen sein. Die Stadt habe mitten in einer Entwicklung gesteckt, die aus dem mittelalterlichen Zürich in wenigen Jahrzehnten eine moderne Stadt mit grosszügigen Boulevards und prächtigen Wohn- und Büropalästen werden liess, schreibt der NZZ-Journalist Adi Kälin in seinem Beitrag für das Buch «Zürich – Aufbruch einer Stadt». Die alte Stadtbefestigung wurde ab 1833 beseitigt, «so richtig systematisch wird die Umwandlung der Stadt aber erst seit 1860 betrieben», hält Kälin fest.

Grund dafür war laut dem Autor ein neues Baukollegium unter dem Vorsitz von Alfred Escher. Dieses wählte Arnold Bürkli zum Stadtingenieur, der Zürich städtebaulich und architektonisch auf das Niveau von Basel und Genf heben wollte. Auch wenn es mancher wohl nicht wahrhaben möchte: Bei der Gründung der Schweiz als Bundesstaat im Jahr 1848 war Zürich weder die grösste Schweizer Stadt noch das wirtschaftliche Zentrum. Die Stadt hatte nur rund 17 000 Einwohner. Im Vergleich dazu: Basel zählte 27 000 Einwohner, in Genf waren es 31 000. Das war vor den Eingemeindungen. Laut Statistik Stadt Zürich waren es damals 41 585 Einwohner, wenn man das gesamte heutige Stadtgebiet betrachtet. Danach sollte sich die Bevölkerungszahl bis 1950 verachtfachen.

Stadtingenieur Bürkli, der von 1833 bis 1894 lebte, war Gemeinderat, Kantonsrat, Nationalrat sowie Zunftmeister der Zunft zur Meisen. Die «NZZ» habe damals in einem Nachruf geschrieben, er sei zu einer gewissen Zeit «einer der populärsten Männer der Stadt» gewesen. Er soll aber wegen umstrittenen Projekten zeitweise auch heftig angefeindet worden sein. Der Bauingenieur plante die Bahnhofbrücke, die Bahnhofstrasse sowie verschiedene Quartiere. Zudem war er federführend bei der Planung und Umsetzung der Kanalisation und Wasserversorgung.

Stadtzunft schenkt sich Buch

«Arnold Bürkli oder die Entdeckung des Mondänen» ist eines der Kapitel im Bildband «Zürich – Aufbruch einer Stadt», welches die grundlegenden Veränderungen dieser Zeit thematisiert. Dazu gehören die Themen Bildung, Kultur, Politik und Wirtschaft, zu denen jeweils ein Beitrag von verschiedenen Autoren beigesteuert wurde. Herausgegeben hat das Werk die Stadtzunft, die 1867 gegründet wurde und 2017 ihr 150-Jahr-Jubiläum feiert. Sie war damit die erste Zunft der insgesamt 14 neuen Zünfte. Diese entstanden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, oftmals im Zusammenhang mit den Eingemeindungen von 1893 sowie 1934. Die zwölf alten Zünfte waren Handwerksvereinigungen und haben ihre Wurzeln im 14. Jahrhundert.

«Zürich – Aufbruch einer Stadt» ist ein schöner Band mit Essays und vielen grosszügig aufgemachten Bildern geworden. Obwohl das Buch als Geschenk der Zunft an sich selbst gesehen werden kann, steht die Zunftgeschichte nicht im Zentrum. Dafür wird dem Aufbruch der Stadt zum modernen Zürich viel Platz eingeräumt: Pionierjahre, deren Geist bis heute nachwirkt.

499 Menschen starben an Cholera

1867 scheint tatsächlich ein Jahr des Aufbruchs gewesen zu sein. Die Russin Nadeschda Suslowa promovierte an der medizinischen Fakultät als erste Frau an der Universität Zürich. Im gleichen Jahr wütete in Zürich und Umgebung die Cholera. 771 Menschen erkrankten daran und 499 starben. Und es entstand die Halle des Hauptbahnhofs. Kein Wunder, beginnt die Einleitung des Buchs folgendermassen: «Es gibt Jahre, in denen derart viel passiert, dass man sich noch lange daran erinnert.» (pw.)

