Wie ich versuche meine Branche zu retten – Schritt 1

Seit kurzem bin ich Abonnent des «National Geographics». Also richtig, mit Rechnung (eigentlich Kreditkarte) und so. Doch weshalb schreibe ich das? Aus einem einfachen Grund: Ob «Tages-Anzeiger», «Neue Zürcher Zeitung», «Die Welt», «The New York Times» oder «The Washington Post», kaum hat der Monat angefangen, ist es immer dasselbe – ich stehe vor der Paywall. «You have reached your article limit» muss ich dann bei der «NY Times» ziemlich klein lesen. Deutlich grösser dafür: «Discover the truth with us». Diese sogenannte Metered Paywall erlaubt es, eine gewisse Anzahl Artikel kostenlos zu lesen, bevor man bezahlen muss. Im Gegensatz dazu stellte beispielsweise «Die Welt» letztes Jahr auf ein Modell mit kostenlosen Artikeln sowie Bezahlinhalten um – es nennt sich «WeltPlus». Bei «Spiegel Online» kennt man dieses Modell auch und nennt es treffenderweise «Spiegel Plus». Und jetzt ratet mal, wie es bei «Bild» heisst. Ja, richtig geraten. «BILDplus».

Deutlich kreativer ist da die «TAZ». Sie nennt das ganze «Pay-Wahl», weil man wählen kann, ob man zahlen will. Gekonnt schwingt die «TAZ» deshalb die Moralkeule. «Erst wenn der letzte Text kostenpflichtig, die letzte Neuigkeit ausgedacht, der letzte Beitrag gesponsert ist, werdet ihr feststellen, dass man Katzenvideos nicht lesen kann!» und darunter ein Button-mit-Herz und der Aufschrift «Ja, ich will.» Und ich klicke mit etwas schlechtem Gewissen auf «Gerade nicht/continue reading».

Noch besser hat es das Magazin «Republik» gemacht, sich mit einem Crowdfunding 13’845 Abonnenten an Bord geholt sowie 3’450’183 Franken gesammelt. Nota bene, ohne bisher einen einzigen Artikel veröffentlicht zu haben. Das Magazin wird erst im Januar 2018 starten.

Der Wikinger, der mich anlächelte
Es fällt mir ehrlich gesagt einfach schwer, für etwas zu bezahlen, was ich mit wenigen Mausklicks auch anderswo kostenlos erhalte. Aber nun stehe ich doch kurz davor, bei gewissen Zeitungen zumindest ein Digital-Abo zu lösen. Zum einen, weil es neuerdings deutlich flexiblere Abo-Varianten gibt, zum anderen, weil es doch seltsam ist, wenn man beim Untergang seiner eigenen Branche mithilft.

Aber wieso dann gerade «National Geographic»? Nun, als ich kürzlich in King City, Kalifornien, an der Kasse im RiteAid stand, lächelte mich der Wikinger auf dem Cover geradezu verlockend an. Fünf Wochen später zehre ich noch immer von der Ausgabe.  Ich lese – wie viele in meinem Umfeld – dort wo es gerade am interessantesten ist. Während man also früher eine regionale und im besten Fall auch noch eine nationale Zeitung abonniert hatte, konsumiert heute kaum mehr einer nur ein einzelnes Medium. Da hilft es auch nicht, wenn man zur Generation Y gehört. «Wir wollen lieber nicht – oder doch?» wurde einmal ein Artikel zu dieser Generation in der «FAZ» betitelt. Genau diese Generation sollte Blendle nutzen.

Für kleines Geld können dort am Computer, oder über iOS und Android einzelne Artikel aus über 100 verschiedenen Titeln abgerufen werden. Mehrheitlich stehen im Online-Kiosk deutschsprachige sowie niederländische Zeitungen und Zeitschriften zur Auswahl, aber auch internationale wie das «Time Magazine», «The New York Times», «The Washington Post», «Los Angeles Times» oder «The New Yorker». Die Verlage legen die Preise selbst fest, in der Regel liegen sie so zwischen 15 Cent bis zu 1.99 Euro. Wer pro Ausgabe für Artikel mehr ausgibt, als die gesamte Ausgabe kosten würde, dem berechnet Blendle nur den Preis für die einzelne Ausgabe. Wem ein Artikel nicht gefällt, kann sich sein Geld sogar noch bis zu 24 Stunden nach dem Kauf rückerstatten lassen. Einziger Wermutstropfen: aus der Schweiz scheinen nur die «Neue Zürcher Zeitung», die «NZZ am Sonntag» und das «NZZ Folio» sowie das Magazin «Reportagen» dabei zu sein. Don’t quote me.