Stadtzunft, Zürich – Aufbruch einer Stadt. NZZ Libro, 2017. 240 Seiten, geb.

Medienqualität: Man feiert sich halt doch gerne selbst

«Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln» (Russ-Mohl, 1992, p. 85). Die Aussage von Russ-Mohl (1992) ist Sinnbild für die Problematik des Qualitätsdiskurses und wird deshalb häufig in der entsprechenden Literatur zitiert (see Engesser, 2013, pp. 42-43; Meier, 2013, p. 234; Rau, 2007, p. 92; Wyss, 2002, p. 95). Die Diskussion darüber geht deshalb auch schon sehr weit zurück. «Dass es schon in der frühen zeitungskundlichen Literatur um Qualitätsfragen ging, das hatte mit einer in der abendländischen Tradition stark normativ geprägten Grundhaltung zu tun» (Wilke, 2003, p. 35). Nun wurde vor zwei Tagen ein Medienqualitätsrating herausgegeben. Aus Sicht der Initianten soll die Bestenliste dazu beitragen, die Medienqualität in der Schweiz zu fördern und das Qualitätsbewusstsein bei den Medien selbst sowie bei den Mediennutzern zu stärken. So weit so gut. Ob der Stifterverein Medienqualität Schweiz sein hehres Ziel jemals erreichen wird, bleibt abzuwarten. Ein Blick in die Resultate zeigt jedoch, dass sich vor allem die alte Garde auf die Schultern klopfen darf.

Die Holzmedien liegen vorne
In der Vergleichsgruppe «Tages- und Onlinezeitungen» schwingen die «NZZ» und die Online-Ausgabe «nzz.ch» obenaus. Qualitativ nur knapp mithalten kann hingegen «Watson.ch». Im Oktober vor einem Jahr hatte das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich zum qualitativ drittbesten Onlineportal der Schweiz gekürt. «Watson.ch» titelt damals selbstironisch: «Jetzt wissenschaftlich bewiesen: watson doch nicht so scheisse wie angenommen». Heute könnte man das «nicht» wohl streichen, sofern man dem neuen Qualitätsrating Glauben schenken will. Wäre die Onlinezeitung jedoch in der Vergleichsgruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» gelandet, stände es nicht so düster um die Platzierung. Dies bestätigen auch die Studienverfasser: «Das mobile Newsportal watson.ch ist im Jahr 2014 mit hohen Ansprüchen gestartet.» Die Onlinezeitung werde denn Ansprüchen jedoch noch nicht gerecht. «Dies ist allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass watson.ch im Vergleich mit den anderen Titeln der Vergleichsgruppe stärker auf einen Mix zwischen Information / Hintergrund und Unterhaltung / leichter Kost setzt.» Im Segment der Pendler- und Boulevardzeitungen hätte «Watson.ch» eine Spitzenplatzierung erreicht.

«Blick» weit abgeschlagen
Regula Stämpfli, Politikwissenschaftlerin, kritisierte auf «Klein Report», dass das Medienqualitätsrating speziell von den Medien unkritisch aufgenommen worden sei. Ehemalige, gegenwärtige und durch Auftragsstudien mit der SRG, NZZ und Tamedia verflochtene Personen hätten hier die Medienqualität der Schweiz bewertet und seien zum Ergebnis gekommen: «Die SRG gewinnt mit ‹Echo der Zeit› unter den Informationsmedien, die NZZ brilliert unter den Zeitungen, knapp gefolgt von Tagi und ‹SonntagsZeitung›.» Es bleibt jedoch anzumerken, dass Stämpfli als Kolumnistin für die Gratiszeitung «Blick am Abend» arbeitet. Und die Blick-Titel sind in der Gruppe Boulevard- und Pendlerzeitungen weit abgeschlagen. Trotzdem lässt sich der Vorwurf nicht ganz von der Hand weisen. Mark Eisenegger, Präsident des Fög, zeichnete sich gemeinsam mit Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Diana Ingenhoff, vom Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Fribourg, für die wissenschaftliche Seite der Studie verantwortlich. Eisenegger und Wyss gelten beide als Verfechter des öffentlichen Rundfunks, also namentlich der SRG. Sowieso war es für die SRG ein Leichtes, die Konkurrenz in der Vergleichsgruppe «Radio- und Fernsehsendungen» hinter sich zu lassen. Acht der zehn untersuchten Angebote waren SRG-Sendungen. Schlusslichter sind die Nicht-SRG-Sendungen «Léman Bleu – Le Journal» und «TeleZüri – ZüriNews». Die SRG erhält mit Abstand am meisten Geld aus dem Gebührentopf.

Die goldene Ananas
Trotzdem ist das neue Medienqualitätsrating eine interessante Ergänzung zum «Jahrbuch Qualität der Medien», welches das Fög jährlich herausgibt. Erstmals wurde auch die Qualitätswahrnehmung des Publikums miteinbezogen. Das kann gerade bei «Watson.ch» einen grossen Einfluss haben, weil viele qualitative Artikel immer noch in den vielen Listicles und Katzenbilder untergehen. Für die Ausgabe 2016 des Medienqualitätsratings wurden 43 Medientitel (Presse, Radio, Fernsehen sowie Online) untersucht. Für das Sample seien nur Medientitel berücksichtigt worden, «die zumindest wöchentlich über ein breites, universelles Themenspektrum unter Einschluss von Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft berichten». Die Berichterstattungsqualität hat man mit einer Inhaltsanalyse gemessen, die Qualitätswahrnehmung mittels zweier Online-Befragungen.

Das goldene «Q» ist eine Art goldene Ananas der Medienqualität. Nur wenn die Schweizer Medien das Qualitätsrating auch ernst nehmen, hat die Auszeichnung mehr als nur ideellen Wert. Dieses Jahr wurde die «NZZ» in der Gruppe «Tages- und Onlinezeitungen», die «NZZ am Sonntag» (Vergleichsgruppe «Sonntagszeitungen und Magazine»), die Online-Ausgabe von «20 Minuten», «20minuten.ch», in der Gruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» und die Informationssendung «SRF Echo der Zeit» bei den Radio- und Fernsehsendungen ausgezeichnet. Es ist geplant, das Ranking im Zwei-Jahres-Rhythmus vorlegen zu können. Die Schlusslichter haben also theoretisch noch Zeit, um in Sachen Qualität aufzuholen.

  • Engesser, S. (2013). Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web: Bausteine für ein integratives theoretisches Konzept und eine explanative empirische Analyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Meier, K. (2013). Journalistik (3rd ed.). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
    Rau, H. (2007). Qualität in einer Ökonomie der Publizistik: Betriebswirtschaftliche Lösungen für die Redaktion. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Ruß-Mohl (1992). Am eigenen Schopfe…: Qualitätssicherung im Journalismus – Grundfragen, Ansätze, Näherungsversuche. Publizistik, 37(1), 83-96.
  • Wilke, J. (2003). Zur Geschichte der journalistischen Qualität. In Hans-Jürgen Bucher, Klaus-Dieter Altmeppen (Eds.): Qualität im Journalismus: Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle (pp. 35-54). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Wyss, V. (2002). Redaktionelles Qualitätsmanagement: Ziele, Normen, Ressourcen. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Wir suchen Antworten auf Fragen, die wir uns selbst schon beantwortet haben