Auch «National Geographic» ist (noch) nicht im Angebot. Muss es auch nicht, ich hab ja jetzt ein Print- und Digital-Abo.


Themenbezogene Interessen (-bindung) des Autors

Der Journalist Pascal Wiederkehr nutzt Blendle, aber bisher unregelmässig. Er hat kein Geld erhalten, um Blendle zu bewerben.

Medienqualität: Man feiert sich halt doch gerne selbst

«Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln» (Russ-Mohl, 1992, p. 85). Die Aussage von Russ-Mohl (1992) ist Sinnbild für die Problematik des Qualitätsdiskurses und wird deshalb häufig in der entsprechenden Literatur zitiert (see Engesser, 2013, pp. 42-43; Meier, 2013, p. 234; Rau, 2007, p. 92; Wyss, 2002, p. 95). Die Diskussion darüber geht deshalb auch schon sehr weit zurück. «Dass es schon in der frühen zeitungskundlichen Literatur um Qualitätsfragen ging, das hatte mit einer in der abendländischen Tradition stark normativ geprägten Grundhaltung zu tun» (Wilke, 2003, p. 35). Nun wurde vor zwei Tagen ein Medienqualitätsrating herausgegeben. Aus Sicht der Initianten soll die Bestenliste dazu beitragen, die Medienqualität in der Schweiz zu fördern und das Qualitätsbewusstsein bei den Medien selbst sowie bei den Mediennutzern zu stärken. So weit so gut. Ob der Stifterverein Medienqualität Schweiz sein hehres Ziel jemals erreichen wird, bleibt abzuwarten. Ein Blick in die Resultate zeigt jedoch, dass sich vor allem die alte Garde auf die Schultern klopfen darf.

Die Holzmedien liegen vorne
In der Vergleichsgruppe «Tages- und Onlinezeitungen» schwingen die «NZZ» und die Online-Ausgabe «nzz.ch» obenaus. Qualitativ nur knapp mithalten kann hingegen «Watson.ch». Im Oktober vor einem Jahr hatte das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich zum qualitativ drittbesten Onlineportal der Schweiz gekürt. «Watson.ch» titelt damals selbstironisch: «Jetzt wissenschaftlich bewiesen: watson doch nicht so scheisse wie angenommen». Heute könnte man das «nicht» wohl streichen, sofern man dem neuen Qualitätsrating Glauben schenken will. Wäre die Onlinezeitung jedoch in der Vergleichsgruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» gelandet, stände es nicht so düster um die Platzierung. Dies bestätigen auch die Studienverfasser: «Das mobile Newsportal watson.ch ist im Jahr 2014 mit hohen Ansprüchen gestartet.» Die Onlinezeitung werde denn Ansprüchen jedoch noch nicht gerecht. «Dies ist allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass watson.ch im Vergleich mit den anderen Titeln der Vergleichsgruppe stärker auf einen Mix zwischen Information / Hintergrund und Unterhaltung / leichter Kost setzt.» Im Segment der Pendler- und Boulevardzeitungen hätte «Watson.ch» eine Spitzenplatzierung erreicht.