Keine Woche mehr, in dem nicht ein Artikel erscheint, der Tipps für unser Liebesleben bereit hält. Egal ob es die unterschätzten Vorteile eines Lebens als Single sind, das Rezept für das perfekte erste Date ist, oder eine Studie darüber, weshalb die Millennial-Generation angeblich so wenig Sex hat. Übrigens alles von «Welt.de». Herausgesucht in weniger als zwei Minuten. Und «Die Welt» ist keineswegs die einzige Zeitung der Welt, die auf dieser Welle reitet. Selbst die altehrwürdige «NZZ» und auch die englischsprachigen Medien. Von den Erkenntnissen der Wissenschaft im «Business Insider», zu einer Geschichte darüber, wie eine Single Mom aus der Friendzone ausgebrochen ist in der «New York Times». Die «NYT» hat dafür eine eigene, zeitgenössische Kategorie: Modern Love. «A series of weekly reader-submitted essays that explore the joys and tribulations of love.» Die unzähligen Bücher und Videos, die zudem zum Thema Beziehung und Liebe verfügbar sind, lasse ich hier einmal aussen vor. Eins ist jedoch klar, es trifft den Nerv der Zeit.

Und jeder gehört zur Zielgruppe. Ob unsterblich verliebt, bitter enttäuscht oder resigniert bis zur Katatonie. Ob überzeugter Single oder Liebhaber der Tinder-Landschaft. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass wir ständig Bestätigung suchen. Für jeden Fall gibt es mindestens zehn Artikel, in denen man seine eigene Situation wiedererkennt. Man nehme das uralte Erfolgsrezept des Horoskops. Warum haben dir die Persönlichkeitstests in der Bravo damals so viel Freude bereitet? Auch wenn das Resultat generisch sein mag, jeder kann sich zumindest ein wenig damit identifizieren. Es liegt in der menschlichen Natur, sich im metaphorischen Spiegel anschauen zu wollen.

«Prio» ist das Wort des Jahres
Hätte ich das Wort des Jahres 2015 wählen müssen, es wäre «Prio» gewesen. Jeder zweite Bekannte dessen Beziehung in die Brüche ging, meinte, sie hätte keine «Prio», also Priorität, mehr gehabt. Vor einem Monat noch total glücklich, einen Monat später keine Prio mehr. Dann bohrt man ein wenig nach und plötzlich die grosse Offenbarung. Eigentlich hätte es schon Prio gehabt, eigentlich war alles ganz schön, nur dann gab es ein paar kleinere Krisen, man hatte nicht immer Zeit, unter Umständen andere Zukunftsvorstellungen und mindestens eine oder einer der Beteiligten war nicht bereit, sich zumindest etwas anzupassen. Wieso denn auch? In den Zeiten von Dating-Apps findet man schnell wieder jemanden, der vermeintlich weniger von der Idealvorstellung abweicht. The grass is always greener, sagt man ja so schön. You idiot. Und natürlich ist da dann auch schon der nächste Artikel, der bestätigt, dass einfach die ganze Generation unfähig ist, sich zu binden. Warum meine Generation zu blöd für die Liebe ist oder warum die Generation Y so unglücklich ist sind nur die Spitze des Eisbergs. Alle nett zu lesen, alle kreisen um das Thema, nur kommen sie nicht auf den wesentlichen Punkt.

Glück und andere Satiren
Glücklich ist man nicht dann, wenn man seine Sonnenmomente auf Instagram oder Snapchat postet und viele Likes dafür bekommt. Glück ist eine Einstellung. Es befindet sich grundsätzlich genau in den Zwischenräumen, die alles andere als «instagramable» sind. Denke zurück an die besten Tage deines Lebens. Wahrscheinlich warst du mehr damit beschäftigt, den Moment zu geniessen, als diesen brühwarm deinen 1000 Followers mitzuteilen. Genauso verhält es sich mit dem Verliebtsein. Abgesehen von den ganzen Hormonen und der Chemie ist das Wort Liebe etwas künstliches – oft in der sozialen Arena hochgepriesen. Aber was ist es schlussendlich wirklich? Eine Entscheidung, die man immer wieder von neuem treffen muss.