«Blick» weit abgeschlagen
Regula Stämpfli, Politikwissenschaftlerin, kritisierte auf «Klein Report», dass das Medienqualitätsrating speziell von den Medien unkritisch aufgenommen worden sei. Ehemalige, gegenwärtige und durch Auftragsstudien mit der SRG, NZZ und Tamedia verflochtene Personen hätten hier die Medienqualität der Schweiz bewertet und seien zum Ergebnis gekommen: «Die SRG gewinnt mit ‹Echo der Zeit› unter den Informationsmedien, die NZZ brilliert unter den Zeitungen, knapp gefolgt von Tagi und ‹SonntagsZeitung›.» Es bleibt jedoch anzumerken, dass Stämpfli als Kolumnistin für die Gratiszeitung «Blick am Abend» arbeitet. Und die Blick-Titel sind in der Gruppe Boulevard- und Pendlerzeitungen weit abgeschlagen. Trotzdem lässt sich der Vorwurf nicht ganz von der Hand weisen. Mark Eisenegger, Präsident des Fög, zeichnete sich gemeinsam mit Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Diana Ingenhoff, vom Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Fribourg, für die wissenschaftliche Seite der Studie verantwortlich. Eisenegger und Wyss gelten beide als Verfechter des öffentlichen Rundfunks, also namentlich der SRG. Sowieso war es für die SRG ein Leichtes, die Konkurrenz in der Vergleichsgruppe «Radio- und Fernsehsendungen» hinter sich zu lassen. Acht der zehn untersuchten Angebote waren SRG-Sendungen. Schlusslichter sind die Nicht-SRG-Sendungen «Léman Bleu – Le Journal» und «TeleZüri – ZüriNews». Die SRG erhält mit Abstand am meisten Geld aus dem Gebührentopf.

Die goldene Ananas
Trotzdem ist das neue Medienqualitätsrating eine interessante Ergänzung zum «Jahrbuch Qualität der Medien», welches das Fög jährlich herausgibt. Erstmals wurde auch die Qualitätswahrnehmung des Publikums miteinbezogen. Das kann gerade bei «Watson.ch» einen grossen Einfluss haben, weil viele qualitative Artikel immer noch in den vielen Listicles und Katzenbilder untergehen. Für die Ausgabe 2016 des Medienqualitätsratings wurden 43 Medientitel (Presse, Radio, Fernsehen sowie Online) untersucht. Für das Sample seien nur Medientitel berücksichtigt worden, «die zumindest wöchentlich über ein breites, universelles Themenspektrum unter Einschluss von Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft berichten». Die Berichterstattungsqualität hat man mit einer Inhaltsanalyse gemessen, die Qualitätswahrnehmung mittels zweier Online-Befragungen.

Das goldene «Q» ist eine Art goldene Ananas der Medienqualität. Nur wenn die Schweizer Medien das Qualitätsrating auch ernst nehmen, hat die Auszeichnung mehr als nur ideellen Wert. Dieses Jahr wurde die «NZZ» in der Gruppe «Tages- und Onlinezeitungen», die «NZZ am Sonntag» (Vergleichsgruppe «Sonntagszeitungen und Magazine»), die Online-Ausgabe von «20 Minuten», «20minuten.ch», in der Gruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» und die Informationssendung «SRF Echo der Zeit» bei den Radio- und Fernsehsendungen ausgezeichnet. Es ist geplant, das Ranking im Zwei-Jahres-Rhythmus vorlegen zu können. Die Schlusslichter haben also theoretisch noch Zeit, um in Sachen Qualität aufzuholen.

  • Engesser, S. (2013). Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web: Bausteine für ein integratives theoretisches Konzept und eine explanative empirische Analyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Meier, K. (2013). Journalistik (3rd ed.). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
    Rau, H. (2007). Qualität in einer Ökonomie der Publizistik: Betriebswirtschaftliche Lösungen für die Redaktion. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Ruß-Mohl (1992). Am eigenen Schopfe…: Qualitätssicherung im Journalismus – Grundfragen, Ansätze, Näherungsversuche. Publizistik, 37(1), 83-96.
  • Wilke, J. (2003). Zur Geschichte der journalistischen Qualität. In Hans-Jürgen Bucher, Klaus-Dieter Altmeppen (Eds.): Qualität im Journalismus: Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle (pp. 35-54). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Wyss, V. (2002). Redaktionelles Qualitätsmanagement: Ziele, Normen, Ressourcen. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Saure-Gurken-Zeit: Aber nicht (unbedingt) im Lokaljournalismus

Saure-Gurken-Zeit, Sommerloch, Silly season – man kann sie nennen wie man will, die Zeit im Sommer, in der so wenig los ist, dass in den Redaktionen jede Medienmitteilung sehnlichst erwartet und auch wirklich gelesen wird. Dies im Unterschied zur sonst überquellenden Mailbox, in der man vor lauter Nachrichten von Behörden, kulturelle Einrichtungen, Parteien und Unternehmen leicht den Überblick verliert. Clevere Organisation, Künstler oder Lobbyisten nutzen die Zeit, um sich ins Gespräch zu bringen, auf die Gefahr hin, weniger Publikum zu erreichen, weil dieses im Urlaub weilt.

Glücklicherweise gab es diesen Sommer den Mega-Hype um Pokémon Go, der viele Redaktionen dank teilweise übertriebener Berichterstattung durch die Sommerflaute gebracht hat. Auch an der Lokalinfo, dem Verlagshaus für Zürcher Quartier- und Lokalzeitungen, bei dem ich arbeite, ging das Pokémon-Fieber nicht gänzlich vorbei. Was teilweise auch dem Umstand geschuldet war, dass ich die App gerne ausprobiert habe und selbst heute noch zwischendurch spiele. Doch daneben gab es einige  Highlights aus unserer kleinen Redaktion – trotz Sommerloch. Darunter der Artikel über den angedachten Velotunnel am Bellevue, den auch unsere Kollegen von der Gratiszeitung «20 Minuten» übernommen haben. Oder den Artikel über einen falschen «Kapitän», der sich als Mitarbeiter der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft ausgibt. Auch diese Geschichte wurde von «20 Minuten» und selbst dem «Tages-Anzeiger» gerne aufgenommen.

Auf vermeintliche Sensationsmeldungen ohne Nachrichtenwert konnten wir verzichten. Man muss jedoch fairerweise hinzufügen, dass man als Wochenzeitung schon grundsätzlich den Vorteil hat, nicht über alles und mit deutlich weniger Zeitdruck berichten zu müssen. Zudem erscheinen die Stadtzürcher Titel der Lokalinfo im August nur zweiwöchentlich. Trotzdem waren wir teilweise froh über vorbereitete, relativ zeitlose Artikel wie beispielsweise Künstlerporträts, die in unseren verschiedenen Titeln Verwendung fanden, wenn wegen dem Sommerloch genügend aktuelle Themen fehlten. Gerade das Internet hat das Problem der nachrichtenarmen Zeit im Sommer noch verstärkt. Immerhin fanden dieses Jahr die Fussball-Europameisterschaften und die Olympischen Sommerspiele statt. Man stelle sich vor, über was die Medien sonst hätten berichten müssen.

Wir suchen Antworten auf Fragen, die wir uns selbst schon beantwortet haben

Keine Woche mehr, in dem nicht ein Artikel erscheint, der Tipps für unser Liebesleben bereit hält. Egal ob es die unterschätzten Vorteile eines Lebens als Single sind, das Rezept für das perfekte erste Date ist, oder eine Studie darüber, weshalb die Millennial-Generation angeblich so wenig Sex hat. Übrigens alles von «Welt.de». Herausgesucht in weniger als zwei Minuten. Und «Die Welt» ist keineswegs die einzige Zeitung der Welt, die auf dieser Welle reitet. Selbst die altehrwürdige «NZZ» und auch die englischsprachigen Medien. Von den Erkenntnissen der Wissenschaft im «Business Insider», zu einer Geschichte darüber, wie eine Single Mom aus der Friendzone ausgebrochen ist in der «New York Times». Die «NYT» hat dafür eine eigene, zeitgenössische Kategorie: Modern Love. «A series of weekly reader-submitted essays that explore the joys and tribulations of love.» Die unzähligen Bücher und Videos, die zudem zum Thema Beziehung und Liebe verfügbar sind, lasse ich hier einmal aussen vor. Eins ist jedoch klar, es trifft den Nerv der Zeit.