Kein Ersatz für Investition
«Friends with benefits» ist das Beziehungslabel des Jahrzehnts. Jedoch ist es in Realität oft nur eine andere Bezeichnung für «Ich will mich nicht entscheiden oder der andere will mich einfach nicht genug». Nur will man sich das nicht anhören. Angenommen, du möchtest grundsätzlich eine Beziehung, führt diese Beziehungsart nur zu Enttäuschungen. Der letzte Flirt mag zu nichts geführt haben, ausser zu einem gebrochenen Herzen. Meine Erfahrung ist, dass es angenehmer ist, nichts zu tun und sich in seinem Schmerz zu suhlen, als das Selbstmitleid endlich auf die Seite zu schieben. Vor Schmerz kann man sich nicht schützen, aber man kann sich Mühe geben und an einer Beziehung arbeiten.

Doch was haben Ratgeber damit zu tun? Sie sind wie gute Freunde, die uns von Anfang an sagen, was wir schon selber wissen. Vielleicht, dass aus einer Verliebtheit oder einer Beziehung sowieso nichts wird, oder dass es noch einen passenderen Partner dort draussen gibt. Nur ist dieses ersehnte Liebesglück mehr selbst kreiert als wir es gerne hätten. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube (Goethes Faust). Wir wollen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für unser Leben, gleichzeitig eine Ablenkung von der Realität, der wir nicht gerne in die Augen sehen. Und weil wir die Artikel lesen, die uns ansprechen, ist der Lerneffekt gering. Wir lesen, was wir lesen wollen. Die Kognitionspsychologie hat einen Namen dafür: «confirmation bias» oder Bestätigungsfehler. Es ist die Tendenz, Information so aufzunehmen, zu suchen und zu interpretieren, damit diese die eigenen Erwartungen erfüllen. Manchmal wäre es schon einfacher, an etwas zu arbeiten, oder sich auf etwas einzulassen. Eigentlich. Aber dann müsste man ja über den eigenen Schatten springen, sich jemandem öffnen, verletzbar werden, seine eigenen Wünsche etwas zurückstellen. Und wer will das schon?

Pascal Wiederkehr, B.A. ZFH in Kommunikation mit Vertiefung in Journalismus
Stephanie Turin, M.Sc. in Klinischer und Gesundheitspsychologie, Universität Zürich

Zeitungstitel verschwinden nicht einfach so, dazu tragen wir alle gemeinsam bei

Die Schweiz soll einst als Land mit der weltweit höchsten Zeitungsdichte gegolten haben. Heute hat sich das schon ziemlich relativiert. 2014 verfasste Catherine Duttweiler in der «Zeit» dazu einen Warnruf: «Ein starker Lokaljournalismus kontrolliert als vierte Gewalt die lokalen Würdenträger. Doch die großen Verlage untergraben diese Grundlage unserer Demokratie.»

Immer mehr kleinere Zeitungen werden eingestellt oder verlieren ihre Eigenständigkeit. Ein Grund dafür: die grossen Verlage suchen nach Synergien. So erscheinen seit 2011 die Tageszeitungen «Zürcher Oberländer», «Landbote», «Zürichsee-Zeitung» und «Zürcher Unterländer» mit einem gemeinsamen Zeitungsmantel, der anfänglich noch vom «Landboten» in Winterthur, und nun von der «Berner Zeitung» geliefert wird. Das heisst im Klartext: Der lokale Teil entsteht noch lokal, alles andere stammt aus Bern. Aktuell noch eigenständig, aber immerhin bald schon mit gleichem Redaktionssystem, sind indes das «St. Galler Tagblatt» und die «Neue Luzerner Zeitung». Laut «persoenlich.com» rücken die zum gleichen Verlag gehörenden Zeitungen näher zusammen. «So soll in Zukunft das Layout und das Redaktionssystem der regionalen Ausgabe der beiden Zeitungen einheitlich sein.» Zudem haben sie einen gemeinsamen Chefredaktor erhalten. Zu beiden Zeitungen gehören verschiedene regionale Titel, die im Kopfblatt-Mantel-System erscheinen. Beim «St. Galler Tagblatt» sind es unter anderem die «Appenzeller Zeitung», die «Wiler Zeitung», oder die «Thurgauer Zeitung», bei der «NLZ» die «Neue Zuger Zeitung» oder die «Neue Urner Zeitung». Langfristig ist ein gemeinsamer Mantel für die insgesamt 14 Regionaltitel geplant.

Doch die Verlage sind nicht einfach die Bösen: Natürlich kann man monieren, dass die Vielfalt wegen der Suche nach Einsparmöglichkeiten verschwindet. Ein Grund dafür, dass diese Einsparungen überhaupt nötig werden, liegt bei der «Bezahlfaulheit» der Leser. Wenn ich in meinem Umfeld nachfrage, welche Zeitungen gelesen werden, dann liegen die Gratismedien (Print und Online) ganz weit vorne. Man informiert sich kostenlos online oder mit einer Gratiszeitung im öffentlichen Verkehr. Ein Abo hat praktisch keiner mehr. Es sind also beide Seiten, die am Rückgang Schuld sind: Einerseits die Verlage, die nicht mehr nur aus «noblen Gründen» Zeitung machen und teilweise ihren Umsatz gar nicht mehr mit ihrem ursprünglichen Kerngeschäft erwirtschaften und andererseits die Leser, die sich mit ihrem Hang zur «Gratiskultur» keine Zeitungsabonnemente mehr leisten.

Gerade Regional- und Lokalzeitungen sind auf die lokale Verankerung angewiesen. Sie sind für das lokale Gewerbe die einfachste Möglichkeit, die lokale Kundschaft zu erreichen. Wenn aber dieser Werbemarkt durch mangelnde Leser schwindet, dann bedeutet dies über Kurz oder Lang das Ende der Zeitungstitel. Das geht dann in die gleiche Richtung, wenn man das Verschwinden der kleinen Läden in den Innenstädten betrauert, aber nur bei den grossen Ketten oder im Internet einkauft.

Von Kunduz, über Super-Bayern und Charlotte Roche, zu neuen Smartphones mit Windows 10 und vielen, vielen GIFs. Trotzdem ist Watson.ch qualitativ überdurchschnittlich gut

Man kann es kaum glauben: Eine Newsportal, auf dem sich die guten Artikel hinter vielen GIFs, Listicles und Soft News verstecken, ist das qualitativ drittbeste Onlineportal der Deutschschweiz. Die Rede ist von «Watson.ch». Die farbenfrohste Online-Zeitung der Welt, wie ich sie auch schon genannt habe, hat sich gemacht. Was man als Leser in den letzten Monaten selbst beobachten konnte, wies nun das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich nach. «Watson.ch positioniert sich in der Deutschschweizer Medienarena qualitativ zwar hinter den Qualitätsflaggschiffen nzz.ch und tagesanzeiger.ch, aber deutlich vor den Newssites der Boulevard- und Gratismedien», so das fög. Laut dem Auszug aus dem diesjährigen «Jahrbuch Qualität der Medien» des fögs, profitiere Watson.ch «dabei mitunter vom Abdruck der Ausland-Beiträge von Spiegel Online».

Watson.ch selbst nahm es mit Humor und titelte: «Jetzt wissenschaftlich bewiesen: watson doch nicht so scheisse wie angenommen».