Und jeder gehört zur Zielgruppe. Ob unsterblich verliebt, bitter enttäuscht oder resigniert bis zur Katatonie. Ob überzeugter Single oder Liebhaber der Tinder-Landschaft. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass wir ständig Bestätigung suchen. Für jeden Fall gibt es mindestens zehn Artikel, in denen man seine eigene Situation wiedererkennt. Man nehme das uralte Erfolgsrezept des Horoskops. Warum haben dir die Persönlichkeitstests in der Bravo damals so viel Freude bereitet? Auch wenn das Resultat generisch sein mag, jeder kann sich zumindest ein wenig damit identifizieren. Es liegt in der menschlichen Natur, sich im metaphorischen Spiegel anschauen zu wollen.

«Prio» ist das Wort des Jahres
Hätte ich das Wort des Jahres 2015 wählen müssen, es wäre «Prio» gewesen. Jeder zweite Bekannte dessen Beziehung in die Brüche ging, meinte, sie hätte keine «Prio», also Priorität, mehr gehabt. Vor einem Monat noch total glücklich, einen Monat später keine Prio mehr. Dann bohrt man ein wenig nach und plötzlich die grosse Offenbarung. Eigentlich hätte es schon Prio gehabt, eigentlich war alles ganz schön, nur dann gab es ein paar kleinere Krisen, man hatte nicht immer Zeit, unter Umständen andere Zukunftsvorstellungen und mindestens eine oder einer der Beteiligten war nicht bereit, sich zumindest etwas anzupassen. Wieso denn auch? In den Zeiten von Dating-Apps findet man schnell wieder jemanden, der vermeintlich weniger von der Idealvorstellung abweicht. The grass is always greener, sagt man ja so schön. You idiot. Und natürlich ist da dann auch schon der nächste Artikel, der bestätigt, dass einfach die ganze Generation unfähig ist, sich zu binden. Warum meine Generation zu blöd für die Liebe ist oder warum die Generation Y so unglücklich ist sind nur die Spitze des Eisbergs. Alle nett zu lesen, alle kreisen um das Thema, nur kommen sie nicht auf den wesentlichen Punkt.

Glück und andere Satiren
Glücklich ist man nicht dann, wenn man seine Sonnenmomente auf Instagram oder Snapchat postet und viele Likes dafür bekommt. Glück ist eine Einstellung. Es befindet sich grundsätzlich genau in den Zwischenräumen, die alles andere als «instagramable» sind. Denke zurück an die besten Tage deines Lebens. Wahrscheinlich warst du mehr damit beschäftigt, den Moment zu geniessen, als diesen brühwarm deinen 1000 Followers mitzuteilen. Genauso verhält es sich mit dem Verliebtsein. Abgesehen von den ganzen Hormonen und der Chemie ist das Wort Liebe etwas künstliches – oft in der sozialen Arena hochgepriesen. Aber was ist es schlussendlich wirklich? Eine Entscheidung, die man immer wieder von neuem treffen muss.

Kein Ersatz für Investition
«Friends with benefits» ist das Beziehungslabel des Jahrzehnts. Jedoch ist es in Realität oft nur eine andere Bezeichnung für «Ich will mich nicht entscheiden oder der andere will mich einfach nicht genug». Nur will man sich das nicht anhören. Angenommen, du möchtest grundsätzlich eine Beziehung, führt diese Beziehungsart nur zu Enttäuschungen. Der letzte Flirt mag zu nichts geführt haben, ausser zu einem gebrochenen Herzen. Meine Erfahrung ist, dass es angenehmer ist, nichts zu tun und sich in seinem Schmerz zu suhlen, als das Selbstmitleid endlich auf die Seite zu schieben. Vor Schmerz kann man sich nicht schützen, aber man kann sich Mühe geben und an einer Beziehung arbeiten.

Doch was haben Ratgeber damit zu tun? Sie sind wie gute Freunde, die uns von Anfang an sagen, was wir schon selber wissen. Vielleicht, dass aus einer Verliebtheit oder einer Beziehung sowieso nichts wird, oder dass es noch einen passenderen Partner dort draussen gibt. Nur ist dieses ersehnte Liebesglück mehr selbst kreiert als wir es gerne hätten. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube (Goethes Faust). Wir wollen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für unser Leben, gleichzeitig eine Ablenkung von der Realität, der wir nicht gerne in die Augen sehen. Und weil wir die Artikel lesen, die uns ansprechen, ist der Lerneffekt gering. Wir lesen, was wir lesen wollen. Die Kognitionspsychologie hat einen Namen dafür: «confirmation bias» oder Bestätigungsfehler. Es ist die Tendenz, Information so aufzunehmen, zu suchen und zu interpretieren, damit diese die eigenen Erwartungen erfüllen. Manchmal wäre es schon einfacher, an etwas zu arbeiten, oder sich auf etwas einzulassen. Eigentlich. Aber dann müsste man ja über den eigenen Schatten springen, sich jemandem öffnen, verletzbar werden, seine eigenen Wünsche etwas zurückstellen. Und wer will das schon?

Pascal Wiederkehr, B.A. ZFH in Kommunikation mit Vertiefung in Journalismus
Stephanie Turin, M.Sc. in Klinischer und Gesundheitspsychologie, Universität Zürich

Guinea ist seit heute Ebola-frei. Hä? Ist das nicht schon 2000-and-late?

Jetzt ist es offiziell: Das westafrikanische Land Guinea ist Ebola-frei. Dies teilte heute die World Health Organization (WHO) mit. «Today the World Health Organization (WHO) declares the end of Ebola virus transmission in the Republic of Guinea. Forty-two days have passed since the last person confirmed to have Ebola virus disease tested negative for the second time», schreibt die WHO. Übrigens: Schon im Januar hatte die WHO Westafrika für Ebola-frei erklärt, aber wirklich mitgekriegt hat das niemand. Nachdem die Epidemie 2014 ständig in den Medien war, reichte es in der letzten Zeit nicht mehr für die grosse Medienbühne. Andere Themen wie die Terroranschläge in Europa, der Krieg in Syrien oder noch viel wichtiger der Erdogan-Streit, hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Passend dazu schrieb «Die Zeit» im letzten August: «Ebola ist in Afrika nicht besiegt. Doch die Welt hat keine Lust mehr, sich damit zu beschäftigen.»

Ich möchte hier aber eigentlich kein Gejammer über die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Medienwelt beginnen. Dafür möchte ich euch einen Artikel präsentieren, den ich im Herbst 2014 als Semesterarbeit verfassen musste und der nie veröffentlicht wurde. Ich bin kürzlich wieder auf ihn gestossen und die WHO hat mir heute passenderweise den Aufhänger geliefert. Zum Artikel gehört auch eine Infografik:

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Zeitungstitel verschwinden nicht einfach so, dazu tragen wir alle gemeinsam bei

Die Schweiz soll einst als Land mit der weltweit höchsten Zeitungsdichte gegolten haben. Heute hat sich das schon ziemlich relativiert. 2014 verfasste Catherine Duttweiler in der «Zeit» dazu einen Warnruf: «Ein starker Lokaljournalismus kontrolliert als vierte Gewalt die lokalen Würdenträger. Doch die großen Verlage untergraben diese Grundlage unserer Demokratie.»

Immer mehr kleinere Zeitungen werden eingestellt oder verlieren ihre Eigenständigkeit. Ein Grund dafür: die grossen Verlage suchen nach Synergien. So erscheinen seit 2011 die Tageszeitungen «Zürcher Oberländer», «Landbote», «Zürichsee-Zeitung» und «Zürcher Unterländer» mit einem gemeinsamen Zeitungsmantel, der anfänglich noch vom «Landboten» in Winterthur, und nun von der «Berner Zeitung» geliefert wird. Das heisst im Klartext: Der lokale Teil entsteht noch lokal, alles andere stammt aus Bern. Aktuell noch eigenständig, aber immerhin bald schon mit gleichem Redaktionssystem, sind indes das «St. Galler Tagblatt» und die «Neue Luzerner Zeitung». Laut «persoenlich.com» rücken die zum gleichen Verlag gehörenden Zeitungen näher zusammen. «So soll in Zukunft das Layout und das Redaktionssystem der regionalen Ausgabe der beiden Zeitungen einheitlich sein.» Zudem haben sie einen gemeinsamen Chefredaktor erhalten. Zu beiden Zeitungen gehören verschiedene regionale Titel, die im Kopfblatt-Mantel-System erscheinen. Beim «St. Galler Tagblatt» sind es unter anderem die «Appenzeller Zeitung», die «Wiler Zeitung», oder die «Thurgauer Zeitung», bei der «NLZ» die «Neue Zuger Zeitung» oder die «Neue Urner Zeitung». Langfristig ist ein gemeinsamer Mantel für die insgesamt 14 Regionaltitel geplant.