Für mich ist das noch junge Newsportal vor allem auf dem Smartphone interessant. Da stört es nicht so, dass die Einstiegsseite der Online-Zeitung hauptsächlich aus grossen Bildern besteht. Die vielen interessanten Hard News und Kommentare verschwinden leider noch immer zu oft unter der Flut von unwichtigem Klatsch und Tratsch. Aber so wie sich Watson.ch seit seiner Gründung entwickelt hat, kann man nur positiv in die Zukunft schauen. Die Mischung aus politischer Berichterstattung, Listicles, Quiz und spannenden Hintergrundartikeln scheint auch beim Publikum anzukommen. Und wer im Zug oder Tram sitzt, und gerade etwas Zeit hat, kann sie ganz schnell mit dem Picdump verschwenden.

Wer gehört zu wem?

Screenshot NZZ.ch Lobbying im Bundeshaus
Screenshot NZZ.ch Lobbying im Bundeshaus

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat die Interessenbindungen der Parlamentarier in Bundesbern visualisiert. Die interaktive Grafik basiert auf der offiziellen Liste der zum National- und Ständerat Zutrittsberechtigten. «Jedes Ratsmitglied kann 2 Personen (Gast – Familienmitglieder, Freund/in, Lebenspartner/in, usw. -, Persönliche/r Mitarbeiter/in, Interessenvertreter/in) Zutritt zu den nicht öffentlichen Bereichen des Parlamentsgebäudes ermöglichen», steht auf der offiziellen Seite des Parlaments. Zusätzlich hat die NZZ die Daten des Handelsregisters mit Stand 12. Februar 2014 ausgewertet und die Ergebnisse zur Darstellung der Interessenbindungen mit den Personen verknüpft.

NZZ: Lobbying im Bundeshaus

War sicher eine Heidenarbeit und lässt etwas tiefer in den Interessen-Dschungel blicken. Ich finde es supergeil. 😉

Informiert wie ein Regenwurm

“Ich bin informiert wie ein Regenwurm, ich weiss nur ob es gerade regnet.”

Mit diesem Satz hat mich heute im Zug ein Kollege amüsiert, als ich gerade in einer gedruckten “20 Minuten” blätterte, und er wild auf seinem Smartphone tippte.

Gratiszeitungen eignen sich zur raschen Informationen, in einfacher Form werden die wichtigen und unwichtigen Geschehnisse des letzten Tages versprachlicht. Dass sich viele nur noch über solche Gratiszeitungen (gedruckt oder online) informieren, und anspruchsvollere Publikationen eher selten lesen, wirkt sich stark auf die Unterhaltungen zwischen den Menschen aus. So weiss zwar jeder, dass Hayden Panettiere im Bikini ihren Strandurlaub genoss, die wenigsten haben jedoch vom ersten globalen Waffenhandelsabkommen gelesen. Sind wir ehrlich: Hayden Panettiere macht visuell auch mehr her als Ban Ki Moon.

Wenn nicht gerade ein Atomkraftwerk havariert, dann sind lokale Nachrichten meist auch spannender. Von lokalen und globalen Nachrichten werden wir jedoch überschwemmt. Man kann mit dieser Flut umgehen wie man will, die einen wissen über jedes Ereignis Bescheid, andere verhalten sich wie Regenwürmer.

In der letzten Zeit kaufe ich mir stets den “Spiegel”, weil ich gerne die Hintergründe zu den wirklich wichtigen Themen erfahre, und nicht unbedingt alles wissen muss. Ich möchte kein Regenwurm sein, aber auch nicht alles um mich herum aufsaugen wie ein Schwamm. Ich hab mich deshalb auch noch nicht für ein (Online)-Abo einer Tageszeitung durchringen können. Wenn schon möchte ich selektiv, die für mich wichtigsten, Artikel bei verschiedenen Tageszeitungen lesen können – doch das kostet teures Geld. Wie viel ist anspruchsvolle Information also wert, oder reichen die kurzen Zusammenfassungen von Boulevard-, oder Gratiszeitungen?