Doch die Verlage sind nicht einfach die Bösen: Natürlich kann man monieren, dass die Vielfalt wegen der Suche nach Einsparmöglichkeiten verschwindet. Ein Grund dafür, dass diese Einsparungen überhaupt nötig werden, liegt bei der «Bezahlfaulheit» der Leser. Wenn ich in meinem Umfeld nachfrage, welche Zeitungen gelesen werden, dann liegen die Gratismedien (Print und Online) ganz weit vorne. Man informiert sich kostenlos online oder mit einer Gratiszeitung im öffentlichen Verkehr. Ein Abo hat praktisch keiner mehr. Es sind also beide Seiten, die am Rückgang Schuld sind: Einerseits die Verlage, die nicht mehr nur aus «noblen Gründen» Zeitung machen und teilweise ihren Umsatz gar nicht mehr mit ihrem ursprünglichen Kerngeschäft erwirtschaften und andererseits die Leser, die sich mit ihrem Hang zur «Gratiskultur» keine Zeitungsabonnemente mehr leisten.

Gerade Regional- und Lokalzeitungen sind auf die lokale Verankerung angewiesen. Sie sind für das lokale Gewerbe die einfachste Möglichkeit, die lokale Kundschaft zu erreichen. Wenn aber dieser Werbemarkt durch mangelnde Leser schwindet, dann bedeutet dies über Kurz oder Lang das Ende der Zeitungstitel. Das geht dann in die gleiche Richtung, wenn man das Verschwinden der kleinen Läden in den Innenstädten betrauert, aber nur bei den grossen Ketten oder im Internet einkauft.

Von Kunduz, über Super-Bayern und Charlotte Roche, zu neuen Smartphones mit Windows 10 und vielen, vielen GIFs. Trotzdem ist Watson.ch qualitativ überdurchschnittlich gut

Man kann es kaum glauben: Eine Newsportal, auf dem sich die guten Artikel hinter vielen GIFs, Listicles und Soft News verstecken, ist das qualitativ drittbeste Onlineportal der Deutschschweiz. Die Rede ist von «Watson.ch». Die farbenfrohste Online-Zeitung der Welt, wie ich sie auch schon genannt habe, hat sich gemacht. Was man als Leser in den letzten Monaten selbst beobachten konnte, wies nun das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich nach. «Watson.ch positioniert sich in der Deutschschweizer Medienarena qualitativ zwar hinter den Qualitätsflaggschiffen nzz.ch und tagesanzeiger.ch, aber deutlich vor den Newssites der Boulevard- und Gratismedien», so das fög. Laut dem Auszug aus dem diesjährigen «Jahrbuch Qualität der Medien» des fögs, profitiere Watson.ch «dabei mitunter vom Abdruck der Ausland-Beiträge von Spiegel Online».

Watson.ch selbst nahm es mit Humor und titelte: «Jetzt wissenschaftlich bewiesen: watson doch nicht so scheisse wie angenommen».

Für mich ist das noch junge Newsportal vor allem auf dem Smartphone interessant. Da stört es nicht so, dass die Einstiegsseite der Online-Zeitung hauptsächlich aus grossen Bildern besteht. Die vielen interessanten Hard News und Kommentare verschwinden leider noch immer zu oft unter der Flut von unwichtigem Klatsch und Tratsch. Aber so wie sich Watson.ch seit seiner Gründung entwickelt hat, kann man nur positiv in die Zukunft schauen. Die Mischung aus politischer Berichterstattung, Listicles, Quiz und spannenden Hintergrundartikeln scheint auch beim Publikum anzukommen. Und wer im Zug oder Tram sitzt, und gerade etwas Zeit hat, kann sie ganz schnell mit dem Picdump verschwenden.

Hilft die Google Brille bei der Hexenjagd?

Wer sie bereits hat, kann sich glücklich schätzen und sich zu den “Super”-Nerds zählen. Alle anderen müssen mindestens bis Ende 2013 auf “Google Glass” warten.

Google Glass ist ein Miniaturcomputer, welcher wie eine Brille am Kopf getragen wird, und vor einem Auge Informationen auf einem Display anzeigen kann. Während sich die Datenschützer bereits jetzt die Haare ausreissen, jubeln IT-Experten über diesen technischen Meilenstein.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Technologie missbraucht werden könnte. Vielleicht wartet auch ein Teil der Bevölkerung von Papua-Neuguinea auf diese neue Technologie. Offiziell wird “Witch-hunt”, also Hexenjagd, nicht als Funktion der Google Brille angeboten, jedoch könnten findige Hexenjäger dieses Manko noch ausmerzen.

Mit dem Sprachkommando: “ok, glass, hunt the witch”, soll das Feature “Witch-hunt” ausgelöst werden. Die Brille könnte dann ein Foto der betreffenden Hexe machen, direkt an alle anderen Hexenjäger weiterleiten und ihnen einen Termin im elektronischen Kalender eintragen. Gleichzeitig wird nun im Blickfeld die kürzeste Route zum nächsten Scheiterhaufen oder Richtplatz angezeigt.

Ob und wie Google gegen den Missbrauch der Google Brille vorgehen will, ist bis dato nicht bekannt. Das “The 5-Point Café” in Seattle verbietet Google Glass schon einmal pro­phy­lak­tisch.

Informiert wie ein Regenwurm

“Ich bin informiert wie ein Regenwurm, ich weiss nur ob es gerade regnet.”

Mit diesem Satz hat mich heute im Zug ein Kollege amüsiert, als ich gerade in einer gedruckten “20 Minuten” blätterte, und er wild auf seinem Smartphone tippte.

Gratiszeitungen eignen sich zur raschen Informationen, in einfacher Form werden die wichtigen und unwichtigen Geschehnisse des letzten Tages versprachlicht. Dass sich viele nur noch über solche Gratiszeitungen (gedruckt oder online) informieren, und anspruchsvollere Publikationen eher selten lesen, wirkt sich stark auf die Unterhaltungen zwischen den Menschen aus. So weiss zwar jeder, dass Hayden Panettiere im Bikini ihren Strandurlaub genoss, die wenigsten haben jedoch vom ersten globalen Waffenhandelsabkommen gelesen. Sind wir ehrlich: Hayden Panettiere macht visuell auch mehr her als Ban Ki Moon.

Wenn nicht gerade ein Atomkraftwerk havariert, dann sind lokale Nachrichten meist auch spannender. Von lokalen und globalen Nachrichten werden wir jedoch überschwemmt. Man kann mit dieser Flut umgehen wie man will, die einen wissen über jedes Ereignis Bescheid, andere verhalten sich wie Regenwürmer.

In der letzten Zeit kaufe ich mir stets den “Spiegel”, weil ich gerne die Hintergründe zu den wirklich wichtigen Themen erfahre, und nicht unbedingt alles wissen muss. Ich möchte kein Regenwurm sein, aber auch nicht alles um mich herum aufsaugen wie ein Schwamm. Ich hab mich deshalb auch noch nicht für ein (Online)-Abo einer Tageszeitung durchringen können. Wenn schon möchte ich selektiv, die für mich wichtigsten, Artikel bei verschiedenen Tageszeitungen lesen können – doch das kostet teures Geld. Wie viel ist anspruchsvolle Information also wert, oder reichen die kurzen Zusammenfassungen von Boulevard-, oder Gratiszeitungen?